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Gebärmutterhalskrebs Der stille Killer in ihr

 ·  Ein Impfstoff soll schon bald Mädchen in Afrika vor einer der häufigsten Todesursachen auf dem Kontinent schützen – Gebärmutterhalskrebs.

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© Sala Lewis / Gavi Alliance Vergrößern Noch ein typischer Fall in Tansania: Krebspatientin Zena Mwamjengwa

Einer der ersten Wissenschaftler in dem Bau mit der weißen Kuppel und den dunklen Mahagonifenstern an der Ocean Road war Robert Koch. Dreimal zwischen 1897 und 1907 war der „Geheime Medicinalrath“ in dem Krankenhaus, das von 1895 bis 1897 mit Unterstützung des Deutschen Reichstags zunächst ausschließlich für weiße Patienten errichtet worden war. Hier in Daressalam, also in der Kolonie Deutsch-Ostafrika, forschte er in einem Laboratorium auf afrikanischem Boden grundlegend über Tropenkrankheiten, vor allem die Malaria. Bei seinem letzten Aufenthalt war der Entdecker der Tuberkulose bereits Nobelpreisträger für Medizin.

Der deutsche Einfluss ist bis heute zu sehen. Plaketten erinnern an Spenden aus Deutschland: Mal wird der Deutschen Krebshilfe in Bonn, mal der Tansania-Tumorhilfe in Heidelberg, mal den Ministern Guido Westerwelle und Dirk Niebel gedankt, die 2010 auf einem Zwischenstopp eine Gamma-Kamera zur nuklearmedizinischen Diagnostik übergaben. Zudem kann Dr. Julius Mwaiselage viele seiner 30 Ärzte, unter ihnen fünf Onkologen, an deutsche Kliniken zur Fort- und Weiterbildung schicken.

Einzige Krebsklinik des Landes

Seit 40 Jahren ist das Ocean Road Hospital auf „Saratani“ spezialisiert. Das Suaheli-Wort bedeutet „Anschwellen“ oder „Geschwulst“ und steht für Krebs. Die einstige Forschungsstätte von Tropenmedizinern ist heute das einzige auf die Behandlung von Krebs spezialisierte Krankenhaus im Land, und es war lange Zeit auch die einzige Krebsklinik in ganz Ostafrika; inzwischen gibt es eine weitere im benachbarten Sambia. Mit gut 5000 neuen Fällen im Jahr hat der Leiter der Krebsabteilung, Julius Mwaiselage, zu tun. Häufigste Tumorart ist der Gebärmutterhalskrebs, 1800 Patientinnen kommen alljährlich alleine ins Ocean Road Hospital - und fast alle kommen zu spät.

Zena Kulwa Mwamjengwa ist ein typischer Fall. Die Witwe, 1966 geboren, lebt in der Region Mbeya im Südwesten des Landes. Die Mutter von vier Kindern hatte Unterleibsschmerzen, die keiner im kleinen Gesundheitszentrum ihres Dorfs deuten konnte. Auch sie selbst konnte sich nicht erklären, warum sie blutete. „Aber ich habe etwas ertastet, so groß wie ein Ei.“ Trotzdem wurde sie erfolglos in dem mehr als 1000 Kilometer von der Hauptstadt Daressalam entfernten medizinischen Außenposten eineinhalb Jahre lang mit Tabletten und Injektionen behandelt, die gegen sexuell übertragene Erkrankungen helfen. Erst dann machte sie sich auf den Weg in das gut 120 Kilometer entfernt liegende Mbeya, die Hauptstadt der gleichnamigen Region, die zu Kolonialzeiten „Alt Wangemannshöhe“ hieß. Dort konnten Ärzte nach einer Biopsie die korrekte Diagnose stellen: Zervixkarzinom. Und sie überwiesen sie sogleich in die Klinik nach Daressalam.

Kaum Überlebenschancen

„Sie ist im Stadium 3b“, sagt Doktor Mwaiselage. Seit drei Monaten ist Zena Mwamjengwa nun in der Ocean-Road-Klinik. Sie hat eine Chemo- und eine Strahlentherapie hinter sich. Die Blutungen haben aufgehört. Ihr Arzt wird sie bald in ihre Heimat schicken, wo ihre Kinder, zwischen 14 und 26 Jahren alt, auf sie warten. Doch sie wird wieder kommen müssen. Wie, weiß sie nicht. Denn schon für ihre erste Reise hat sie einen Teil ihres Hab und Guts verkaufen müssen. Geld hat sie nicht, darum konnten ihre Kinder sie auch nicht besuchen. Für die Behandlung im Krankenhaus selbst muss sie nichts zahlen, die Kosten übernimmt die Regierung.

Mwaiselage gibt der Sechsundvierzigjährigen höchstens noch fünf Jahre. Auch sie kam, wie vier von fünf Patientinnen, zu spät. Der Krebs war zu weit fortgeschritten. „Gebärmutterhalskrebs“, sagt der Onkologe, „ist die häufigste Tumorerkrankung bei Frauen in Afrika.“ Und sie zählt zu den drei Haupttodesursachen von Frauen auf dem Kontinent. „Alle zwei Minuten stirbt eine Frau an Gebärmutterhalskrebs. Das wird oft vergessen, weil das Hauptaugenmerk auf Krankheiten wie Malaria oder Aids liegt.“ Von den 275 000 Patientinnen, die jährlich auf der Welt an einem Zervixkarzinom sterben, stammen mehr als 85 Prozent aus Entwicklungsländern, in denen es kaum Vorsorgeuntersuchungen und Therapiemöglichkeiten gibt. Die Zahlen könnten bis 2030 dramatisch steigen - auf geschätzte 430 000 Todesfälle im Jahr.

Impfstoff für Tansania und Sambia

So weit soll es nicht kommen. Da der Tumor von Humanen Papillomviren (HPV) ausgelöst wird, die beim Geschlechtsverkehr übertragen werden, lässt sich ein Zervixkarzinom leicht mit einer Impfung vermeiden. Bislang waren Mädchen in Entwicklungsländern davon ausgeschlossen. Nun plant die Globale Allianz für Impfstoffe und Immunisierung (Gavi Alliance) eine HPV-Impfung auch auf dem afrikanischen Kontinent, darunter in jedem Fall in Sambia und Tansania. „Insgesamt 15 afrikanische Länder haben sich bei uns beworben“, berichtet Gavi-Geschäftsführer Seth Berkley, der zur Einführung des Impfstoffs nach Daressalam gekommen ist. Seine Organisation hat die Kosten für den Impfstoff in Verhandlungen mit der Pharmaindustrie um 64 Prozent auf fünf Dollar je Dosis gedrückt. Da drei Impfungen nötig sind, entstehen Kosten von jeweils 15 Dollar. Trotzdem plant Gavi, bis 2015 eine Million Mädchen im Alter zwischen neun und zwölf Jahren mit dem Impfstoff versorgt zu haben, bis 2020 sollen es 32 Millionen sein. Und Berkley hofft, 2013 einen weiteren Preisnachlass verkünden zu können.

Die Ocean-Road-Klinik hat gerade erst einen dreistöckigen Anbau mit 257 Betten eröffnet. Die Auslastung liegt bei mehr als 90 Prozent. Es sind überwiegend Frauen. „In ein paar Jahren“, ist sich Mwaiselage sicher, „wird das Gebäude zur Hälfte leer stehen.“ Darüber freut sich der Arzt, der täglich mindestens einer Patientin sagen muss, dass sie an einem „stillen Killer“ in ihr sterben wird.

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