Home
http://www.faz.net/-guw-73rjk
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
50 plus

Fotos von Demenzkranken „Sie sind ungeschminkt ehrlich“

Michael Hagedorn begleitet demente Menschen mit der Kamera – mittlerweile sind dabei schon 40000 Fotos entstanden. Im Interview spricht Hagedorn über Würde, Freude und Ängste.

© Michael Hagedorn Vergrößern „Menschen mit Demenz sind die Punks des Alters.“

Herr Hagedorn, Sie fotografieren Demenzpatienten und haben einmal gesagt, nirgends lernten Sie mehr über sich. Was haben Sie über sich gelernt?

Menschen mit Demenz leben immer mehr im Hier und Jetzt. Sie schenken dem Augenblick mehr Bedeutung, und der ist oft sehr viel bunter und lebenswerter, als man denkt. Sie tun, was sie wollen, auch gegen alle Konventionen, und sind damit in höchstem Maße selbstbestimmt. Menschen mit Demenz sind die Punks des Alters. Diese Erfahrungen haben mich verändert.

Warum fotografieren Sie Demenzkranke?

Als ich vor sieben Jahren mit diesem Langzeitprojekt begann, wurde mir sehr schnell klar, dass ich in der Klischeefalle gesessen hatte, dass mein bisheriges Bild ganz und gar nicht mit dem übereinstimmte, was ich täglich erlebte: kein tristes Grau, sondern Farbe in allen Zwischentönen. Wir neigen zu Schubladendenken, und Menschen, die anders ticken, werden sofort pathologisiert.

Wie sieht Ihrer Meinung das öffentliche Bild von Demenzkranken gerade aus?

Wir haben geradezu eine Kultur des mitleidigen Gruselns statt des zugewandten Mitgefühls. Wenn sich dann noch von den Medien geschürte Horrorbilder dazugesellen, landen die Betroffenen sehr schnell am Rand der Gesellschaft. Bei Demenz ist das sehr ausgeprägt. In meiner Arbeit steht nicht die Krankheit im Vordergrund, sondern die Personen dahinter, die bis zum letzten Atemzug Persönlichkeiten bleiben. Ich spreche deshalb auch nicht von Demenzkranken, sondern von Menschen mit Demenz.

Wie schwierig ist es, demente Menschen zu fotografieren?

Ich empfinde es als leicht, weil sie sehr direkt sind. Sie verstellen sich nicht, sind ehrlich und geben sehr viel von sich preis. Das bedeutet für mich als Fotograf auch, dass ich sehr verantwortungsvoll mit dem Vertrauen der Leute umgehe.

21858908 © Michael Hagedorn Vergrößern „Unser Ziel ist, das Thema Demenz im wahrsten Sinne mit neuen Bildern zu besetzen.“

In welchen Momenten legen Sie die Kamera weg?

Ich fotografiere dann nicht, wenn ich das Gefühl habe, den Menschen nicht gerecht zu werden. Wenn ich jemanden als sehr ausgeglichene Person erlebe, die aber doch einmal traurig und niedergeschlagen dasitzt, dann möchte ich sie in dem Moment nicht aufnehmen. Ich muss auch kein Foto auf der Toilette machen, ich will niemanden despektierlich darstellen.

Wie verhalten sich Demenzkranke vor der Kamera?

Das hängt davon ab, wie weit die Demenz fortgeschritten ist. In einem späteren Stadium sind sie total uneitel. Und sie sind einfach, wie sie sind, ungeschminkt ehrlich.

Wie reagieren die Demenzpatienten auf Ihre Bilder?

Andere alte Menschen finden sich oft nicht so hübsch oder zu alt, um fotografiert zu werden. Menschen mit Demenz sagen mir oft: „Ich finde, ich sehe gut aus.“ Irgendwann passt das eigene Bild des Porträtierten dann nicht mehr mit der Person auf dem Foto zusammen, er erkennt sich nicht wieder. Beim Bilderschauen wird in der Regel viel gelacht.

Sie zeigen Ihre Fotos in einer „Aktivierungskamapagne“, wie Sie es nennen. Warum?

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Villa Lux in Frankfurt In der Demenz-WG leben Fische gefährlich

Auch wenn Demenzkranke sich nicht an ihr Leben erinnern können, bleibt doch etwas in ihnen einzigartig. Seit 2008 versucht die Villa Lux im Gallusviertel, ihren zwölf Bewohnern viel Raum für ihren Lebensrhythmus zu bieten. Mehr Von Paul Bartmuß, Frankfurt

13.12.2014, 11:52 Uhr | Rhein-Main
Grenze Indien und Pakistan Mehr als 45 Tote nach Selbstmordattentat

Bei einem Selbstmordanschlag an der Grenze zwischen Indien und Pakistan sind am Sonntagabend mindestens 45 Menschen ums Leben gekommen. Mehr als 70 Menschen wurden verletzt, viele von ihnen schwer, teilten die pakistanischen Behörden mit. Zu dem Anschlag bekannten sich die pakistanischen Taliban Mehr

03.11.2014, 14:44 Uhr | Politik
TV-Kritik: Maischberger Ist Humor ein Gift gegen Alzheimer?

Die Angst vor Demenz ist groß. Unsere alternde Gesellschaft ist auf dem Weg in die Epidemie. Aber kann man mit der Diagnose auch souveräner umgehen? Danach fragt Sandra Maischberger in ihrer Sendung - und vergisst, tiefer zu bohren. Mehr Von Joachim Müller-Jung

17.12.2014, 04:35 Uhr | Feuilleton
Olympus Stylus TG-3 Weiche Landung in der Torte

Immer mehr Menschen fotografieren Essen. Doch ganz ungefährlich ist das nicht, wie uns F.A.Z.-Redakteur Hans-Heinrich Pardey im Video zeigt. Mehr

05.11.2014, 16:10 Uhr | Technik-Motor
Kienle und Kittel im Gespräch Ein positiver Test wäre das Ende für mein Leben

Am Sonntagabend werden die deutschen Sportler des Jahres gekürt – wir haben unsere Favoriten dagegen schon gefunden: Im F.A.S.-Interview sprechen Triathlet Sebastian Kienle und Radprofi Marcel Kittel über ihr Jahr 2014, falsche und richtige Signale im Kampf gegen Doping und GPS-Ortung für Spitzensportler. Mehr

21.12.2014, 13:48 Uhr | Sport
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 25.10.2012, 10:04 Uhr

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden