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Veröffentlicht: 08.02.2013, 16:28 Uhr

Flussblindheit Pille gegen Würmer

Die Flussblindheit ist eine der schlimmen Geißeln. Die Krankheit könnte nun schon bald ausgerottet sein.

© CBM/argum/Einberger Noch leiden viele erwachsene Afrikaner an Flussblindheit und müssen durchs Leben geführt werden

Was wie ein lustiges Kinderspiel aussieht, ist noch bitterer Alltag in vielen afrikanischen Dörfern. Die Erwachsenen sind blind und finden sich nur zurecht, weil sie von Kindern an Stöcken durchs Leben geführt werden. „In den siebziger und achtziger Jahren gab es ganze Landstriche in Afrika, in denen alle Erwachsenen blind waren“, sagt Martin Kollmann. Der Arzt hat in Äthiopien selbst erlebt, wie seine Patienten reihenweise durch die Flussblindheit ihr Augenlicht verloren. Das habe ihn dazu bewogen, sich auf Tropen-Augenheilkunde zu spezialisieren. In Nairobi hat er seinen Facharzt gemacht, und in Nairobi ist er nun Programm-Direktor für vernachlässigte Tropenkrankheiten der Christoffel-Blindenmission, eine der Fachorganisationen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit Sitz in Bensheim an der Bergstraße.

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Kollmann kümmert sich um in Industrienationen weitgehend unbekannte Krankheiten wie Bilharziose, Elephantiasis und eben Onchozerkose, die Flussblindheit. Ihnen gemeinsam ist, dass sie nicht von Mensch zu Mensch direkt übertragen, sondern von Parasiten verursacht und von Zwischenwirten verbreitet werden - vor allem Würmern und Mücken. Überwiegend sind Menschen in armen, tropischen Regionen betroffen, was das jahrelange Desinteresse erklärt. Kollmann spricht darum auch nicht von den vernachlässigten Krankheiten („neglected diseases“), wie sie offiziell heißen, sondern von Krankheiten vernachlässigter Menschen. „Tropenkrankheiten“, sagt er, „fangen dort an, wo die Straßen aufhören.“ Und noch etwas haben sie gemeinsam: Sie sind zu mindestens 80 Prozent vermeidbar und auch heilbar.

Flussblindheit soll 2020 fast komplett ausgerottet sein

Das beste Beispiel ist die Flussblindheit. Kollmann glaubt, dass die Onchozerkose mit vereinten Kräften vielleicht schon in einem Jahrzehnt ausgerottet sein könnte - und das zusammen mit der Elephantiasis und noch vor der Kinderlähmung. Mindestens fünf Länder in Afrika könnten bereits 2015 frei von den beiden Tropenkrankheiten sein: Senegal, Gambia, Guinea-Bissau, Niger und Kenia. Bis 2020 soll fast der gesamte Rest folgen, mit der Ausnahme des „blutenden Herzens“ des Kontinents, wie nicht nur Kollmann Kongo, Südsudan und die Zentralafrikanische Republik nennt. Die riesige Konfliktregion ist für Mediziner und wohlmeinende Organisationen nur schwer zu erreichen, auch weil der politische Wille in den Ländern fehlt, sich für die eigene Bevölkerung einzusetzen.

Karte / Afrika / Flussblindheit und Elephantiasis © F.A.Z. Vergrößern

Dabei ist der Kampf gegen die Flussblindheit vergleichsweise einfach. Die Krankheit wird durch Fadenwürmer („Onchocerca volvulus“) verursacht, die von Kriebelmücken übertragen werden. Die Blutsauger kommen in der Nähe fließender Gewässer vor, was den deutschen Namen der Krankheit erklärt. Sticht die Mücke einen bereits infizierten Menschen, nimmt sie als Zwischenwirt Mikrofilarien („Babywürmer“) auf. Diese überträgt sie dann bei ihrer nächsten Blutmahlzeit. Aus den Mikrofilarien werden Larven, die durch den Körper wandern und sich bevorzugt im Bindegewebe ansiedeln. Dort bilden sich nach einem Jahr, wenn die Würmer geschlechtsreif sind, erste Hautknoten (Onchozerkome), die kaum auszuhaltende Juckreize hervorrufen. Weibliche Würmer können unter der Haut bis zu 50Zentimeter lang werden, und sie können jahrelang im Menschen leben und mit ihren nur wenige Zentimeter langen Geschlechtsgenossen ständig neue Mikrofilarien produzieren. Die kleinen Fadenwürmer sind gefährlich, da sie durch den gesamten Körper wandern und die Augen erreichen können. Dort schädigen sie das ganze Organ bis hin zum Sehnerv und rufen zudem massive Abwehrreaktionen des Körpers hervor, die zusätzlich zu schweren Sehbehinderungen und Blindheit führen können.

Neubesiedlung verlassener Gebiete

Von Flussblindheit sind an die 100Millionen Menschen bedroht, zwischen 18 und 37 Millionen gelten noch als infiziert, rund 800000 sind sehbehindert, etwa 270000 sind bereits erblindet. Damit machen sie zwar nur einen geringen Teil der knapp 300 Millionen Menschen auf der Welt aus, die sehbehindert sind, fast 40 Millionen sind blind. Doch stehen sie für eine Vielzahl von Infektionskrankheiten, die Menschen ihres Augenlichts berauben können. 90Prozent der Betroffenen leben in Entwicklungsländern. Dort werden auch die größten Fortschritte erzielt: Trotz des Bevölkerungswachstums und der Überalterung - der altersbedingte Graue Star ist auch für die Hälfte aller Erblindungen in armen Ländern verantwortlich - gehen die Zahlen kontinuierlich zurück.

Besonders dazu beigetragen hat eine öffentlich-private Partnerschaft, Apoc genannt („Afrikanisches Programm zur Kontrolle der Onchozerkose“), die von der an ihr auch beteiligten Weltbank als erfolgreichste Afrikas bezeichnet wird. Vor 25Jahren wurde der Wirkstoff Ivermectin unter dem Handelsnamen Mectizan zugelassen, entwickelt von Merck. Der amerikanische Pharmariese gab zugleich bekannt, dass er das Heilmittel jedem Erkrankten so lange zur Verfügung stellen werde, wie es nötig sei. Daraus entstand eines der größten Medikamenten-Spendenprogramme der Welt, Vorbild für weitere Partnerschaften etwa mit Glaxo-Smith-Kline (Elephantiasis) und Pfizer (Trachom).

Durchschnittlich 100 Millionen Mectizan-Behandlungen werden jedes Jahr ermöglicht. Für die Verteilung in Afrika ist seit 1991 auch die Christoffel-Blindenmission verantwortlich. Das Besondere an Apoc aber ist, dass die Menschen in den Dörfern selbst die Behandlungen ihrer Erkrankten organisieren. „Wir verteilen nicht einfach Fische“, sagt Kollmann, „wir lehren fischen.“ Die Behandlung der Flussblindheit ist langwierig: Mectizan muss ein- bis zweimal im Jahr eingenommen werden - 15 bis 20 Jahre lang. Das Medikament tötet die Mikrofilarien ab, die adulten Würmer leben und vermehren sich weiter. Mittlerweile zeige sich der Erfolg der Zusammenarbeit, sagt Kollmann. So zögen die Menschen zurück in die Gebiete, die sie einst wegen der Mücken dort verlassen hätten. Dadurch wurden 24Millionen Hektar Ackerland zurückgewonnen.

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Quelle: F.A.Z.

 

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