http://www.faz.net/-gum-8wov5

Krankheiten aussitzen : Jetzt aber mal langsam!

Der Patient hat meist nichts davon, wenn er durch Diagnostik weiß, von welchem Erreger sein Schnupfen kommt. Denn bis der Befund da ist, ist der Schnupfen längst vorbei. Bild: Getty

Abwarten soll neuerdings die beste Medizin sein. Bekannt ist das eigentlich schon lange. Die Idee musste aber erst aus Amerika re-importiert werden, damit Arzt und Patient hierzulande umdenken.

          Als mein Magen gespiegelt wurde, an einem Frühlingstag morgens um acht, war das, abgesehen von einem Detail, sinnlos. Über das Detail zu reden ist fast ein bisschen heikel, aber das wird hier eh kein ganz so geschmeidiger Text, also fangen wir gleich mit dem harten Stoff an: Propofol. Das Narkosemittel wird bei einer Magenspiegelung verabreicht. Sofern man das will, und ich wollte. Propofol beschert einem Sekunden süßen Dämmerns beim Einschlafen und Aufwachen, viel besser als beim natürlichen Schlaf.

          Denise Peikert

          Freie Autorin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ich hing an diesem Frühlingsmorgen also noch dieser Blumigkeit nach, als der Arzt ins Zimmer trat. Seine Ansprache – auch eine Sache von Sekunden. „Das ist ein ganz normaler Magen“, sagte der Mediziner, mehr zu seinem Klemmbrett als zu mir, und weder er noch ich waren überrascht.

          114,30 Euro teurer Spaß

          In Deutschland werden viel zu viele Mägen gespiegelt. Es ist ganz egal, welchen Gastroenterologen Sie das fragen – wenn Sie ihn in der richtigen Stimmung erwischen, wird er Ihnen das bestätigen. Mein Magen war einer davon. Ich hatte Bauchschmerzen, für die es tausend mögliche Gründe gab und keinen, der diese Untersuchung rechtfertigte.

          Dass ich nun trotzdem propofolisiert auf der Pritsche lag und meine Krankenkasse für diesen Spaß 114,30 Euro an den Arzt überwies, ist die Schuld von vielen und keinem. Ich bin schuld, weil ich der Ansicht war, dass man von außen doch gar nicht sehen könne, ob da nicht doch Schlimmstes vor sich geht. Meine Hausärztin ist schuld, die mir schließlich die Überweisung schrieb, vielleicht, um mich zu beruhigen, vielleicht, weil sie selbst sichergehen wollte. Und der Gastroenterologe deswegen, weil er direkt am Telefon ganz ohne Gegenfragen einen Termin für die Spiegelung vereinbarte, als eine Art Zugangsvoraussetzung zu seiner Praxis.

          Zu viele Diagnosen kosten nicht nur Geld, sie können auch gefährlich sein. Das gilt manchmal für die Untersuchung selbst und manchmal, wenn danach therapiert und operiert wird. Der Volksmund („Viel hilft nicht viel“) weiß das besser als die Medizin, die es aber eigentlich auch weiß. Theoretisch jedenfalls. Denn in der Praxis gibt es seit ein paar Jahren Initiativen, die dazu aufrufen, häufiger mal nichts zu tun. „Choosing Wisely“ heißt die in Amerika, Vorbild für das deutsche Pendant „Gemeinsam klug entscheiden“.

          MRT-Bilder von den Rücken beschwerdefreier Patienten

          Dabei ist das weder besonders neu noch besonders amerikanisch. Ein Allgemeinarzt aus Wien hat das Prinzip der medizinischen Gelassenheit schon in den fünfziger Jahren beschrieben und in Deutschland publiziert, angehende Allgemeinmediziner lernen es bis heute. Wie konnte aus den Deutschen trotzdem ein Volk von Hypochondern und Abergläubischen werden, die sich millionenfach ihren Rücken röntgen lassen und Antibiotika nehmen, wenn sie Schnupfen haben? Und vor allem: Wie halten wir diesen Wahnsinn auf – in einem System, das an seinen Grenzen ist und für Überflüssiges eigentlich kein Geld hat?

          Weitere Themen

          800 Kilo Pferd auf dem OP-Tisch

          Pferdeklinik : 800 Kilo Pferd auf dem OP-Tisch

          Zimperlich sollte hier keiner sein: In der Pferdeklinik müssen die Tierärzte auch den Umgang mit den Patientenbesitzern beherrschen.

          Meier abermals operiert Video-Seite öffnen

          Eintracht Frankfurt : Meier abermals operiert

          Abermaliger Rückschlag für Alex Meier: Der Torjäger der Frankfurter Eintracht muss sich einer weiteren Operation unterziehen. Der Weg zurück auf den Platz wird immer weiter.

          Topmeldungen

          Bereits bei Wahlkampfauftritten der Kanzlerin hatte es in Sachsen massive Proteste gegen Merkel gegeben.

          AfD-Hochburg : Das macht ihnen Angst

          Nirgends ist die AfD so stark wie in Ostsachsen. Manche fühlen sich dort von der Politik vergessen. Doch das sind nicht nur zornige alte Männer.

          Gesundheitsreform : Trump wird Obamacare wohl nicht mehr los

          Donald Trump hatte versprochen, Obamas Gesundheitsversicherung abzuschaffen – und scheitert wohl erneut an der eigenen Partei. Eine Senatorin aus Maine will die entscheidende Stimme verweigern. Sie berichtet von Druck aus dem Weißen Haus.
          Arbeiter transportieren in Berlin ein CDU-Plakat ab.

          Ist Merkel schuld? : Bloß kein Scherbengericht in der CDU

          Die CDU drückt sich fürs Erste um eine tiefere Analyse ihres historisch schlechten Ergebnisses. Doch Merkels Partei steht nun vor riesigen Herausforderungen.

          Kanzlerkandidat a.D. : Noch schont die SPD Schulz

          Am Tag nach dem historischen Wahldebakel beginnt in der SPD die Suche nach Fehlern, Konsequenzen und Schuldigen. Auch wenn es keiner offen ausspricht, ist die Machtbasis von Ex-Kanzlerkandidat Schulz wacklig.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.