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Feinkost vom Discounter Mogelpackung - oder Luxus für alle?

13.04.2010 ·  Meersalzbutter aus Guérande, Black Tiger Riesengarnelen: Discounter wie Aldi, Lidl, Penny und Norma bieten allesamt Feinkost an - zu recht niedrigen Preisen. Die Frage ist: Taugen die Sachen was? Wir haben sie getestet.

Von Jörg Thomann
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Noch gar nicht lange her ist es, da waren Feinkost, Gourmetware, Delikatessen hierzulande etwas, mit dem sich ein recht überschaubarer Personenkreis befasste. Die Mehrheit war zufrieden, wenn das Essen sättigte und halbwegs ordentlich schmeckte; des Genusses wegen zu speisen, das war ein Luxus, den man sich, vor allem als Normal- bis Geringverdiener, nur selten mal leistete. Zu Muttis Geburtstag stellte Vati dann vier winzige Schälchen mit Salaten und Meeresgetier auf den Tisch, die er für 37 Mark im Feinkostladen erworben hatte und die die exorbitanten Erwartungen kaum erfüllen konnten; im schlimmsten Falle wurde gleich anschließend die Fertigpizza in den Ofen geschoben.

Heute hat Vati es einfacher. Er muss, wenn er das Besondere kosten möchte, sich nicht mehr auf fremdes Terrain begeben und auch nicht mehr ein gefühltes Zehntel seines Monatslohns hinlegen. Begriffe wie "Gourmet" und "Feinkost" hören wir nun allerorts, sogar und besonders laut von jenen, die einst die natürlichen Feinde gehobener Esskultur waren: die Discounter. Zum Weihnachtsfest 2007 stapelte Aldi-Süd erstmals Produkte mit dem "Gourmet"-Label in seinen Filialen, die Konkurrenten zogen einer nach dem anderen nach. Heute gerieren sich sämtliche Billigheimer auch als Feinheimer und präsentieren mal mehr, mal weniger umfangreiche Warenpaletten mit Stempeln wie "Gourmet" (Aldi), "Deluxe" (Lidl), "Feine Kost" (Penny-Markt) oder "Finest" (Norma) - und das zu Preisen, die sich kein Fachhändler leisten könnte.

Es setzt sich damit der mit Aldi-Champagner und Bio-Welle gestartete Trend fort, dem wachsenden Anspruch der Kunden etwas vermeintlich Besonderes und dabei noch immer den Eindruck zu bieten, ein Schnäppchen zu tätigen. Was genau die Philosophie dahinter ist, welchen Anteil am Gesamtumsatz die Delikatessen ausmachen, wollten wir von den Branchengrößen Aldi-Süd und Lidl wissen. Deren Unternehmenskommunikation folgt klaren Regeln: Sie fordern einen auf, die Fragen schriftlich einzureichen - und antworten dann gar nicht (Lidl) oder kurz vor Redaktionsschluss mit einer nichtssagenden Mail (Aldi). So bleibt es Andreas Krämer vom zur Rewe-Gruppe zählenden Penny-Markt vorbehalten, für die Branche zu konstatieren, dass "Premium heute einfach mit dazugehört". Mit der mehr als achtzig Produkte umfassenden "Feine Kost"-Linie, eingeführt im vergangenen Dezember, liege Penny "gut über dem Plan", besonders nachgefragt seien Tiefkühlprodukte.

Zum vierten Mal die Preise gesenkt

Zum vierten Mal in diesem Jahr haben Deutschlands Discounter soeben ihre Preise gesenkt. Von den Decken der Läden hängen knallbunte "Billiger"-Schilder, zu denen die in den Regalen verteilte Gourmetware den denkbar größten Kontrast bietet. Ob Aldi, Lidl oder Penny, alle packen ihre besten Stücke in schwarze oder schwarzweiße Schachteln mit silbernen oder goldenen Lettern. Das "Finest"-Label von Norma ziert ein silberner Fächer, Pennys "Feine Kost" eine goldene Krone. "Gourmet - Die feine Art zu genießen", erklärt Aldi-Süd seine Produkte, während Norma auf den Verpackungen ein Oscar-Wilde-Zitat druckt: "Ich habe einen ganz einfachen Geschmack, ich bin immer mit dem Besten zufrieden." Zum grellen Gegensatz zwischen den "Billiger"-Parolen und der edlen Anmutung der Feinkostware sagt Penny-Sprecher Krämer: "Das ist eine Gratwanderung, die ein Discounter heute leisten muss."

Ob der anspruchsvolle Kunde dabei mit- und womöglich von den traditionellen Gourmethändlern abwandert? Ralf Bos, Gründer des Feinkostversands Bos Food, sieht sein Geschäft durch die Gourmetoffensive der Discounter nicht gefährdet: Seine Kunden seien eine "andere Klientel". Zudem denke er nicht, dass das, was im Discounthandel angeboten wird, "mit Feinkost im weitesten Sinne etwas zu tun hat". Die Discounter, kritisiert Bos, kopierten "die heile Welt der Manufaktur-Kultur". Doch wenn ein Discounter Tag für Tag Feinkost in 2000 Filialen liefern müsse, dann sage einem der gesunde Menschenverstand, dass die nicht handwerklich hergestellt sein könne. Ein Großhändler wie Penny, räumt Andreas Krämer ein, "kann natürlich nicht mit einer Manufaktur zusammenarbeiten, die von einem Käse 500 Stück im Jahr produziert"; bei den Partnern müsse es sich schon um mittelständische Unternehmen handeln.

Schmeckt´s?

Bleibt die Frage, die für den Kunden die letztlich entscheidende sein dürfte: ob die Discounter-Feinkost schmeckt. Um das zu erforschen, besuchen wir einen ausgewiesenen Gourmet, den Lesern dieser Zeitung vertrauten Gastrokritiker Cornelius Lange. Mit dabei haben wir einen Fresskorb mit bunt zusammengewürfelter Premiumkost der großen Discounter: zwanzig Produkte für insgesamt 41 Euro. Damit hätte Vati die Mutti früher mächtig beeindrucken können - und könnte es womöglich noch heute. Was aber sagt der Experte? Wir machen den Test.

Er beginnt mit der "Französischen Meersalzbutter aus Guérande" von Penny, 250 Gramm zu 1,49 Euro. Es löst sich der Geschmack von sehr reifer Butter heraus, durchsetzt mit großen, krossen Salzstücken: "Ein integeres, akzeptables Produkt", sagt Lange. Für den nächsten Kandidaten, das "Steirische Kürbiskernöl kaltgepresst" von Aldi-Süd (250 ml, 4,59 Euro), gilt das nicht. Dessen Geschmack, der laut Aldi "unvergleichlich zartnussig" ist, findet Lange "im Verlauf etwas irritierend". Einerseits sehr toastgeprägt, als ob Teile der Kerne außen angebrannt wären, andererseits auch unreif, "wie feuchtes Heu, das zu lange gelegen hat". Das Öl, mutmaßt Lange, sei wohl unter hohem Zeitdruck unter zu großer Hitze hergestellt worden - und damit für den Preis zu teuer.

Wenig besser weg kommen, wiederum von Aldi, drei "Gourmet-Sahne-Joghurts extra cremig", jeweils 39 Cent. Zwar werde die Süße dezent eingesetzt, problematisch jedoch sei die Fruchtzubereitung, sagt Lange und löffelt ein blasses Kirschenstückchen heraus. Wie die "ganz populäre, ganz ordinäre" Kirschzubereitung schmecke die Mangovariante nach nichts Besonderem. Allein dem Stracciatella-Joghurt mit den Schokosplittern attestiert er ein Geschmackserlebnis mit "gewisser Dramaturgie". Authentischeren Kirschgeschmack macht Lange in den "Getrockneten Kirschen Premium Montmorency" aus (Aldi-Süd, 150 Gramm für 1,99 Euro), deren starke Anfangssüße mit der Säure einen respektablen Gegenspieler bekomme. Beeinträchtigt wird dies durch den penetranten Ölgeruch, der sich aus der frisch geöffneten Tüte verbreitet; er stammt vom Pflegeöl, das die Früchte glänzen lässt.

Käse mit Geruchsproblem

Ein Geruchsproblem hat auch die "Italienische Käseselektion" von Norma, ein Kästchen mit drei eingeschweißten Stücken von jeweils 150 Gramm zum für Discounter-Verhältnisse waghalsigen Preis von 7,49 Euro. "Dieser Käse ist komplett verseucht", lautet Langes erster Eindruck vom Gestank des Pecorino Sardo Maturo, bei dem die mikrobiologischen Prozesse auf der Rinde durch die Einschweißfolie ins Innere gewirkt hätten. Der Geschmack ist nicht ganz so penetrant, aber immer noch unangenehm muffig. Nicht viel besser weg kommen die beiden Gefährten, der "gummiartige, harmlose" Asiago Pressato und der arg salzige Provolone Valpadana.

Allmählich ist es Zeit für eine positive Überraschung, und der "Ziegenfrischkäse im Speckmantel" von Penny (vier Stück, 2,99 Euro) liefert sie. "Eine gute, gesäuerte, quarkartige Käsemasse mit sehr elegantem Feinziegenaroma", preist der Fachmann die kurz angebratenen Happen. Lob erhalten auch das vorgegarte "Champagnerkraut" (Penny, 400 Gramm für 89 Cent), das fein geschnitten, nicht matschig, wunderbar abgeschmeckt sei, und die "Thunfischfilets mit Oregano in Olivenöl" (Penny, 2,59 Euro): große Stücke, mutig gewürzt, klasse Aroma. Die "Black Tiger Riesengarnelen in Kräutermarinade" (Aldi-Süd, zehn Stück, 6,99 Euro) hingegen sind für Lange "komplett überwürzt und versalzen".

„Ein bisschen ordinär

Enttäuschend auch die beiden fast identisch aussehenden, offenbar vom selben Hersteller produzierten Leberpasteten von Norma und Penny (je 1,29 Euro): "ein bisschen ordinär" die eine, die andere mit Gelee von "fast schon gummibärchenartiger Süße" - und zudem als "Geflügel-Leber-Pastete" mit einem Schweineleberanteil von 38 Prozent. Keine Gnade gewährt Lange auch sämtlichen Süßwaren, weder der Haselnusskrokant-Scholade von Penny (1,29 Euro, Lange: "reine Kinderbelustigung") noch den beiden Lidl-Produkten von J.D. Gross, wohinter sich der Fabrikant Rausch verbirgt: Die "Sahnebitterschokolade" (95 Cent) wie auch die "Qualité Supérieure Trüffel Pralinés" (1,99 Euro) schmecken übersüß. Von der "Finest Gourmet Trüffel Pralinen Auslese" (Norma, 1,39 Euro) überzeugt halbwegs nur die dunkle Weinbrand-Kugel. Beim Lidl-"Fruchtaufstrich Kirsche" (99 Cent) enttäuscht Lange der lasche Fruchteindruck.

Je länger der Name, desto Gourmet: Für die "Deluxe Caramelised Onion & Sweet Balsamico Chips" (Lidl, 69 Cent) gilt das nicht, Cornelius Lange hält sie für gnadenlos überwürzt. Großartig findet er den "Moro Blutorange"-Saft von Penny mit am Fuße des Ätna gereiften Früchten (1,49 Euro): "Eine tolle Idee, ein gut umgesetztes Produkt." So hat unser kleiner Discount-Feinschmeckertest einen klaren Sieger: den Penny-Markt. Wer sich dort mit Moro-Saft oder Ziegenfrischkäse eindecken will, sollte sich aber sputen: Die "Feine Kost" war Saisonware für Ostern. Nur zwei Gourmetprodukte sollen "testweise" in den Regalen bleiben: der Wildreis und eine "Feinschmecker-Salami". Die aber war bei unserem Penny-Besuch ausverkauft.

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Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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