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Fastenzeit Nichts essen für 199 Euro

23.02.2010 ·  Seit Aschermittwoch wird wieder gefastet. Der medizinische Nutzen ist umstritten, trotzdem gibt es immer mehr Spezialkliniken - und Patienten, die sich vom Fasten Heilung von Körper und Geist versprechen und dafür viel Geld ausgeben.

Von Jörg Thomann
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Nach seiner Taufe zog es Jesus in die Wüste, wo er vierzig Tage und vierzig Nächte lang fastete. Danach, heißt es lapidar in der Bibel, „bekam er Hunger“. Prompt witterte Satan seine Chance und forderte ihn, der ja Gottes Sohn sei, dazu auf, die herumliegenden Steine in Brot zu verwandeln. Jesus aber widerstand der Verlockung und konterte mit einem Spruch, der, wie so häufig bei ihm, sprichwörtlich wurde: Der Mensch lebe nicht vom Brot allein - sondern von Gottes Worten. Dann wandte er sich mit frischer Kraft neuen Projekten zu: „Er zog in ganz Galiläa umher, lehrte in den Synagogen, verkündete das Evangelium vom Reich und heilte im Volk alle Krankheiten und Leiden.“

Eine bessere Werbung fürs Fasten lässt sich kaum finden als diese Geschichte, die man zur Nachahmung gleichwohl nicht empfehlen mag. Schon die Wüste ist nicht jedem bekömmlich, und eine so extreme Fastenperiode erst recht nicht. Zwar hat am Aschermittwoch wieder die christliche Fastenzeit begonnen, die bis zum Karsamstag - die fastenfreien Sonntage nicht eingerechnet - vierzig Tage dauert. So weit wie das Vorbild aber treiben es selbst religiöse Fastende nicht; die meisten streichen beziehungsweise reduzieren Fleisch-, Alkohol- oder Zigarettenkonsum. Und auch jene Kuren, die in speziellen Kliniken als „Heilfasten“ angeboten werden, dauern meist nur eine bis vier Wochen und servieren Nährstoffe in Form von Säften oder Gemüsebrühen. Dennoch fühlt sich mancher danach vielleicht nicht wie der Heiland persönlich, aber doch so ähnlich wie jener nach seinen Wüstenwochen: willensstark, mit geschärften Sinnen und voller Tatendrang.

Im Winter wird nicht so gern gefastet wie im Sommer

Mit dem schlichten Begriff „Fasten“ kämen die Evangelisten heute kaum mehr durch. Die Titel der vielen Ratgeberbücher, zu deren Autoren die unvermeidlichen Hademar Bankhofer und Jürgen Fliege zählen, möchten uns anleiten, wie wir „ganzheitlich“, „typgerecht“, „individuell“ oder „bewusst“ fasten. Es gibt „Saftfasten“, „Basenfasten“, „Wohlfühl-Fasten“ und sogar „Fasten für Eilige“ - obwohl jenes dem Ursprungsgedanken komplett widerspricht. Geht es doch eigentlich um eine Einkehr, ein Innehalten, wobei der Verzicht - auf Nahrung oder anderes - nur ein Aspekt ist. Einen „Einspruch gegen festgefahrenes, inhaltsleeres Leben“ hat der Berliner Erzbischof, Kardinal Georg Sterzinsky, das Fasten genannt.

Den Kirchen freilich scheint, das zeigt sich gerade auch in der Fastenzeit, längst die Hoheit über den Begriff entglitten. Die Buchinger-Klinik am Bodensee, sagt deren Leiterin Françoise Wilhelmi de Toledo, sei dieser Tage nicht stärker gefüllt als sonst; eher schon hänge die Belegung von der Jahreszeit ab: Im Winter wird nicht so gern gefastet wie im Sommer. Die Klinik bietet ihren Gästen sogenanntes Heilfasten nach der Methode ihres Gründers Otto Buchinger an. So nehmen sie unter medizinisch-physiologischer Betreuung nur Gemüsebrühe, Tee, Fruchtsäfte und viel Wasser zu sich, sollen sich viel bewegen und genießen nebenbei die Annehmlichkeiten einer Umgebung, die wüstenferner nicht sein könnte: Das Angebot reicht von Massagen über Psychotherapie bis zu kosmetischen Anwendungen. Preiswert ist die rundumbetreute Askese naturgemäß nicht. Die Nacht im „kleineren Nordzimmer ohne Balkon“ kostet bei Buchinger 199 Euro, Anwendungen nicht inbegriffen.

„Für den Körper ist Fasten eigentlich Stress“

Doch es soll sich lohnen. Laut Buchinger regt das Heilfasten als Teil der Naturheilkunde die Selbstheilungskräfte an und kann durch seine Wirkung auf den Stoffwechsel „die verschiedensten Krankheitsbilder wie auch die Psyche positiv beeinflussen“. Während sich einst Otto Buchinger durch eine Fastenkur allein vom Gelenkrheuma befreit haben soll, umwirbt die Klinik heutige Patienten mit dem therapeutischen Potential des Fastens unter anderem bei Bluthochdruck, Diabetes Typ 2, Arthritis oder Migräne - bis hin zu Akne und dem prämenstruellen Syndrom. Auch senke es, was für viele der entscheidende Anreiz sein dürfte, das Übergewicht. Anderswo ist man skeptischer. „Viele positive Wirkungen des Heilfastens sind wissenschaftlich kaum oder nur ungenügend belegt“, kritisiert die Deutsche Gesellschaft für Ernährung. Eine Heilfastenkur könne eine medizinisch notwendige Therapie nicht ersetzen, sondern allenfalls „Impuls für die Änderung des Lebensstils“ sein. Umstritten sind auch die Begriffe der „Entschlackung“ oder „Entgiftung“: Nicht verwertbare Stoffe nämlich werden ohnehin vom Körper über Darm oder Nieren ausgeschieden, ohne dass man dazu fasten müsste.

„Für den Körper ist Fasten, jedenfalls in seiner extremen Variante, eigentlich Stress“, sagt Hans Hauner, Ernährungsmediziner an der TU München. Dem Körper werde Energie vorenthalten, was zu einem „gewaltigen Umstellungsprozess“ im Stoffwechsel führe und potentiell gefährlich sei. Reduziert werde nicht allein Fettgewebe, sondern auch „sehr viel Muskelmasse“, so auch im Herzmuskel. Er kenne Patienten, so Hauner, die zwanzig Fastenkuren hinter sich, aber stets wieder zugenommen hätten. Den Fastenkliniken wirft Hauner eine Mischung aus „Geschäftsinteressen und fehlendem wissenschaftlichen Denken“ vor. Es gebe keine Belege, dass das Fasten tatsächlich „sicher und nützlich“ sei, sondern nur „Pseudostudien, die man aber in der Pfeife rauchen kann, weil sie methodisch so insuffizient sind, dass man darüber kein Wort verlieren sollte“.

Das Fasten sollte gerade bei Anfängern unter medizinischer Aufsicht stattfinden

Rainer Stange, Chefarzt für Naturheilkunde am Immanuel-Klinikum Berlin und wie seine Kollegin Wilhelmi de Toledo im Vorstand der Ärztegesellschaft Heilfasten (ÄGHE), räumt ein, dass die Studien, die dem Fasten heilende Wirkung etwa bei Rheuma attestieren, „sicherlich noch verbesserungswürdig“ seien. Auch berge das Fasten die Risiken der Steinbildung in ableitenden Harnwegen und Galle sowie, beim Abnehmen, des Jojoeffektes: Es sei eben wichtig, dass auch nach der Kur auf vernünftige Ernährung geachtet werde. In den zwanzig Jahren, die er an der Klinik arbeite, habe er indes nur bei einem einzigen Patienten „eine dramatische Geschichte mit einem Nierenstein“ erlebt und insgesamt vielleicht sechs Gichtanfälle - „die man aber vermeiden kann, wenn der Patient einem das vorher sagt“. Darin immerhin sind sich Kritiker und Anhänger einig: Das Fasten sollte gerade bei Anfängern unter medizinischer Aufsicht stattfinden und bei bestimmten Gruppen - Schwangeren, Kindern, Menschen mit Essstörungen - gar nicht.

Die ÄGHE gibt die Vorwürfe der Kritiker, die „immer die gleichen“ seien, an diese zurück: Sie entbehrten jeder Grundlage. „In der Tat verbraucht der Körper während des Fastens eine ganz geringe Menge von Protein auch in der Muskulatur“, sagt Françoise Wilhelmi de Toledo, „aber keine einzige Studie belegt, dass das gefährlich ist.“ Bei vielen Fastenden nehme die Leistungsfähigkeit sogar zu. Unbestritten ist, dass das Fasten die Produktion des Glückshormons Serotonin anregt, was das subjektive Wohlbefinden steigert. Zudem dürfte sich gerade bei hart Arbeitenden die Auszeit vom aufreibenden Alltag, die ungewohnte Auseinandersetzung mit sich selbst, stimmungsaufhellend auswirken - wie auch die Befriedigung, über sich selbst zu triumphieren. Insofern fällt das Fasten längst in die Kategorie Lifestyle-Selbstkasteiung wie der Marathonlauf oder der Jakobswegmarsch - mit dem Vorteil, dass die Überwindung womöglich leichter fällt, wenn man nicht etwas tun muss, sondern etwas nicht tun muss.

Und die Kirchen? Sie halten sich aus den medizinisch-ideologischen Debatten heraus. Für sie ist der Nahrungsverzicht beim Fasten längst zweitrangig geworden. Das katholische Hilfswerk Misereor ruft in seiner diesjährigen Fastenaktion dazu auf, das Auto stehenzulassen oder klimafreundlich zu essen. Die evangelische Kirche regt ihre Schäfchen an, ihre Scheu zu überwinden und „Wagnis und Luxus leibhaftiger Nähe“ zu wagen, Überraschungsbesuche zu machen und Freundschaften zu schließen: „Kosten Sie beides aus: den Genuss und die Gefahr.“ Das könnte man dann glatt wieder für einen Werbespruch fürs Heilfasten halten.

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