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Forschung Urknall der „Klontherapie“

12.02.2004 ·  Das Klonen menschlicher Zellen zur Gewinnung von Stammzellen gilt vielen als biotechnische Bosheit und schrecklichste Phantasie über Menschenzucht. Jetzt meldeten Wissenschaftler in Seoul das „therapeutische Klonen“ menschlicher Embryonen.

Von Joachim Müller-Jung
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Jahrelang war darüber geredet und gestritten worden, gerade so, als sei das sogenannte therapeutische Klonen schiere Routine in den Labors und Hinterzimmern einer neuen Kaste namens "Regenerationsmedizin". Die Idee, aus den geklonten Zellen eines schwer kranken Patienten über den Umweg eines nur wenige hundert Zellen großen Embryos - einer Blastocyste - neue Stammzellen zu gewinnen und diese dann zur Zucht von transplantierbarem, gewebtypisch "eigenem" Ersatzgewebe für den Patienten zu nutzen, diese Idee hatte die Debatte um embryonale Stammzellen stets begleitet, ja auf die Spitze getrieben.

In der Tat ist sie bioethisch gesehen für viele Menschen so etwas wie der Gipfel des biotechnischen Bosheit. Denn sie enthält nicht nur den Plan, Embryonen im frühen, wenige Tage alten Stadium für die Gewinnung embryonaler Stammzellen zu opfern. Sie sieht auch das Klonen menschlicher Zellen vor - nach jenem Mitte der neunziger Jahre mit dem schottischen Schaf "Dolly" berühmt gewordenen Verfahren, das ursprünglich zur Vervielfältigung ertragreicher Nutztiere entwickelt worden war und schon bald die schrecklichsten Phantasien über Menschenzucht provozierte.

Das Klonen menschlicher Zellen jedoch blieb ähnlich wie jahrzehntelang die Kultivierung humaner embryonaler Stammzeller alles andere als eine leichte biotechnische Fingerübung. Im Jahre 1998 wurde zum erstenmal in Wisconsin/Minnesota eine kultivierbare Stammzellinie aus - noch unklonierten - Blastocysten gewonnen. Das Klonen hingegen, das man bald bei Maus, Rind, Kaninchen, Katze, Pferd und anderen Tieren mehr oder weniger erfolgreich durchexerzierte, schien eine weitaus größere Hürde. Nicht wenige Stimmen wurden laut, die die Tauglichkeit des Dolly-Verfahrens bei biologisch so komplexen Organismen wie Menschen grundsätzlich in Frage stellten.

Südkoreanische Wissenschaftler waren erfolgreich

Geredet, phantasiert und diskutiert wurde trotzdem. Und mit Recht, wie sich jetzt herausstellte. Denn Wissenschaftlern am Hangyang-Universitätskrankenhaus in Seoul ist es nun gelungen, das "therapeutische Klonen", das viele wegen des noch längst nicht therapiereifen Stadiums lieber als "Forschungsklonen" bezeichnen, bei einer Frau bis zu einem gewissen Stadium zu verwirklichen. In der Zeitschrift "Science" von heute haben sie ihre Experimente detailliert. Interessanterweise ist in der Gruppe koreanischer Forscher um Woo Suk Hwang und Shin Yong Moon auch ein in der Szene bekannter amerikanischer Klonexperte, Jose Cibelli.

Er war neben Robert Lanza und Michael West einer der führenden Köpfe der amerikanischen Biotechfirma Advanced Cell Technology, kurz ACT, die vor zwei Jahren mit den ersten Bildern von geklonen menschlichen Embryonen an die Öffentlichkeit getreten war. Allerdings entwickelten sich diese in den Labors der ACT-Forscher nicht über das Sechs- bis Achtzellstadium hinaus - ein dürftiges,fehlgeschlagenes Experiment. Viele wollten es schon als Hinweis sehen, daß es eine Art biologische Barriere beim Klonen humaner Zellen geben könnte. Einen zweiten Hinweis lieferte vor weniger als einem Jahr der amerikanische Wissenschaftler Gerald Schatten. Er hatte versucht, Rhesusaffen zu klonen, war aber mit allen 716 Versuchen schon in frühesten Stadien gescheitert. Die Chromosomen in den transplantierten Eizellen waren völlig desorganisiert, weil offenbar beim Kerntransfer der Spindelapparat in den Zellen beschädigt worden war.

Technische und ethische Probleme gelöst

Alle diese biologischen und technischen Malaisen hat die amerikanisch-koreanische Gruppe nun scheinbar mit einem Schlag überwunden. Die Genehmigung durch das Ethikkomitee der Seouler Klinik war offenbar ebenso leicht zu bekommen wie die Eizellspenderinnen. Sechzehn Frauen erklärten sich bereit, die künstliche Hormonstimulation über sich ergehen zu lassen. So wurden 242 Eizellen gewonnen.

Der Einfachheit halber hat man für das Experiment statt eines fremden Patienten die Frauen jeweils auch als Spenderinnen für den zu übertragenden Zellkern genutzt. Ihnen wurden Cumuluszellen - eine Art Nährzellen im Eierstock - entnommen. Ein "Schönheitsfehler", wie Klonexperte Rudolf Jaenisch (nebenstehendes Interview) meint. Denn damit besteht zumindest theoretisch die Möglichkeit, daß man beim Kerntransfer eine Eizelle übersehen und nicht geklont hat. Diese Eizelle könnte sich in der Petrischale parthenogenetisch, also ohne Befruchtung, teilen und wachsen - ein unwahrscheinliches Szenario, das die Forscher später durch Vergleich mit Daten aus früheren parthenogenetischen Experimenten und durch Gegenüberstellung der Allelfrequenz und der Aktivität bestimmter Gene fast sicher ausschließen konnten.

„Innovation“ in drei Details

Die entscheidende "Innovation" der koreanischen Wissenschaftler betrifft drei Details: Erstens wurden die entkernten Eizellen nach der Übertragung des Cumuluszellkerns mindestens zwei Stunden in Ruhe gelassen. Sie hatten somit mehr Zeit als bei anderen Experimenten zum Reprogrammieren des Erbmaterials - eine Modifikation, die sich schon bei dem vergleichsweise erfolgreichen Klonen von Kühen bewährt hat. Zweitens hat man zur "Aktivierung" der Eizelle, also zum Einleiten der Zellteilung, einen speziellen chemischen Cocktail zusammengestellt. Und drittens hat man die Zusammensetzung vor allem der Nährstoffe in den Petrischalen nach neuen "Rezepten" aus der In-vitro-Fertilisation von Mensch und Rind zusammengestellt. Erwähnt wird zum Beispiel ein "Energiesubstrat", das statt Rinderserumalbumin und Traubenzucker menschliches Serumalbumin und Fruchtzucker enthält. Auch eine schonende Entnahme und Transplantation des Zellkerns in die Eizelle sowie der Zeitpunkt, wann die jeweiligen Nährmedien gegeben werden, scheint eine entscheidende Rolle zu spielen. Insgesamt haben die Forscher nach einigem "Tüfteln" knapp ein Viertel der klonierten Zellen bis zum Blastozystenstadium kultivieren können. Zwanzig auf diese Weise gezüchtete Embryonen wurden für die Gewinnung von Stammzellen aus der "Inneren Zellmasse" herangezogen. Allerdings gingen die meisten davon zugrunde. Nur eine konnte als Zelllinie etabliert werden.

Nicht um fertige Ersatzgewebe zu kreiieren, sondern um die Pluripotenz und damit die "Echtheit" der so erzeugten embryonalen Stammzellen zu dokumentieren, hat die Gruppe in der Pertrischale und durch Verpflanzen in Mäuse verschiedene Zelltypen und Gewebe daraus hergestellt: primitive Nervenzellen ebenso wie Netzhautepithel, glatte Muskelzellen, Knochen- und Knorpelzellen, Bindegewebszellen und Drüsenepithel. Noch erinnern nur das Aussehen dieser klonmedizinisch erzeugten Ersatzgewebe unter dem Mikroskop und einige molekulare Indikatoren oder "Marker" an die natürlichen Pendants. Ihre eigentliche Funktionalität müssen sie erst noch beweisen. Trotzdem spricht Robert Lanza, einer der früher gescheiterten ACT-Forscher, in einem Kommentar für diese Zeitung von einem "medizinischen Meilenstein", vergleichbar der Entwicklung der Antibiotika und Impfstoffe. Lanza warnt aber auch: "Nun, da das Verfahren öffentlich zugänglich ist, müssen wir weltweit Gesetze beschließen, um den Mißbrauch der Technik zum reproduktiven Klonen zu verhindern. Wir müssen den ganzen politischen und religiösen Zwist überwinden und das Klonen von Menschen ächten, eine Position, die fast jedes Land und jeder Wissenschaftler unterschreibt."

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.02.2004 / Nr. 37
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Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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