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F.A.Z. Woche : „Wie lange ist zu lange?“

  • -Aktualisiert am

Bücher lesen oder Fernsehen schauen? Heute vertreiben Kinder und Jugendliche die Langeweile vor allem mit dem Smartphone. Bild: dpa

Viele Experten sagen: Smartphones haben einen schlechten Einfluss auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Doch stimmt das wirklich? Der Psychologe Andrew Przybylski sagt: Nein! Und hat eine Studie dazu veröffentlicht.

          Jugendliche, die ständig vor ihrem Computer hocken oder auf ihr Smartphone starren, gelten als psychisch gefährdet. Ein Gespräch mit dem Psychologen Andrew Przybylski.

          Herr Przybylski, in der Öffentlichkeit wird immer wieder darüber gestritten, wie viel Zeit Jugendliche vor digitalen Gerätschaften verbringen sollten. Woher kommt der Glaube, dass unsere Geräte schädlich für uns sind?

          In jeder Generation gibt es diese kollektive Angst vor neuen Medien und besonders darüber, wie junge Menschen ihre Zeit verbringen. Die Einführung des Fernsehens, Filme, die Druckerpresse, selbst Lanzenstechen im Mittelalter, all diese Dinge wurden mit Argwohn betrachtet.

          Psychologe Andrew Przybylski
          Psychologe Andrew Przybylski : Bild: privat

          Wie erklären Sie sich das?

          In unserer Umgebung geschehen ständig neue Dinge, und es ist rational, erst einmal skeptisch zu sein. Besonders wenn man älter wird, erscheinen mehr Dinge als Bedrohung. Zurzeit erwischt es eben die digitalen Gerätschaften, weil sie die neueste Veränderung sind. Die rasante Entwicklung der Technik überfordert viele zusätzlich. Das Problem, das sich aus alledem ergibt: Viele der Dinge, vor denen wir in Bezug auf Jugendliche Angst haben, besitzen keinen "Aus"-Schalter. Sie können Pädophile nicht ausschalten, einen PC oder ein Smartphone hingegen schon. Das gibt den Leuten das Gefühl der Kontrolle. Deswegen gibt es diese Diskussion immer wieder.

          Führen wir also die falsche Debatte, wenn wir diskutieren, wie lange ein Jugendlicher vor dem Handy verbringen sollte?

          Ja. Viele Menschen fänden es verrückt, sich ernsthaft darüber zu unterhalten, wie lange man vor einem Buch verbringen oder beim Essen brauchen sollte. Aber bei Fernsehern, Handys und PCs setzt diese Logik aus.

          Ihre Studie wollte diesen Vorurteilen nachgehen. Was genau haben Sie und Ihre Kollegin Netta Weinstein untersucht?

          Wir hatten zwei Ziele. Zum einen wollten wir herausfinden, wie lange zu lange ist. Als Zweites waren wir daran interessiert, wie schädlich ein "zu viel" wirklich ist. Statistisch gesprochen wollten wir feststellen, ab wann moderate Nutzung in ungesunde Nutzung umschlägt und wie ungesund "ungesund" wirklich ist. Wir haben uns einer Gesundheitsstudie angeschlossen, die 120 000 britische Jugendliche im Alter von 15 Jahren befragt hat.

          Dieser Artikel stammt aus der Frankfurter Allgemeine Woche

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          Was hat Sie bei Ihrer Studie am meisten überrascht?

          Bei Fünfzehnjährigen hätte ich mehr Scherzkekse erwartet, die die Umfrage absichtlich falsch beantworten. Das ist aber ausgeblieben. Am meisten hat uns allerdings überrascht, wie gering die negativen Effekte wirklich waren.

          Ihre Untersuchung zeigt also, dass zu viel Zeit vor dem Bildschirm nicht wirklich schädlich ist?

          Genau. Wir konnten beobachten, dass es Teenagern, die moderate Zeitspannen vor ihren Geräten verbringen, bessergeht als Teenagern, die dies nie, wenig oder zu lange tun. Natürlich bedeutet das nicht, dass das eine das andere verursacht, aber es besteht ein klarer Zusammenhang. Generell scheint sich extrem viel Zeit vor digitalen Geräten - mindestens 6 bis 7 Stunden am Tag - negativ auf die Psyche auszuwirken. Doch der tatsächliche Effekt ist sehr gering, um genau zu sein, nur ein Drittel dessen, was es bedeutet, einmal das Frühstück zu verpassen oder ein paar Nächte nicht genug Schlaf zu bekommen.

          Ein Ergebnis Ihrer Studie ist aber auch, dass erhöhte Smartphone-Nutzung sich leicht negativ auf die Psyche auswirkt.

          Das stimmt, wir wissen aber nicht, ob es sich um einen kausalen Zusammenhang handelt. Es kann ebenso gut sein, dass es einen dritten Faktor gibt, der beides verursacht, den wir aber nicht messen konnten. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, eine Person wäre depressiv. Ihr geht es dann psychisch schlecht, und es ist möglich, dass sie deshalb mehr Zeit vor dem Handy verbringt. Plötzlich ergäbe sich ein völlig neues Bild, in dem die Depression beide Faktoren erklärt. Direkt vom einen auf das andere zu schließen ist der erste Fehler, den jeder begeht, der denkt, dass zu viel Zeit vor dem Handy schlecht für uns ist.

          Denken Sie Ihre Studie wird langfristig etwas bewirken?

          In zehn Jahren werden Leute im Radio sagen "Damals haben wir ,Call of Duty' noch am PC gespielt, mit Kumpels und Bier, und das war Gemeinschaft. Die Kinder von heute sitzen allein in ihren Holosuits. Das ist nicht gut." Wenn wir als Wissenschaftler dann nicht in der Lage sind, mit fundierten Argumenten dagegenzuhalten, haben wir ein Problem. Wir brauchen nicht noch mehr Studien, sondern besser durchdachte.

          Ihr Tipp an Eltern wäre ...

          ...sich mit dem eigenen Kind und dessen Medienkonsum ernsthaft und unvoreingenommen zu beschäftigen. So lernt man am ehesten, wo die individuellen Grenzen sind. Das herauszufinden ist wichtiger als jeder Ratschlag von Wissenschaftlern.

          Quelle: F.A.Z. Woche

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