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Defektes Gen repariert : Eine Grenze ist eingerissen

  • -Aktualisiert am

Shoukhrat Mitalipov und seine Kollegen haben gezeigt, dass man die menschliche Keimbahn offensichtlich erstaunlich sicher und effizient editieren kann. Bild: Picture-Alliance

Wissenschaftler haben bei menschlichen Embryonen das Gen für eine Herzkrankheit repariert, ohne ihnen dabei zu schaden. Damit wird es schwieriger, der Veränderung des Erbguts auf Dauer eine Absage zu erteilen. Es ist Zeit, dass sich die Ethik zu Wort meldet.

          Es ist einfach, Grenzen zu respektieren, wenn es keine Möglichkeiten gibt, sie zu überwinden. Bei der Keimbahntherapie, die das Erbgut generationsübergreifend verändert, ist in dieser Woche eine Grenze eingerissen worden. Amerikanische Wissenschaftler haben bei 42 von 58 menschlichen Embryonen das Gen für eine Herzkrankheit repariert, ohne den Embryonen dabei auf andere Weise zu schaden. Das Verbot der Keimbahntherapie ist bisher auch mit Sicherheitsrisiken begründet worden.

          Shoukhrat Mitalipov von der Oregon Science and Health University und seine Kollegen zeigen in der Fachzeitschrift Nature, dass diese Risiken überschaubar sind (10.1038/nature23305). Die menschliche Keimbahn kann offensichtlich erstaunlich sicher und effizient editiert werden. Damit wird es schwieriger werden, der generationsübergreifenden Veränderung des Erbguts auf Dauer eine Absage zu erteilen. In den Vereinigten Staaten sind bereits erste Stimmen laut geworden, die für eine vorsichtige Öffnung plädieren.

          Die Bilder der der Oregon Health and Science University zeigen, wie die Forscher mit Hilfe der Genschere namens CRISPR-Cas9 ein defektes Gen entfernen.
          Die Bilder der der Oregon Health and Science University zeigen, wie die Forscher mit Hilfe der Genschere namens CRISPR-Cas9 ein defektes Gen entfernen. : Bild: SCIENCE UNIV/REX/Shutterstock

          Mitalipov und seine Kollegen haben keinen der 42 erfolgreich manipulierten Embryonen in den Uterus einer Frau implantiert. Eine echte Keimbahntherapie, die zur Geburt eines Kindes mit korrigiertem Gendefekt geführt hätte, wäre nach amerikanischem Gesetz auch gar nicht möglich gewesen. Die Keimbahntherapie ist fast überall verboten. Redigiert wurde das defekte Gen, unter dessen Einfluss sich die Muskulatur der linken Herzkammer verdickt, mit der Genschere CRISPR-Cas9.

          Es ist Zeit, dass sich die Ethik zu Wort meldet

          Die Amerikaner sind nicht die Ersten, die einen solchen Vorstoß gemacht haben, aber die Ersten mit derart guten Ergebnissen. Der erste Vorstoß stammt von dem Chinesen Junjiu Huang von der Guangdong Universität. Allerdings waren seine Embryonen von Anfang an nicht lebensfähig, weil sie statt der üblichen zwei Chromosomensätze drei Chromosomensätze hatten. Huang versuchte vor zweieinhalb Jahren, das Gen für eine erbliche Bluterkrankung gegen eine gesunde Kopie auszutauschen.

          Mitalipov hat gespendete Eizellen ohne Chromosomenschäden verwendet. Das mutierte Gen war Teil des männlichen Chromosomensatzes. Es wurde bei der Befruchtung von den Spermien beigesteuert. Zwei Tricks sind offensichtlich für die guten Ergebnisse verantwortlich. Mitalipov und seine Kollegen haben die Genschere nicht erst Stunden nach der Befruchtung ins Rennen geschickt, sondern schon vor der Verschmelzung der Ei- und Samenzelle, indem sie CRISPR-Cas9 in die unbefruchtete Eizelle injiziert haben; also früher als bei den anderen Vorstößen. Sie haben die Genschere zudem als fertiges Protein eingesetzt und nicht als Bauanleitung. Die Genschere musste also von den Eizellen nicht selbst synthetisiert werden und war dadurch auch nur gering dosiert und nur für kurze Zeit in dem sich entwickelnden Embryo vorhanden.

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          Dieser Umstand hat offensichtlich dazu geführt, dass sich die Genschere nicht wahllos über das Genom hergemacht und allerlei unerwünschte Veränderungen eingeführt hat. Unnötiges Redigieren zählt zu den größten Sicherheitsrisiken von CRISPR-Cas9. Die Embryonen hatten offensichtlich keine unerwünschten Veränderungen. Der frühe Einsatz der Genschere trug offensichtlich auch dazu bei, dass die Mutation in jeder einzelnen Zelle korrigiert wurde.

          Eine im Dezember 2015 beim „International Summit on Human Gene Editing“ verabschiedete Erklärung betrachtet das Editieren der Keimbahn solange als unverantwortlich, wie es ethische und sicherheitsrelevante Vorbehalte gibt. Die sicherheitsrelevanten Vorbehalte sind nun geringer geworden. Es ist Zeit, dass sich die Ethik zu Wort meldet. Nötig ist die Keimbahntherapie derzeit nicht, weil die Präimplantationsdiagnostik bereits heute Eltern mit Erbkrankheiten zu einem gesunden Kind verhilft.

          Quelle: F.A.Z.

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