Herr Hagedorn, Sie fotografieren Demenzpatienten und haben einmal gesagt, nirgends lernten Sie mehr über sich. Was haben Sie über sich gelernt?
Menschen mit Demenz leben immer mehr im Hier und Jetzt. Sie schenken dem Augenblick mehr Bedeutung, und der ist oft sehr viel bunter und lebenswerter, als man denkt. Sie tun, was sie wollen, auch gegen alle Konventionen, und sind damit in höchstem Maße selbstbestimmt. Menschen mit Demenz sind die Punks des Alters. Diese Erfahrungen haben mich verändert.
Warum fotografieren Sie Demenzkranke?
Als ich vor sieben Jahren mit diesem Langzeitprojekt begann, wurde mir sehr schnell klar, dass ich in der Klischeefalle gesessen hatte, dass mein bisheriges Bild ganz und gar nicht mit dem übereinstimmte, was ich täglich erlebte: kein tristes Grau, sondern Farbe in allen Zwischentönen. Wir neigen zu Schubladendenken, und Menschen, die anders ticken, werden sofort pathologisiert.
Wie sieht Ihrer Meinung das öffentliche Bild von Demenzkranken gerade aus?
Wir haben geradezu eine Kultur des mitleidigen Gruselns statt des zugewandten Mitgefühls. Wenn sich dann noch von den Medien geschürte Horrorbilder dazugesellen, landen die Betroffenen sehr schnell am Rand der Gesellschaft. Bei Demenz ist das sehr ausgeprägt. In meiner Arbeit steht nicht die Krankheit im Vordergrund, sondern die Personen dahinter, die bis zum letzten Atemzug Persönlichkeiten bleiben. Ich spreche deshalb auch nicht von Demenzkranken, sondern von Menschen mit Demenz.
Wie schwierig ist es, demente Menschen zu fotografieren?
Ich empfinde es als leicht, weil sie sehr direkt sind. Sie verstellen sich nicht, sind ehrlich und geben sehr viel von sich preis. Das bedeutet für mich als Fotograf auch, dass ich sehr verantwortungsvoll mit dem Vertrauen der Leute umgehe.
In welchen Momenten legen Sie die Kamera weg?
Ich fotografiere dann nicht, wenn ich das Gefühl habe, den Menschen nicht gerecht zu werden. Wenn ich jemanden als sehr ausgeglichene Person erlebe, die aber doch einmal traurig und niedergeschlagen dasitzt, dann möchte ich sie in dem Moment nicht aufnehmen. Ich muss auch kein Foto auf der Toilette machen, ich will niemanden despektierlich darstellen.
Wie verhalten sich Demenzkranke vor der Kamera?
Das hängt davon ab, wie weit die Demenz fortgeschritten ist. In einem späteren Stadium sind sie total uneitel. Und sie sind einfach, wie sie sind, ungeschminkt ehrlich.
Wie reagieren die Demenzpatienten auf Ihre Bilder?
Andere alte Menschen finden sich oft nicht so hübsch oder zu alt, um fotografiert zu werden. Menschen mit Demenz sagen mir oft: „Ich finde, ich sehe gut aus.“ Irgendwann passt das eigene Bild des Porträtierten dann nicht mehr mit der Person auf dem Foto zusammen, er erkennt sich nicht wieder. Beim Bilderschauen wird in der Regel viel gelacht.
Sie zeigen Ihre Fotos in einer „Aktivierungskamapagne“, wie Sie es nennen. Warum?
Man erreicht nur wenige Menschen, wenn die Fotos in einer Galerie oder im Museum hängen. Stattdessen organisieren wir zu viert mit lokalen Partnern, etwa den Wohlfahrtsverbänden, Kampagnen, die alle Bereiche der Gesellschaft erreichen. Im Rahmen von „Konfetti im Kopf“ zeigen wir Bilder großformatig im öffentlichen Raum und ziehen alle Register von Kunst, Kultur und Kommunikation, um bleibende Zugänge zu schaffen. Wir haben einen gemeinnützigen Verein gegründet und arbeiten eng mit Betroffenen und Angehörigen zusammen. Unser Ziel ist, das Thema Demenz im wahrsten Sinne mit neuen Bildern zu besetzen. Erst dann nämlich ergeben sich gesellschaftliche Handlungsansätze.
Haben Sie manchmal Skrupel dabei, Menschen zu fotografieren, die nicht mehr über ihren ursprünglichen Verstand verfügen?
Nein, weil ich das Gefühl habe, dass auch Menschen mit Demenz in dem Moment, in dem ich sie fotografiere, selbstbestimmt sind. Wenn sie sich unwohl fühlen, sagen sie das auch. Sie können beurteilen und meist auch aussprechen, was sie wollen und was nicht. Außerdem stehe ich mit den Angehörigen und Betreuern in Kontakt.
Wie gehen die Angehörigen mit Ihren Fotos um?
Die meisten sind sehr aufgeschlossen. Ihnen hilft die Fotografie, einen Blick von außen zu bekommen. Ich habe mal eine ältere Frau im Seniorenheim bei der Musiktherapie fotografiert. Sie war ein Sonnenschein, steckte andere mit ihrer guten Laune an. Ihre Tochter hatte lange ein schlechtes Gewissen, weil sie die Mutter in eine Pflegeeinrichtung geben musste. Später sagte sie mir, seit sie die Fotos habe, gehe sie nicht mehr weinend aus dem Heim nach Hause. Das Gefühl des Scheiterns fiel von ihr ab, weil sie sah, dass ihre Mutter glücklich war - auch im Heim.
Glauben Sie, dass Demenzkranke glücklicher sind als andere?
Am Anfang bekommen sie von ihrem Umfeld den Spiegel vorgehalten: „Was hast du denn jetzt schon wieder gemacht? Das letzte Mal konntest du das doch noch!“ Sobald die gesellschaftlichen Konventionen abfallen, ist das Leben durchaus lebenswert, zum Teil noch mehr als vorher. Sie leben dann glücklicher, sind positiver und zufriedener mit sich.
Das klingt, als wäre Demenz gar nicht so schlimm.
Ich will nichts schönfärben, aber doch die Perspektive geraderücken. Natürlich ist Demenz ein gravierender Einschnitt und am Anfang sehr schwierig, für Betroffene und Angehörige. Wenn es beiden aber gelingt, Erwartungen loszulassen und den Moment anzunehmen, dann können sie durchaus eine wundervolle Zeit miteinander haben. Wichtig ist, Hilfsangebote anzunehmen und gegebenenfalls einzufordern, damit die Pflege nicht die Liebe erstickt.
Sie begleiten Demenzkranke seit Jahren. Hat sich der Umgang mit der Krankheit verändert?
Ich nehme wahr, dass sich die Pflege vielerorts verändert hat: Weg vom Modell sicher-sauber-satt hin dazu, sich mehr auf die Menschen zu konzentrieren. Die alten Leute dürfen im Idealfall so sein, wie sie sind, werden nicht so sehr reglementiert. Auf einem meiner Bilder sehen Sie eine ältere Frau, die ihr Bein auf den Esstisch legt, eine andere sitzt neben ihr und trinkt Kaffee. Es zwingt sie keiner dazu, das Bein herunterzunehmen.
Haben Sie Angst, selbst einmal demenzkrank zu werden?
Nein, ich habe diese Angst nicht mehr. Demenz kann auch eine Chance bedeuten. Ich habe Patienten getroffen, die erst im Alter ihre Kreativität entdeckt haben und zum Beispiel anfingen zu malen. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatten sie ihre wahren Neigungen erkannt, zum ersten Mal sich selbst gefunden.
Michael Hagedorn, 47, hat insgesamt etwa 40 000 Fotos von Demenzkranken gemacht. Er ist einer von vier Initiatoren des Vereins „Konfetti im Kopf“; seine „Aktivierungskampagne“, deren Schutzherr Ex-Bundespräsident Roman Herzog ist, war unter anderem in Berlin und Stuttgart zu sehen, im Mai/Juni 2013 ist Hamburg an der Reihe. Im Februar wurde der Verein mit dem Hertie-Preis für Engagement und Selbsthilfe ausgezeichnet.
Unfassbar
Dounia Moon (douniamoon)
- 25.10.2012, 13:16 Uhr
