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Valproinsäure für Schwangere : Das unausgesprochene Risiko

Ultraschallbild eines Fötus in der Gebärmutter: Nehmen Schwangere Valproat, steigt das Risiko für schwere Fehlbildungen der Kinder sehr stark. Bild: Getty

Arzneimittel mit Valproinsäure schaden ungeborenen Kindern. Schwangere bekommen die Mittel trotzdem vielfach verschrieben, obwohl man die Gefahr kennt. Warum?

          Fast farblos mit leichtem Gelbstich, dünnflüssig und klar: So sieht der Stoff aus, der in Frankreich 2016 für einen Medizinskandal gesorgt hat. Valproinsäure heißt er, ist eigentlich ein Lösungsmittel, hilft aber auch als Arznei, zum Beispiel gegen Epilepsie. Rund 15000 Schwangere haben in Frankreich zwischen 2007 und 2014 diesen Wirkstoff bekommen. Viele von ihnen brachten Kinder mit schweren Fehlbildungen und kognitiven Störungen zur Welt. Es war zwar bekannt, wie gefährlich das Mittel ist, was die Frauen da nehmen – erklärt wurde es ihnen aber nicht gut genug. Deshalb entschädigt der Staat die Betroffenen jetzt mit zehn Millionen Euro.

          Denise Peikert

          Freie Autorin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Und in Deutschland? Auch hier wird das Mittel verschrieben, Zehntausenden Frauen im gebärfähigen Alter. Dass Valproinsäure für diese Frauen hochproblematisch ist, ist schon seit Jahrzehnten bekannt. Lange waren Ärzte sich aber nicht einig, wie mit den Risiken umzugehen sei. Die höchste Warnstufe löste das zuständige Bundesinstitut erst Ende 2014 aus – und in dieser Woche hat es seine Vorsichtsmaßnahmen noch einmal verschärft. Was das für die Betroffenen bedeutet, damit hat sich inzwischen auch die Bundesregierung beschäftigt. Ihre Antwort kam vor ein paar Wochen, im Januar bereits, und ist beunruhigend vage. Aber der Reihe nach.

          Valproinsäure ist in der Medizin, das kann man so sagen, ein magischer Stoff und zugleich ein ziemlicher Hammer. Medikamente mit der Säure oder dem Salz Valproat als Wirkstoff helfen vor allem gegen Epilepsie und bei psychisch Kranken mit bipolaren Störungen, oft auch dann noch, wenn nichts anderes mehr hilft. Sie sind aber auch die giftigsten ihrer Art. Valproat kann zu Leberversagen führen, Psychosen und Spastiken auslösen, es wird mit erhöhtem Selbstmordrisiko und Hirnschäden verbunden.

          Besonderes fatale Wirkung auf ungeborenes Leben

          So weit das tägliche Dilemma vieler Mediziner, die zwischen dem Nutzen und dem Schaden von starken Medikamenten abwägen müssen. Das besonders Heikle an Valproat ist aber seine Wirkung auf ungeborenes Leben. Nehmen Schwangere die Tabletten ein, steigt das Risiko für schwere Fehlbildungen des Kindes so stark wie bei kaum einem anderen Medikament – vor allem in den ersten 28 Tagen nach der Befruchtung. Also zu einem Zeitpunkt, an dem viele noch gar nicht wissen, dass sie heranwachsendes Leben in sich tragen. Deshalb darf das Mittel schon an Frauen, die schwanger werden könnten, nur in absoluten Ausnahmefällen verschrieben werden. 2015 ist diese Ausnahme in Deutschland 240000 Mal vorgekommen. Wie kann das sein?

          Hajo Hamer ist Neurologe, Chefarzt an der Universität in Erklangen und er gehört als Leiter des Epilepsiezentrums dort zu den Ärzten, die Valproat schon seit Jahren beschäftigt. Er weiß, wie gut der Wirkstoff hilft. Er kann aber auch im Schlaf aufzählen, wie problematisch er genau ist: Wird er in der Schwangerschaft verabreicht, haben mehr als zehn Prozent aller Kinder Fehlbildungen an Hirn, Herz oder Wirbelsäule – bei Dosen über 1000 Milligramm am Tag können es einer Studie von 2015 zufolge bis zu 24 Prozent sein. Zehn bis zwanzigmal höher als ohne Valproat ist das Risiko für eine bestimmte Fehlbildung, den sogenannten offenen Rücken. Und: In bis zu 40 Prozent aller Fälle kommen Kinder mit kognitiven Störungen zur Welt, Lernschwäche zum Beispiel oder Autismus.

          Dennoch verschreibt der Neurologe Hamer Medikamente mit Valproat auch an Frauen, die schwanger werden könnten, und zur Not sogar an solche, die es sind. Er darf das, unter größter Vorsicht, wenn er seine Patientinnen genau aufklärt, und auch nur dann, wenn kein anderes Medikament hilft. „Valproat gehört zu den wirkstärksten Mitteln bei bestimmten Epilepsien“, sagt Hamer und erklärt seine Zwickmühle: Wenn Frauen in der Schwangerschaft epileptische Anfälle bekommen, dann ist auch das ein Risiko für das Kind. Es gibt zwar andere Medikamente, bei einigen davon gilt inzwischen sogar als sicher, dass sie Ungeborenen nicht schaden. Aber bei einer bestimmten Epilepsie, der sogenannten generalisierten Form, helfen diese Mittel oft nicht. Sie verhindern keine epileptischen Anfälle. „Wenn Anfallsfreiheit das höchste Gut ist, dann gibt es zu Valproat manchmal keine Alternative“, sagt Hamer.

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