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FAZ.NET-Frühkritik Brauchen wir die Nutella-Steuer?

Zu Gast bei „Beckmann“ waren entschlossene Kritiker der Ernährungsindustrie – und ein Sechzehnjähriger, der vierzig Kilo abgenommen hat. Die Mischung machte ein lange vernachlässigtes Thema in seiner Brisanz verständlich.

© dpa Vergrößern Übergewicht, Zuckersucht und Diabetes sind ein bedeutendes globales Problem

Während sich Sandra Maischberger in dieser Woche ausführlich mit den amerikanischen Wahlen und Frank Plasberg mit Chinas Wirtschaft befasste, ging es bei Reinhold Beckmann am späten Donnerstagabend um ein nicht minder bedeutendes globales Phänomen. Es wird die Gesellschaften der Welt nicht weniger prägen als politische Umwälzungen, als wirtschaftlicher Aufstieg und Fall, es wird die Kluft zwischen den Schichten vergrößern und dafür sorgen, dass der demographische Wandel noch schwerer aufzufangen ist als ohnehin schon.

Christina Hucklenbroich Folgen:    

Die Rede ist von einer Volkskrankheit, die schleichend große Gruppen der Bevölkerung erfasst, immer jüngere Menschen, die ihr Gebrechen oftmals lange Zeit überhaupt nicht bemerken. Die Rede ist von Übergewicht, Zuckersucht und der gravierendsten der Folgen: Diabetes. Moderator Beckmann begrüßte die Zuschauer, während er hinter einem Berg aus Zuckerwürfeln hervortrat: 35 Kilogramm Zucker hatte man im Studio aufgehäuft, so viel verzehrt jeder Deutsche im Jahr. Im vorletzten Jahrhundert waren es noch drei Kilogramm.

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Warum ein solches Thema? Die Frage ist zum einen überflüssig, denn es gibt kaum ein Thema, das weniger eines Termins bedarf - so drängend und so vernachlässigt zugleich ist es. Zum anderen liegt gegenwärtig, blickt man auf den Alltag und sieht von politischen Debatten ab, kaum ein Thema näher: Es ist schon jetzt bei keinem Lebensmitteleinkauf mehr möglich, die Zuckerschlacht, die sich für die Adventszeit abzeichnet, zu ignorieren, so hoch türmen sich Schokoladenkalender und Nikoläuse, Weihnachtspralinen und Zimtgebäck in den Supermärkten.

Reinhold Beckmanns Talkrunde war als großer Rundumschlag angelegt. Innerhalb einer guten Stunde das Thema Zuckerverzehr mit medizinischen Details zum Diabetes und Kritik an der Lebensmittelindustrie zu verquicken ist eine Herausforderung – doch am Donnerstagabend gelang das Unterfangen, ohne dass die Sendung überfrachtet wirkte. Die Diskussion der fünf Gäste, die sich dem Thema von ganz verschiedenen Standpunkten näherten, blieb bis zum Ende ruhig und sachlich, auch Exkurse und ein Abschweifen waren erlaubt, was dem Verständnis der komplexen Problematik aber nicht schadete, sondern vielmehr immer neue Facetten aufdeckte.

35 Kilogramm Zucker verzehrt jeder Deutsche im Jahr © dapd Vergrößern 35 Kilogramm Zucker verzehrt jeder Deutsche im Jahr

Sieben Millionen Deutsche leiden schon an Diabetes, die Dunkelziffer liegt auch bei einigen Millionen. 48 Milliarden Euro Kosten entstehen jährlich für das Gesundheitssystem. Das sind die Folgen für die Gesellschaft, doch am Donnerstag ging es vor allem um die Folgen für den einzelnen. Aus diesem Grund war Lukas Schmidt eingeladen, ein 16 Jahre alter Berliner Schüler, der in einem Reha-Zentrum von 160 auf 122 Kilogramm abnahm und damit auch zunächst den Diabetes eindämmen konnte, den er aufgrund jahrelanger Adipositas und ständigem Verzehr von Süßigkeiten entwickelt hatte.

„Die Küche ist relativ klein, das Geld ist knapp“, begründete der Junge lapidar, wie es dazu kam, dass er fast nur noch zu Süßigkeiten und Softdrinks griff. In der Schule sei Kochen nur als Wahlfach, nicht als Pflichtfach angeboten worden; es habe dort einen Kiosk gegeben, in dem Mars- und Bounty-Riegel verkauft wurden. In diesen wenigen Worten wurde deutlich, wie massiv das Versagen der Gesellschaft ist, aber wie stark auch die schon jetzt existierenden Probleme ausgeblendet werden.

Global betrachtet, tut sich zwar etwas: In der Schweiz zum Beispiel soll der Bundesrat künftig Werbung für Chips und Süßigkeiten einschränken können, wenn die Spots oder Anzeigen gezielt Heranwachsende ansprechen. Und in Frankreich, flocht Beckmann ein, gebe es schon eine Cola-Steuer; bald soll vielleicht eine Nutella-Steuer hinzukommen.

Bei Reinhold Beckmann wurde nicht über die Wahl in Amerika diskutiert © NDR/Morris Mac Matzen Vergrößern Bei Reinhold Beckmann wurde nicht über die Wahl in Amerika diskutiert

Der Eindruck allerdings, dass man in Deutschland den Kopf in den Sand steckt und in aller Seelenruhe Fußballidole Fernsehwerbung für Nuss-Nugat-Brotaufstrich machen lässt, täuscht nicht: Hierzulande hat die Süßigkeitenindustrie noch immer relativ freie Bahn. Die Journalistin Tanja Busse, Autorin des Buches „Die Ernährungsdiktatur“, war in der Sendung dafür zuständig, immer wieder Verbote von politischer Seite zu fordern. Ebenso wie Matthias Steiner, Olympiasieger im Gewichtheben und Diabetiker seit seinem 18. Lebensjahr, der auch darauf pochte, dass Schokolade gezielt durch eine Steuer verteuert werden müsste. Koste sie nur ein paar Cent, lasse sich niemand abhalten – da waren sich die Gäste einig.

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