03.08.2005 · Falsche Mittel zum Schutz gegen Sonnenstrahlen können Schäden sogar fördern: Die Zahl der Erkrankungen hat in den vergangenen Jahren drastisch zugenommen.
Von Rainer FlöhlDie Zahl der Hautkrebserkrankungen hat in den vergangenen Jahren drastisch zugenommen. Begünstigt wurde dieser Anstieg zweifellos durch übermäßige Sonnenbestrahlung. Sonnenschutzmittel sind trotz beachtlicher Fortschritte bei der Entwicklung dieser Produkte nur bedingt hilfreich. Hautärzten wie Carola Berking von der Klinik für Dermatologie und Allergologie der Universität München zufolge könnten die Mittel mitunter sogar einen paradoxen Effekt entfalten, indem sie die Entstehung des gefährlichsten Hautkrebses, des Melanoms, begünstigten.
Die jüngsten Forschungsergebnisse haben gezeigt, daß die Zusammenhänge zwischen Hautkrebs und Sonnenbestrahlung weitaus komplexer sind als lange angenommen („Der Hautarzt“, S. 687). Das hängt zum einen damit zusammen, daß die gefährliche ultraviolette Strahlung aus zwei Komponenten besteht: einem langwelligeren, biologisch schwächeren Bereich (UV-A) mit einem Anteil von 90 bis 99 Prozent sowie einem kurzwelligeren, energiereicheren Anteil (UV-B), auf den ein bis zehn Prozent entfallen. Zum anderen reagieren die einzelnen Komponenten der vor allem betroffenen Oberhaut einschließlich der für die Hautfärbung verantwortlichen pigmentbildenden Zellen unterschiedlich auf das in die Haut dringende ultraviolette Licht. Werden die Basalzellen getroffen, kommt es zum Basalzellkarzinom, das mit rund 80000 Neuerkrankungen jährlich der häufigste, aber auch am besten heilbare Hautkrebs ist. Etwas aggressiver verhält sich der Stachelzellkrebs, das Plattenepithelkarzinom, auf das rund 30.000 Erkrankungen jährlich entfallen. Beide Karzinome neigen kaum zur Bildung von Metastasen, weshalb die Mortalität mit insgesamt rund 2000 Todesfällen jährlich vergleichsweise gering ist. Anders verhält sich der schwarze Hautkrebs, das Melanom, der bei rund 12.000 Menschen jährlich auftritt und zu 2500 Todesfällen führt.
Komplexe Entstehung von Melanomen
Basalzell- und Stachelzellkrebs treten vor allem an Körperregionen auf, die der Sonnenbestrahlung ausgesetzt sind. Allerdings geht der Stachelzellkrebs keineswegs allein auf ultraviolette Strahlung zurück. Wie Harald zur Hausen vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg in der „Aktuellen Dermatologie“ (Bd. 31, S. 257) berichtet, sind offenbar die weit verbreiteten Papillomviren an der Krebsentstehung beteiligt. Die Erreger verhindern die Apoptose, das Absterben strahlengeschädigter Zellen, und begünstigen so die Entartung.
Wesentlich komplexer sind die Verhältnisse, wie Frau Berking berichtet, beim Melanom. Dieser Tumor kommt häufig auch an Körperstellen vor, die nicht oder nur selten dem Sonnenlicht ausgesetzt sind. Dementsprechend finden sich in solchen Tumoren auch kaum charakteristische Strahlenschäden an der Erbsubstanz. Neben der direkten Schädigung des Erbguts können auch indirekte Wirkungen der Strahlung die Entartung von Hautzellen begünstigen. Dazu gehören neben einem immunsupressiven Effekt Sauerstoffradikale sowie eine ganze Reihe von Wachstumsfaktoren, etwa der basische Fibroblasten-Wachstumsfaktor, dessen Rolle Frau Berking an Mäusen mit menschlichen Hauttransplantaten erforschte. Die Untersuchungen deuten darauf hin, daß die Haut Neugeborener besonders strahlenempfindlich ist. Da Melanome bei Personen, die regelmäßig der Sonne ausgesetzt sind, seltener auftreten, liegt es nahe, daß eine intensive „akut intermettierende“ Sonnenexposition das Melanomrisiko erhöht.
„Breitbandschutz“ gegen die Sonne
Was den paradoxen Effekt der Sonnenschutzmittel beim Melanom betrifft, dürfte dies damit zusammenhängen, daß die Präparate die Ausbildung von Lichtschwielen verhindern, die normalerweise nach ungeschützter Exposition entstehen und anschließend das ultraviolette Licht stärker streuen. Hinzu kommt, daß die meisten auf dem Markt angebotenen Sonnenschutzmittel das Verhältnis zwischen UV-A und UV-B verschieben. Bislang wurde vor allem angestrebt, das kurzwellige UV-B zu dämpfen, so daß sich der Anteil an UV-A erhöhte. Dessen Auswirkungen auf die Haut wurden lange unterschätzt. Inzwischen weiß man, daß auch er wesentlich an den dem Sonnenlicht angelasteten Veränderungen beteiligt ist. In einem Beitrag über Sonnenschutzmittel in der Zeitschrift „Chemie in unserer Zeit“ (Bd. 38, S. 98) gehen Heinz Langhals und Kerstin Fuchs vom Department Chemie der Universität München ausführlich auf die Wirkungen des UV-A ein. So fördert dieser die Alterung der Haut und löst toxische sowie allergische Reaktionen aus. Der Lichtschutzfaktor sagt bislang nur etwas über die Reduktion des UV-B aus.
Moderne Sonnenschutzmittel sollten einen „Breitbandschutz“ entfalten. High-Tech-Produkte haften zudem besser und dringen dennoch kaum in die Haut ein. Trotz aller Fortschritte warnen Langhans und Fuchs vor sorglosem Sonnenbaden. Viele wiegen sich in falscher Sicherheit, da sie die Mittel oft nicht richtig anwenden. Die Präparate werden nicht dick genug aufgetragen und nicht gleichmäßig über alle Hautflächen verteilt. Allerdings scheinen die modernen Mittel, die organisch-chemische Verbindungen als Filter enthalten, nach den Angaben von Langhals und Fuchs vermehrt zu Allergien zu führen.