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Gesundheitskarte Leuchtturm, sei wachsam

17.11.2005 ·  Die elektronische Gesundheitskarte ist für die Politik ein Prestige-, sogar ein „Leuchtturmprojekt“. Es gibt allerdings Zweifel daran, wie sie sich durchsetzten läßt. Und vor allem: Bis wann?

Von Joachim Müller-Jung
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Es kam wie es kommen mußte: Nachdem sich die medizinische Selbstverwaltung der Krankenkassen-, Ärzte- und Apothekerverbände bei den Entwicklungsarbeiten zur elektronischen Gesundheitskarte - dem „größten EDV-Projekt Europas“, wie die Politik gerne anmerkt - oft mehr selbst im Weg stand als ihr selbst recht sein konnte, hat das Bundesgesundheitsamt durchgegriffen.

Zwei Tage vor Beginn der närrischen Zeit und knapp eine Woche vor dem großen Branchentreffen auf der „Medica“ in Düsseldorf veröffentlichte das Ministerium eine Rechtsverordnung zur Testphase des Projektes. Eine Verordnung, die „den Entscheidungsstau auflösen sollte“, wie der für die telematische Zukunft der Medizin zuständige Experte im Ministerium, Stefan Bales, gestern sagte. Handeln statt streiten lautet die Devise. Denn daß das elektronische Großunternehmen auch in der neuen politischen Konstellation eine Prestigesache der mit Aushängeschildern eben nicht verwöhnten Bundesgesundheitspolitik ist, daran ließ Bales auf der Medica keinen Zweifel: Die elektronische Gesundheitskarte sei auch im aktuellen Koalitionsentwurf von Union und Sozialdemokraten als „Leuchtturmprojekt“ enthalten.

Zweifel am Zeitplan

Ein Scheitern oder auch nur weitere grobe Verzögerungen im Fahrplan wären deshalb praktisch auch eine persönliche Niederlage für die alte und neue Ministerin. Nach einem Scheitern allerdings sah es gestern auf dem Düsseldorfer Branchentreff keineswegs aus. Gewiß, der Bundesverband der Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien, „Bitkom“, meldete seine Zweifel an, daß die Ausgabe der etwa 75 Millionen Gesundheitskarten und der 350.000 Heilberufeausweise wie früher gewünscht noch im Laufe dieses Jahres routinemäßig beginnen könne. Tatsächlich muß, wenn alles reibungslos funktionieren soll, die neue Telematik-Infrastruktur an vielen Stellen erst noch aufgebaut werden.

„Leuchtturmprojekt“ elektronische Gesundheitskarte

Allein 30.000 bis 35.000 Arztpraxen im Bundesgebiet müssen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zufolge ihre alten Computer einmotten und neue Rechner sowie Lesegeräte für die jeweils mit einem eigenen Mikroprozessor ausgestatteten Elektronikkarten installieren. Doch der Anfang ist gemacht. In Düsseldorf wurden offiziell die ersten zehn Arztausweise ausgehändigt, mit denen der Doktor in der Praxis online gehen und wichtige medizinische Daten des Patienten - etwa die Arztbriefe oder andere medizinische Dokumente - aus einem Zentralcomputer herauslesen kann.

Reibungsflächen des digitalen Dialogs

Bisher muß er für die Krankenakten oft lange hinterhertelefonieren. Künftig soll er - elektronisch verschlüsselt selbstverständlich - ganz schnell an die Daten herankommen, wenn der Patient ihm dafür dessen Gesundheitskarte zur Verfügung stellt. Beide zusammen werden in einem Lesegerät miteinander abgeglichen und öffnen dem Arzt die Möglichkeit für die Recherche im Medizinnetz. Er hat dann auch die Option, das vereinbarte Rezept auf den kleinen Computerchip auf der Gesundheitskarte abzuspeichern und damit alle für den Apotheker nötigen Informationen elektronisch bereitzuhalten.

Schon bei diesem digitalen Dialog in der Praxis zwischen Arzt und Patient allerdings offenbaren sich Reibungsflächen, die wie viele andere zwischen den Trägern der Selbstverwaltung offenbar immer noch nicht ausgeräumt sind. Während etwa die Ärzteverbände die direkte Verbindung zwischen Arztausweis und Gesundheitskarte, die „Karte-zu-Karte“-Kommunikation, favorisieren, wünschen sich die Krankenkassen eine Überprüfung der Daten - beispielsweise der Gültigkeit - durch einen Zentralcomputer.

Mehr Klarheit bringen womöglich die „Labortests“, die jetzt in einigen Regionen von Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen und Schleswig-Holstein angelaufen sind. Schon im Laufe des Jahres dann, wenn die Bewerbungen der Länder für weitere, größere Tests mit zehntausenden und schließlich hunderttausenden Patienten abgehakt sind und die Ergebnisse einlaufen, wird sich der offizielle Starttermin für die Gesundheitskarte herauskristallisieren. In Düsseldorf zumindest wollte niemand aus der Branche eine Wette abschließen, wann der telematische Standard der Zukunft kommen und wie er aussehen wird.

Quelle: F.A.Z., 18.11.2005, Nr. 269 / Seite 34
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Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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