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Samstag, 11. Februar 2012
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Forschung Mit Mutation gegen HIV

18.07.2010 ·  Dem Arzt Gero Hütter gelang eine Sensation: Er heilte als erster Mediziner einen HIV-Kranken. Ein europäischer Gendefekt gepaart mit der Transplantation von Stammzellen verhalf ihm zu diesem spektakulären Ergebnis.

Von Peter-Philipp Schmitt
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Die Sensation war eine – und war doch keine. „Berliner Arzt heilt Aids-Kranken“ lautete die Schlagzeile vor knapp zwei Jahren. Und sie ging um die Welt. Doch im Kleingedruckten stand meist dann auch noch, dass es sich um einen Einzelfall handelte, um einen, wie es von der Berliner Charité dazu hieß, „interessanten Fall für die Forschung“. Bis heute konnte kein zweiter Patient auf die selbe Weise gerettet werden. Dabei hat der Arzt, dem die Sensation im November 2008 gelungen war, inzwischen versucht, acht weitere HIV-Infizierte mit seiner Behandlung zu heilen – bislang ohne Erfolg.

Gero Hütter, Jahrgang 1968, lebt mittlerweile in Weinheim an der Bergstraße und arbeitet in Mannheim. Der Hämatologe und Onkologe ist am Institut für Transfusionsmedizin und Immunologie beim Blutspendedienst des Deutschen Roten Kreuzes zuständig für die Stammzellspenderdatei. Hütter hatte die Idee, mit einer gezielten Transplantation von mutierten Stammzellen die HIV-Infektion seines Patienten zu bekämpfen. „Ein bis drei Prozent der Europäer sind zuverlässig gegen eine Übertragung des HI-Virus geschützt“, sagt Hütter. „Das wollte ich ausnutzen.“

Gendefekt verhindert Eintritt der HI-Viren

Im Frühsommer 2006 war ein Amerikaner zu ihm in den Campus Benjamin Franklin der Charité in Steglitz gekommen. Der Hausarzt hatte den Mann wegen seiner schlechten Blutwerte an die Universitätsmedizin überwiesen. Dass der Patient HIV-positiv ist, war bekannt. Nun stellte sich heraus, dass er auch an Leukämie erkrankt war. Umgehend wurde nach einem möglichen Spender gesucht, was sich als vergleichsweise einfach herausstellte, da die Stammzellen des Kranken eine HLA-Konstellation (humanes Leukozytenantigen) aufwiesen, die in der Bevölkerung relativ häufig vorkommt. „In der Datei gab es mehr als 200 mögliche Spender“, erzählt Hütter. Ihm war seit Jahren bekannt, dass Europäischstämmige, die von beiden Eltern die Mutation Delta 32 auf dem Rezeptor CCR5 vererbt bekommen haben, gegen eine HIV-Infektion geschützt sind. „Nach so einer Person wollte ich nun unter den möglichen Spendern gezielt suchen.“

Der segensreiche Gendefekt, der dazu führt, dass ein Protein an der Oberfläche der Immunzellen fehlt, den das Aids-Virus sonst als Eintrittspforte in die Zellen seines Opfers missbraucht, besteht schon seit einigen hundert, wenn nicht seit tausenden Jahren. Wie es dazu kam und warum er bei Afrikanern und Asiaten nicht vorkommt, was womöglich die höheren Infektionsraten auf den Kontinenten zumindest mit erklären könnte, ist bis heute nicht genau bekannt. Hütter vermutet, dass der Auslöser eine massive Virusepidemie in Europa vor mehr als 1000 Jahren war, die zur Mutation und damit zum Überlebensvorteil einiger Menschen führte.

Stammzellen-Transplantation ließ den Virus verschwinden

Dass manche Menschen immun gegen eine HIV-Infektion zu sein scheinen, ist für die Wissenschaft ein Forschungsansatz. Warum zum Beispiel haben sich einige Dutzend Prostituierte in Kenia, die seit Jahren immer wieder ungeschützten Verkehr mit HIV-Infizierten hatten, bis heute nicht mit dem Aidserreger angesteckt? Kanadische Wissenschaftler von der Universität von Manitoba in Winnipeg wollen herausgefunden haben, dass dafür eine erhöhte Präsenz einer antiviralen Proteinmischung in ihrer Vaginalflüssigkeit verantwortlich ist. Gero Hütter meint, es könnte auch damit zusammenhängen, dass bei ihnen ebenfalls das Trägerprotein CCR5 in geringer Zahl vorkommt, was allerdings nicht durch eine Mutation wie in Europa zu erklären ist. Was wäre, wenn man genau diesen Haupteintrittsweg in die Immunzellen für das Virus blockieren könnte? Mit noch zu entwickelnden Medikamenten oder einem Impfstoff?

Hütter fand unter den gut 200 möglichen Stammzellspendern für seinen Patienten eine Person mit dem CCR5-Gendefekt. Da eine Transplantation für den todkranken Mann sowieso unumgänglich war, hoffte Hütter, seinem Patienten mit diesem Spender noch zusätzlich etwas Gutes tun zu können. Zunächst bekam sein in Seattle geborener Patient die übliche Chemotherapie und Bestrahlung, um möglichst viele seiner Zellen im Knochenmark zu zerstören. Danach wurden die Stammzellen des Spenders transplantiert. Sie ersetzten nach und nach alle Zellen im Körper des Amerikaners. „Nach einem halben Jahr fanden wir im Gewebe noch seine ursprünglichen Immunzellen“, sagt Hütter. „Nach zwei Jahren aber waren sie komplett durch die Zellen des Spenders ersetzt.“ Sogar die „verborgenen Reservoirs“ des Virus im Hirn des Patienten waren verschwunden. Dorthin gelangt der Erreger, wenn infizierte Makrophagen die Blut-Hirn-Schranke passieren. Eine aidsbedingte Demenz kann die Folge sein, gerade weil die HIV-Infizierten aufgrund der antiretroviralen Therapie länger leben und das Virus auch die Hirnzellen angreift. Zugleich können die Aids-Medikamente die Barriere zum Hirn nur in geringen Mengen überwinden.

Hütters erfolgreiche Therapie weckt Hoffnung

Hütters Patient ist seit einigen Jahren HIV-frei. Der Erfolg des Arztes führte zu Tausenden Anfragen. Viele hofften, auf ähnliche Weise geheilt zu werden. Beim Amerikaner, der seither nicht nur ein zweites Mal transplantiert werden musste, weil die Leukämie zurückkehrte, sondern seitdem auch Frührentner ist, habe sich die Therapie aber begründen lassen. „Er wäre ohne die Transplantation gestorben“, sagt Hütter. Einem HIV-Infizierten aber einfach so eine Stammzelltransplantation zuzumuten, wenn er nicht an Leukämie erkrankt ist – das sei keine Lösung.

Auf der Welt-Aidskonferenz in Wien will er nun seine neuen Forschungsergebnisse vorstellen. Acht mögliche Patienten hat er seit 2008 betreut. In nur einem Fall, für eine dreijährige Russin, fanden sich 120 mögliche Spender, darunter auch einer mit der CCR5-Mutation. Drei weitere Leukämiekranke warten noch auf ihre Ergebnisse und können darauf hoffen, dass sich ein solcher Spender findet. Zwei HIV-Infizierte mussten behandelt werden, ohne dass sich ein Spender mit der Mutation gefunden hätte. Sie wären sonst an dem Blutkrebs gestorben. Die letzten beiden Patienten starben, ohne dass Hütter ihnen helfen konnte.

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