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Gehörlose Kinder : Stumm in zwei Welten

Volle Aufmerksamkeit: Magdalena und Roberto Stenzel erklären ihrem gehörlosen Sohn Beni mit Gebärden die Welt Bild: Pein, Andreas

Gehörlosen Kindern wird heute mit Cochlea-Implantaten geholfen. Das Lernen der Gebärdensprache wird deshalb vom Sozialamt nicht mehr finanziert. Doch ohne Gebärden können Eltern und Kinder nicht kommunizieren, wenn die Technik versagt.

          Benedict öffnet und schließt seine kleinen Hände, immer wieder. Das bedeutet „an“ und „aus“, und er meint damit das Licht. Es war sein erstes Wort. Er hat es nicht gesprochen, sondern gebärdet. Das ist jetzt gut ein Jahr her. Heute kennt Beni, wie ihn seine Eltern nennen, schon gut 200 Gebärden. Verstehen kann er noch mehr, freilich noch nicht alle zeigen. Aber er erkennt die wichtigsten: „Mama“ heißt, sich mit der geschlossenen Hand über die rechte Wange zu streichen, und „Papa“, mit dem Zeigefinger auf die rechte Wange zu tippen. Da, wo die Bartstoppeln sind.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Magdalena Stenzel hat ihren Sohn gerade vom Kindergarten abgeholt. Beni ist jetzt zwei Jahre alt. Es hat frisch geschneit, er will noch vor der Haustür toben. „Heute kommt doch die Steffi“, erklärt und gebärdet seine Mama. Beni weiß sofort, worum es geht. Er freut sich auf Steffi. Zweimal in der Woche kommt die studierte Gebärdensprachdolmetscherin für eine Stunde vorbei. Steffi kann ihm die Welt erklären. Neulich waren sie sogar im Laden um die Ecke, dort gab es große Kisten mit Äpfeln. Jetzt zeigt er begeistert „Apfel“. Diesmal hat Steffi ein Tier-Lotto mitgebracht. „Was fressen die Vögel?“, gebärdet sie. Beni piepst und flattert mit den Armen. Das bedeutet „Vogel“; dass sie Körner fressen, weiß er noch nicht.

          Beni ist von Geburt an taub. „An Taubheit grenzende Schwerhörigkeit“ lautet die Diagnose, aber für die Eltern ist das gleich: Ihr Sohn kann nicht hören. Die Nachricht war ein Schock für Magdalena und Roberto Stenzel. Heute wissen sie, dass eins von tausend Kindern gehörlos auf die Welt kommt. So gut wie alle haben hörende Eltern. Und das bedeutet: Mama und Papa leben in der einen, ihr Kind aber in einer anderen Welt. Beide Welten zusammenzubringen ist für Eltern und Kind ein großer Kraftakt.

          Unerreichbar weit weg

          „Bis Beni ein Jahr alt war, konnten wir kaum mit ihm kommunizieren“, sagt Roberto Stenzel. „Uns haben buchstäblich die Worte gefehlt.“ Zu der Zeit hatten sie ein sehr hartes Jahr hinter sich. Schon bei der ersten Untersuchung kurz nach der Geburt stellten die Ärzte fest, dass Beni nichts hörte. „Das beunruhigte uns zwar“, sagt Magdalena Stenzel. „Aber wir wussten auch, dass diese Tests nicht allzu zuverlässig sind.“ Fortan regierte das Prinzip Hoffnung. „Wir haben uns immer wieder eingebildet, dass er reagiert“, sagt der Vater. Wenn das Telefon klingelte und Beni sich bewegte oder beim Spazieren ein Bus vorbeifuhr und Beni zuckte - alles werteten sie als gutes Zeichen.

          In Wirklichkeit war gar nichts gut. Ständig musste Beni ins Krankenhaus, immer neue Ärzte kamen, ihn zu untersuchten. Das Ergebnis blieb das gleiche, auch zu Hause. „Er reagierte auf nichts“, sagt die Mutter. „Nicht auf Stimmen, nicht auf Topfklappern, er erschrak auch nicht, wenn uns was runterfiel.“ Ab und an gab Beni typische Babylaute von sich. Nach sechs Monaten verstummte er völlig. Er war jetzt ganz in seiner Welt und seine Eltern verzweifelt in der ihren. Ihr Sohn schien ihnen unerreichbar weit weg.

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