13.01.2010 · Für Selbsthass und Sellerieschnitze ist das Leben viel zu kurz, meinen viele übergewichtige Amerikaner. Sie wollen sich nicht länger diskriminieren lassen, ihre politische Bewegung gewinnt an Gewicht.
Von Katja GelinskyNie im Leben würde Marilyn Wann einen Fuß in den Gemüsegarten setzen, den First Lady Michelle Obama am Weißen Haus angelegt hat. „Niemals!“ Nicht weil Marilyn Wann Möhren, Erbsen und Bohnen verabscheute - im Gegenteil: „Ich liebe Gemüse.“ Aber der vielgepriesene „Küchengarten“, mit dem die First Lady einen Beitrag im Kampf gegen die Verfettung ihrer Landsleute leisten will, ist für die Kalifornierin eine Kriegserklärung. Als Michelle Obama im Sommer, medienwirksam umringt von Schulkindern, ein paar Unkräuter zwischen Kohl- und Salatköpfen weghackte, war das für Marilyn Wann ein symbolträchtiger Akt: „Das Gartenprojekt zielt darauf, uns fette Amerikaner auszurotten“, behauptet die Kalifornierin.
Marilyn Wann ist kein zartes Pflänzchen. Fast 134 Kilogramm wiegt die Dreiundvierzigjährige - bei einer Körpergröße von knapp 165 Zentimetern. Ein Schwergewicht, nicht nur aufgrund ihrer Statur. Wann gehört zu den prominentesten Aktivisten der „Fat-Acceptance-Community“, einer Graswurzelbewegung, die gegen den Schlankheitswahn und für die Akzeptanz von Dicken kämpft. „Das Leben ist zu kurz für Selbsthass und Sellerieschnitze“, proklamiert Wann in ihrem erfolgreichen Buch „Fat! So?“. „Du kannst glücklich, gesund, erfolgreich - und fett sein“, versichert die Absolventin der Elite-Uni Stanford auch in zahlreichen Vorträgen, Interviews und Beiträgen zu „Fat-Pride“.
„Health at Every Size“
Noch sind die kämpferischen Dicken eine gesellschaftspolitische Randgruppe. „Aber Interesse und Aufmerksamkeit wachsen“, sagt die kalifornische Ernährungsprofessorin mit dem schönen Namen Linda Bacon („Schinkenspeck“). Bacon veröffentlichte 2005 eine Studie dazu, dass es nicht aufs Abnehmen, sondern auf einen gesunden Lebensstil ankomme. Frauen, die an Bacons mit staatlichen Geldern geförderter, mehrjähriger Untersuchung teilnahmen, waren später zwar nicht schlank und rank - ebenso wenig wie Probandinnen der Vergleichsgruppe, die nach einem traditionellen Diätplan hungerten. Aber dafür hatten die Frauen, die Bacons Ernährungs- und Fitnessplan folgten, später bessere Cholesterin- und Blutdruckwerte. Und sie fühlten sich viel besser - trotz Speckrollen an Taille und Hüfte. „Health at Every Size“, lautet das Mantra der Ernährungsprofessorin, die übrigens normalgewichtig ist.
Aber was heißt schon normal? Die Zahl der übergewichtigen Amerikaner ist so rapide gestiegen, dass die Gesundheitsbehörde „Centers for Disease Control and Prevention“ (CDC) von einer „Fettleibigkeitsepidemie“ spricht. Anfang der neunziger Jahre gab es noch keinen Bundesstaat, in dem der Anteil der fettleibigen, also stark übergewichtigen Amerikaner die Zwanzigprozentmarke überschritt. Heute sieht das ganz anders aus: Nur noch im Outdoor-Paradies Colorado ist weniger als ein Fünftel der Bevölkerung fettleibig. Insgesamt gibt es mehr übergewichtige als normalgewichtige Amerikaner: Rund zwei Drittel sind nach den Berechnungen der CDC zu dick. Ein Drittel - rund 72 Millionen Bürger - gelten mit einem Body-Mass-Index (BMI) von 30 und mehr als fettleibig.
Früher rebellierte Wann mit massivem Körpereinsatz
Vor den gesundheitlichen Risiken dieser Verfettung wird seit langem gewarnt. Zur medizinischen kommt die volkswirtschaftliche Last: Rund 117 Milliarden Dollar im Jahr bürden fettleibige Amerikaner dem amerikanischen Gesundheitssystem nach Schätzungen der CDC auf. Der dramatische Kostenanstieg im Gesundheitswesen sei zu mehr als einem Viertel auf die Behandlung gewichtsbedingter Krankheiten zurückzuführen. Gesundheitsausgaben für übergewichtige Arbeitnehmer lägen um bis zu 117 Prozent höher als für schlanke Mitarbeiter.
Derartige Alarmmeldungen sind es, die Aktivisten der „Size Acceptance“- Bewegung auf die Palme bringen. „Der größte Gegner ist das Establishment mit seinen Angstkampagnen auf Kosten dicker Amerikaner“, kritisiert Linda Bacon. Marilyn Wann trotzt der amerikanischen Regierung und der Mehrheit der Wissenschaftler, die Übergewicht als Übel betrachten, mit Bergen von Studien und Statistiken, die beweisen sollen, dass Gesundheit und Körpergewicht nicht unbedingt miteinander zusammenhängen. „Es gibt mehrere Langzeituntersuchungen, die widerlegen, dass Dicke einem höheren Sterberisiko ausgesetzt sind als Schlanke.“ Und was ist mit den zahlreichen Studien zu den Gesundheitsgefahren bei Übergewicht? Dabei würden andere Faktoren wie Alter, ethnische Zugehörigkeit und Lebensstil oft ausgeblendet, argumentiert Wann. Wie manipulativ verfahren werde, sehe man schon daran, dass 1998 die Gewichtsklassifizierungen nach dem Body-Mass-Index geändert und damit schlagartig Millionen von Amerikanern für übergewichtig erklärt worden seien.
Aktivisten ist der Sprung an Universitäten gelungen
Dass neue wissenschaftliche Erkenntnisse zum Zusammenhang zwischen Gewichtszunahme und Krankheitsrisiken der Grund für die Neudefinition von Übergewicht waren, lässt Wann nicht gelten. „Dicke sind Opfer gesellschaftlicher Stigmatisierung, die medizinisch ummantelt und gerechtfertigt wird“, doziert sie am Telefon. „Ein äußerst wirkungsvoller Trick, uns Fette wie sozial Aussätzige zu behandeln.“ Früher rebellierte Wann dagegen mit massivem Körpereinsatz. Als Wasserballetteuse und Cheerleader in schrillen Kostümen. Heutzutage sind Schwimmgruppen, Yogaklassen und Fitnessclubs für Dicke nichts Besonderes mehr. Auch ist den Aktivisten der Sprung an die Universitäten gelungen. Selbst an der Yale University werden „Fat Studies“ zum gesellschaftlichen Umgang mit Übergewicht betrieben. „Da sieht man, was wir bewirkt haben“, sagt Wann zufrieden. Vor allem das Internet habe der Bewegung enormen Schub verliehen. Aber schon lange, bevor sich bekennende „Fatties“ auf Internetseiten und in Blogs wie „fatshionista“ und „fatosphere“ zu Wort meldeten, gab es die „National Association to Aid Fat Acceptance“ (NAAFA). Der Lobbyverband für Dicke wurde 1969 während der Bürgerrechtsbewegung gegründet. Auch die Fat-Power-Aktivisten der zweiten Generation treten demonstrativ als Kämpfer für Recht und Freiheit auf. In Anlehnung an die Homosexuellenbewegung appelliert Wann an übergewichtige Landsleute, sich als „fett“ zu outen. Den eigenen Körper zu akzeptieren - egal ob dick oder dünn, schwarz oder weiß, schwul oder straight - sei eine Form des „politischen Widerstands“.
Den haben die Regierung Obama und der Kongress auch in der Debatte über die Gesundheitsreform zu spüren bekommen. In der Kontroverse ging es um Gesetzesvorschläge, Übergewichtige durch Belohnung und Sanktionen am Arbeitsplatz zum Abnehmen zu ermuntern. „Eine willkürliche Diskriminierung von uns Fetten“, findet Wann, die wegen ihres Übergewichts nur minimalen Krankenversicherungsschutz genießt. Schon seit Jahren kämpfen die Weight-Acceptance-Lobbyisten dafür, Diskriminierung aufgrund des Körpergewichts zu verbieten. Dicke haben größere Schwierigkeiten bei der Wohnungs- und Jobsuche, sie verdienen weniger und werden seltener befördert, argumentieren Wann und ihre Mitstreiter. Doch bislang ist Michigan der einzige Bundesstaat, der Diskriminierungen aufgrund des Gewichts untersagt. Auch auf lokaler Ebene waren die Verbotsinitiativen nicht besonders erfolgreich. San Francisco, Santa Cruz und die Hauptstadt Washington sind die einzigen größeren Städte, die Bestimmungen zum Schutz Übergewichtiger getroffen haben. Generell werden Dicke nicht als besonders schützenswerte Personengruppe anerkannt. „Völlig zu Unrecht“, behauptet Marilyn Wann. „Denn einfach abnehmen funktioniert in den allermeisten Fällen nicht. 95 bis 98 Prozent aller Diäten scheitern.“
„Ich war es einfach leid, mich selbst zu hassen“
Man schaue sich nur Oprah Winfrey an. Die Talkkönigin hatte sich 1988 ihrem Publikum triumphierend in Jeans der Größe 38 präsentiert. Mehr als dreißig Kilogramm hatte Oprah sich in vier Monaten heruntergehungert, mit einer Flüssigdiät und rigorosem Lauftraining. Doch ein paar Jahre später waren Hüften und Oberschenkel der Moderatorin und Unternehmerin üppig wie zuvor. „Ich mache nie wieder eine Schlankheitskur“, versicherte Oprah 1990 - um es dann doch wieder mit neuen Tipps und Tricks zu versuchen.
Die Hoffnung, mit der Talkkönigin werde eine der einflussreichsten Frauen Amerikas ins Lager der Fett-Lobbyisten wechseln, hat Marilyn Wann längst aufgegeben. Die neue Ikone der Fat-Power-Bewegung ist Gabourey Sidibe, die übergewichtige Hauptdarstellerin in dem Film „Precious“. Die schwarze Debütschauspielerin aus Harlem wird derzeit frenetisch als neuer Kinostar gefeiert - trotz ihrer 168 Kilogramm. In „Precious“ spielt die Sechsundzwanzigjährige eine geistig beschränkte Teenagermutter, die von ihrem Vater geschwängert und von ihrer Mutter geschlagen wird. Im wirklichen Leben ist Sidibe eine äußerst selbstbewusste, schlagfertige junge Frau. Auch sie hatte früher etliche Male versucht abzunehmen. „Aber dann habe ich entschieden, mich so zu mögen, wie ich bin“, erzählte „Gabby“ bei Oprah. „Ich war es einfach leid, mich selbst zu hassen.“ Die Fat-Pride-Community ist entzückt.
Die Kritik an der Bewegung überwiegt
Als wichtigen Erfolg verbucht die Bewegung überdies einen Aufruf, den führende amerikanische Vereinigungen, die sich mit Essstörungen befassen, kürzlich an Mediziner, Politiker, Arbeitgeber und andere Entscheidungsträger richteten. Es sei nicht hilfreich, vor allem Dicke aufs Korn zu nehmen, heißt es in dem Appell. Besser sei es, allen Amerikanern, ob dick oder dünn, eine gesündere Lebensweise zu empfehlen.
Auch wenn damit gewisse Forderungen der Fat-Acceptance-Community den Mainstream erreicht haben, überwiegt doch die Kritik an der Bewegung. Wer sich und anderen einrede, zusätzliche Pfunde schadeten nicht, sondern bereicherten die Vielfalt der amerikanischen Gesellschaft, verbreite gefährliche Irrtümer, kritisieren Wissenschaftler wie Walter Willett, der die Abteilung für öffentliche Gesundheit an der Harvard-Universität leitet. Noch immer gelte: „Für beinah jeden Übergewichtigen wären ein paar Pfunde weniger mehr.“