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Erweiterte Ultraschalluntersuchung : Mehr Vorsorge für das ungeborene Kind

Nur ein Kompromiss? Die neue Regelung für die Ultraschalluntersuchung Bild: dpa

Seit dem 1. Juli haben alle Schwangeren in Deutschland Anspruch auf eine erweiterte Ultraschalluntersuchung. Frauenärzte müssen nun noch genauer hinschauen. Doch jede Frau behält ein Recht auf Nichtwissen.

          Es sind kleine Schwarzweißbilder, die mit Stolz präsentiert werden, obwohl für Laien darauf meist noch gar nicht viel zu erkennen ist: die ersten Ultraschallbilder des Nachwuchses.

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bis vor kurzem boten Gynäkologen Frauen während der Schwangerschaft drei Ultraschalluntersuchungen - auch als Basis-Ultraschall bezeichnet - an, eine um die zehnte, eine um die zwanzigste und eine um die dreißigste Woche. Seit dem 1. Juli haben alle werdenden Mütter zwischen der 19. und 22. Schwangerschaftswoche nun Anspruch auf einen „erweiterten Basis-Ultraschall“, der von der Krankenkasse gezahlt wird.

          Im Basis-Ultraschall vermessen Frauenärzte beim Screening um die 20. Woche nur die Größe von Kopf, Bauch und Oberschenkeln. Außerdem suchen sie nach Auffälligkeiten an der Plazenta oder bei der Fruchtwasserbildung. Am Herzen wird kontrolliert, ob es überhaupt schlägt. Organe werden im Detail nicht betrachtet.

          Bislang nur Anspruch bei Auffälligkeiten

          Mit der „erweiterten Ultraschalluntersuchung“ müssen Frauenärzte nun genauer hinschauen. Nach einer Checkliste sollen sie Fragen abhaken, deren Antworten im Mutterpass notiert werden: Sind Kopf und Hirnkammern normal geformt? Ist das Kleinhirn sichtbar? Sind Rücken und Hals gut ausgebildet? Herz und Brustkorb im richtigen Größenverhältnis? Sind Magen und Harnblase zu sehen? Sind die vier Kammern des Herzens ausgebildet?

          Über diese Neuregelung in der Schwangerschaftsvorsorge werden Frauen mit einem Merkblatt informiert, das sie seit dieser Woche von ihrem Gynäkologen erhalten. Mit der Änderung will man allen werdenden Müttern anbieten, ihr ungeborenes Kind umfangreicher als bisher auf Fehlbildungen untersuchen zu lassen. Bis Anfang des Monats erhielten nur Frauen, bei denen während des Basis-Ultraschalls Auffälligkeiten entdeckt wurden, eine genauere Untersuchung.

          Dafür überwies sie ihr Frauenarzt in der Regel an einen Pränatalmediziner, einen Ultraschallspezialisten. In einem solchen Fall übernahm die Krankenkasse die Kosten für zusätzliche Ultraschallscreenings. Wollten Frauen ohne auffälligen Befund ihr Kind auf Fehlbildungen untersuchen lassen, mussten sie dafür in die eigene Tasche greifen.

          Doch Annegret Geipel, Leiterin pränatale Medizin in der Abteilung für Geburtshilfe und pränatale Medizin am Uniklinikum Bonn, warnt davor, falsche Rückschlüsse aus der Neuerung zu ziehen: „Es ist ein richtiger Schritt, durch die neue Untersuchung die Genauigkeit und Qualität des Ultraschallscreenings zu steigern. Aber man kann den erweiterten Basis-Ultraschall nicht mit der weiterführenden Organdiagnostik, die als Feindiagnostik bekannt ist, vergleichen.“ Dazu seien die Fragestellungen zu indirekt. So müsse man zum Beispiel, um zu einem zuverlässigeren Befund zu gelangen, nicht fragen: Sind die vier Kammern des Herzens ausgebildet? Sondern: Sind sie normal ausgebildet? Die Checkliste lasse zu viel Spielraum: „Nach Gliedmaßen beispielsweise wird bei der neuen Ultraschalluntersuchung gar nicht geschaut.“ Frauen dürften die Erweiterung also nicht als einen Ultraschall auf dem Niveau der Feindiagnostik werten.

          Ein halbherziger Kompromiss

          Damit Frauenärzte, die bisher schon die drei Basisuntersuchungen gemacht haben, auch den erweiterten Ultraschall anbieten dürfen, müssen sie auf den Internetseiten ihrer kassenärztlichen Vereinigung einen Test absolvieren und anhand ausgewählter Ultraschallbilder unauffällige Befunde von Fehlbildungen unterscheiden. Danach gelten sie als qualifiziert und dürfen die Untersuchung abrechnen. Christian Albring, Präsident des Berufsverbands der Frauenärzte, der in Niedersachsen Fortbildungen organisiert, schätzt, dass etwa neunzig Prozent der dort niedergelassenen Frauenärzte diese Prüfung bis jetzt gemacht haben.

          Pränatalmedizinerin Geipel sieht die Qualifikation durch einen Wissenstest im Internet kritisch: „Dieser Test überprüft in keiner Weise, wie gut der Arzt schallen kann, also seine praktischen Fertigkeiten.“ Dazu komme, dass in der Weiterbildung zum Frauenarzt zwar das „Schallen“ gelernt werde, aber nicht unbedingt an Frauen in der 20. Schwangerschaftswoche; es fehle also an Erfahrung. Werdende Mütter für den erweiterten Ultraschall nicht direkt zu einem Spezialisten zu schicken sei eine politische Entscheidung, sagt Geipel, die sie, zumindest, was die Qualität angeht, für einen halbherzigen Kompromiss hält.

          In dem neuen Merkblatt werden Frauen auch auf ihr „Recht auf Nichtwissen“ hingewiesen. Ein Punkt, den Geipel gerechtfertigt findet. Sie kritisiert nur die Begründung im Merkblatt. Darin steht: Ultraschall kann Schaden anrichten, wenn er unklare Ergebnisse oder Auffälligkeiten zeigt; dies kann Ängste oder Sorgen auslösen. „Ängste und Sorgen kommen aber“, sagt Geipel, „auch nach der Geburt eines kranken Kindes. Mit Hilfe des Ultraschalls kann man in so einem Fall oft einigen Schwierigkeiten vorbeugen.“ Doch welche Schwarzweißbilder ihres Ungeborenen Eltern in der Hand halten wollen, bleibt eine persönliche Entscheidung.

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