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Fahnder entdecken Cannabis-Plantage Gras im Grenzverkehr

01.04.2008 ·  Ausgerechnet im Hanfbachtal stieß die Polizei auf eine besonders große Plantage des gleichnamigen Rauschgifts. Weil die Hanfbauern in den Niederlanden mittlerweile kalte Füße bekommen, versuchen sie nun hier ihr Glück.

Von Rainer Schulze
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Frankfurt, im April. Drogenbarone im Hanfbachtal – in Hennef ist das schnöde Wirklichkeit. Ganz in der Nähe des Hanfbachtals hat die Polizei in einem weißen Bungalow am Ortsausgang der Kleinstadt eine der größten Indoor-Plantagen für den Stoff aufgespürt, der die Welt der Kiffer in Watte packt. Mehr als 1000 Hanfpflanzen, genug, um das ganze Ruhrgebiet zu versorgen, trugen Polizeibeamte in weißen Schutzanzügen vor ein paar Wochen aus der Haustür. Die Plantage hatte einen Marktwert von mehr als 300 000 Euro.

Nur wer seine Nase ganz dicht an die Kellerfenster des Bungalows gehalten hätte, wäre dem Inhalt des Gebäudes auf die Spur gekommen. Ein süßlicher Geruch sei ihm entgegenschlagen, als er das Haus betrat, sagt Polizeisprecher Markus Gromme. Die Hanfbauern hatten ihr Gewächshaus gut verborgen. Damit der von Wärmelampen und Ventilatoren in die Höhe getriebene Stromverbrauch nicht auffiel, hatten die Freunde der speziellen Gartenkultur die Hauptstromleitung angezapft. Gromme meint: „Eine Meisterleistung!“

Morgens um sechs Uhr stürmten mehr als 1600 Polizeibeamte Lagerhallen und Kühlhäuser, Einfamilienhäuser und WG-Küchen. Die Razzia brachte 76 Plantagen ans Tageslicht, 5500 Cannabispflanzen wurden beschlagnahmt. Auf die Schliche kamen die Beamten den Züchtern über das Internet. Durch den Online-Shop des Gewächshaushandels „Catweazel“ hatten sich die Kunden mit Zubehör für die Hanfzucht versorgt. Vor der Razzia waren E-Mails abgefangen und Telefongespräche mitgehört worden.

Holländische Cannabis-Produzenten wandern nach Deutschland aus

Catweazel hat reagiert. „Wir fühlen uns gezwungen darüber zu informieren, dass eingehende Bestellungen und E-Mails bereits im Vorfeld abgefangen werden. Und möchten nochmals ausdrücklich bitten unsere Waren nicht zu illegalen Aktivitäten zu verwenden“, warnt ein Spruchband auf der Internetseite. Zwar ist der Handel mit Gewächshaustechnik wie Wärmelampen und Belüftungssystemen nicht strafbar. Besonders für den Hanfanbau sind aber Geruchsneutralisierer und Antidetection-Folie geeignet, die Kunden bei Catweazel erstehen können.

Schwerpunkt des Einsatzkommandos „Sativa“ (benannt nach dem botanischen Namen „Cannabis sativa“ für die Hanfpflanze) war Nordrhein-Westfalen. Mehr als 3000 Pflanzen stellte die Polizei allein in diesem Bundesland sicher – 14 Kleinplantagen mit bis zu 100 Pflanzen, fünf Großplantagen mit bis zu 1000 Pflanzen und die Profiplantage in Hennef, wo die Ermittler mehr als 1000 Pflanzen aus dem Bungalow trugen. Das Landeskriminalamt (LKA) in Düsseldorf hat schon einige Erfahrungen mit professionellen Hanfbauern. Bis vor fünf Jahren waren den Ermittlern Hanfplantagen unter Dach nahezu unbekannt. Durch Brände und Überschwemmungen gerieten die Plantagen erst ins Blickfeld der Polizei. Fanden die Ermittler 2003 noch drei Profi- und Großplantagen, waren es im Jahr 2004 schon 31 und im Jahr 2006 sogar 57 mit 58 600 Pflanzen.

Das meiste ist nicht für die Selbstversorgung gedacht. Die Spur weist nach Angaben des Landeskriminalamts Nordrhein-Westfalen häufig zu Hintermännern im Nachbarland. In den Niederlanden bekommen Cannabis-Gärtner seit einigen Jahren kalte Füße: Weil die dortige Polizei mit Hubschraubern und Wärmebildkameras gegen Hanffarmen kämpft, wandern die Produzenten nach Deutschland aus, zunächst in grenznahe Regionen. Mittlerweile entdeckt die Polizei Profiplantagen auch im Ruhrgebiet und im Bergischen Land. Auch in Niedersachsen weitet sich der Anbau aus. Die Ernte wird laut Polizei zurück in die Niederlande transportiert, dort verarbeitet und in Coffie-Shops verkauft.

Strohmänner mieten Lagerhallen und Gewächshäuser

Susanne Deeken-Heusgen, Sprecherin des LKA Nordrhein-Westfalen, nennt die Arbeit der Hanfbauern „völlig professionell“. In kleinen Bautrupps ziehen die Holländer über die Grenze und bestellen die Erde. Alte Bauernhöfe, Lagerhallen oder Gewächshäuser werden oft über Strohmänner gemietet. Von außen ist der Anbau kaum zu erkennen, die Scheiben sind verklebt, Wachhunde schrecken Neugierige ab. Drei bis vier Mal im Jahr werden die Plantagen abgeerntet, die Erntehelfer kommen aus Osteuropa. Das LKA schätzt, dass 100 getrocknete Cannabis-Pflanzen vier Kilogramm Marihuana mit einem Marktwert von etwa 32 000 Euro ergeben.

Innenanlagen sind nicht nur wegen der häufigeren Ernte verlockend, sondern weil sich unter kontrollierten Bedingungen ein höherer Gehalt des Wirkstoffs Tetrahydrocannabinol gewinnen lässt, der den Preis für die Ware nach oben treibt – und durch eine im Vergleich zu den neunziger Jahren bis zu zehnmal höhere Dosierung des Wirkstoffs leichter zur Sucht führt. Stefan Kahl, Projektleiter der Einsatzgruppe Cannabisplantagen im LKA, spricht darum nicht mehr von einer „weichen Droge“: „Das Problem sind nicht die Späthippies, die sich ein paar Pflanzen hochziehen. Lag der THC-Gehalt in den Neunzigern noch bei zwei bis fünf Prozent, kann der Anteil des Wirkstoffs an der Droge heute auf mehr als 20 Prozent gesteigert werden.“

In Deutschland greifen nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums etwa zwei Millionen Menschen regelmäßig zum Joint, 400 000 gelten als süchtig. Häufig führte der auffällig hohe Stromverbrauch die LKA-Fahnder der Projektgruppe Cannabis auf die Spur der Treibhäuser. Heute hat sich die Gruppe schon wieder aufgelöst, denn ihre Aufgabe ist erledigt. Die Fachleute sollten die Polizei schulen und die Öffentlichkeit informieren. Verklebte Scheiben, ständig brummende Dieselgeneratoren und ein süßlich-stechender Geruch in der Nase sind Indizien, dass der Nachbar sich nicht auf Kürbisanbau spezialisiert hat.

Deutscher Hanf Verband: Selbstanbau schützt vor verunreinigten Drogen

Offenbar war die Arbeit der Projektgruppe erfolgreich. Hatte die Zahl der Profiplantagen von 2005 bis 2006 noch von zehn auf 21 zugenommen, fanden die Fahnder trotz erhöhtem Fahndungsdruck 2007 nur noch elf Plantagen mit mehr als 1000 Cannabispflanzen. Ähnliches gilt für die Großplantagen: Auch hier gingen die Funde von 36 im Jahr 2006 auf 33 im Jahr 2007 zurück. Die Polizei geht nicht nur gegen die überdachten Treibhäuser vor. Am Niederrhein erwies sich auch die Haschisch-Luftfahndung als erfolgreich.

Um Outdoor-Plantagen aufzuspüren, drehte ein Polizeihubschrauber seine Runden über Maisfeldern: Im September 2007 stellten die Beamten 350 Pflanzen inmitten eines Feldes in Straelen sicher. Auch einige große Strafprozesse dürften abschreckende Wirkung haben. Gegen Hanfbauern und Erntehelfer, die auf fünf Plantagen mehr als 18 000 Pflanzen züchteten, verhängte das Landgericht Krefeld im Dezember Freiheitsstrafen. Zwei polnische Erntearbeiter erhielten zweieinhalb und dreieinhalb Jahre, zwei deutsche Haupttäter sechs und neuneinhalb Jahre. Auch hier kamen die Hintermänner aus den Niederlanden. Gegen sie wurde das Verfahren im Heimatland eröffnet.

Gegen die Offensive, die auch etliche Kleinzüchter für den privaten Konsum traf, protestieren drogenpolitische Initiativen. Die Verfolgung „kleiner Fische“ schade nur, kritisieren der „Deutsche Hanf Verband“ und das „Grüne Hilfe Netzwerk“. Da manche Dealer die Droge mit Glasfaser streckten, schützten sich Cannabiskonsumenten mit Selbstanbau. Die „Kleingärtner“ entzögen auf diese Weise dem Markt für die Produkte der Profiplantagen die Grundlage, meinen die Verbände. Ziel der Ermittler sei es nicht, den Kleinbauern vors Gericht zu ziehen, sagt Fahnder Kahl. „Es lässt sich aber nicht unterscheiden, ob das im Internet bestellte Zubehör für den Heimanbau oder für Profiplantagen verwendet wird.“ Das Betäubungsmittelgesetz macht keinen Unterschied. Der Anbau von Cannabis ist in Deutschland verboten – so oder so.

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Jahrgang 1978, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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