10.08.2007 · Der Wohlstand bringt die Wohlstandskrankheiten: Veränderte Essgewohnheiten führen in China zu vermehrten Fällen von Übergewicht und Diabetes. Jetzt will die Regierung eine verbesserte Ernährung erreichen.
Von Christoph Hein, SingapurDie Volksbefreiungsarmee marschiert voran - auch beim Essen. Von einer „Küchen-Revolution“ schwärmen die Soldaten, nachdem das Militär die Mahlzeiten in den vergangenen Jahren deutlich verbesserte. Seit 2002 hat Chinas Verteidigungsminister den Kostensatz je Essen schon dreimal angehoben. Er liegt nun zwischen 11 Yuan (1,06 Euro) und 39 Yuan, abhängig von Aufgabe und Dienstgrad der Soldaten.
Mit den Anstrengungen für besseres Essen steht die Armee nicht alleine da. Der Anstieg der Inflationsrate in China auf 4,4 Prozent im Juni - den höchsten Stand seit 34 Monaten - geht weitgehend auf gestiegene Preise einzelner Lebensmittel zurück.
Die Mittelschicht will Fleisch
Zwar werden die Preise derzeit von Sonderfaktoren getrieben, vor allem von einer Seuche, die den Schweinebestand angreift, und einem Getreidemangel aufgrund von Mäuseepidemien. Doch ist in allen Schwellenländern zu beobachten, dass mit dem Wirtschaftswachstum und Wohlstand auch die Preise für höherwertige Lebensmittel zulegen. Denn eine wachsende Mittelschicht fragt in der Regel mehr Fleisch und andere Waren nach, die mit dem Konsum in den Industrieländern des Westens gleichgesetzt werden.
Die durchschnittliche Kalorienaufnahme eines Festlandchinesen ist von knapp 2000 Kilokalorien in den siebziger Jahren auf 3000 heute gestiegen. „Diese Steigerung dürfte sich über die nächsten zwei Dekaden fortsetzen. Denn Chinesen liegen immer noch deutlich unter dem Durchschnitt entwickelter Länder von 3450 Kilokalorien“, sagt Jonathan Anderson von der Schweizer UBS-Bank. „Vor 20 Jahren stammten 70 Prozent der täglichen Kalorienaufnahme in China aus Getreide, nur 6 Prozent von Fleisch. Heute hat das Getreide nur noch einen Anteil von 45 Prozent, Tierprodukte liegen schon bei 25 Prozent.“ Dieser Wandel aber bringt nicht nur steigende Preise für Fleisch, sondern gefährdet auch die Gesundheit.
Chinesisches Essen hat viel Öl und Chemie
Zum einen ist das traditionelle asiatische Essen keineswegs so gesund, wie man es angesichts der Schüsseln voll Reis vermuten könnte. In Wahrheit kommt es oft ölig, mit zu viel Fleisch und chemischen Zusätzen daher. Spätestens seit den mageren Jahren der Kulturrevolution gilt im einst weitgehend vegetarischen Bauernland China ein dicker Bauch als Zeichen für Wohlergehen.
Die Zeitung „China Daily“ warnte gerade vor der „Dummheit“, Nahrung etwa nur deshalb zu sich zu nehmen, weil ihr Name gut klinge: So sei es Mode, in Restaurants eine Alge zu bestellen, deren chinesischer Name ähnlich klinge wie „werde reich“. „Manche Menschen glauben, je mehr Geld sie für Essen ausgeben, desto gesünder lebten sie“, geißelt die staatliche Zeitung.
Amerikanisches Fastfood erobert China
Hinzu kommt, dass die westlichen Schnellrestaurants China längst erobert haben. Die „eiserne Reisschüssel“, einst das Schlagwort für die lebenslange Versorgung eines Arbeiters durch den chinesischen Staat, wird in der Mittelschicht der Großstädte mehr und mehr vom selbstbezahlten Hamburger ersetzt.
Kentucky Fried Chicken führt mehr als 1500 Filialen in China, Pizza Hut kommt auf gut 200 Restaurants, und McDonald's will bis zu den Olympischen Spielen im kommenden Jahr 1000 Imbisse eröffnen. Gerade der Mittelschicht fehlt zudem Bewegung: Immer mehr Menschen in den modernen Großstädten fahren Auto statt Fahrrad oder nehmen Fahrstuhl statt Treppe.
Diabetes, Herzinfarkt, Krebs
Unter diesen Einflüssen steigt in China wie in allen Volkswirtschaften Asiens die Zahl der Übergewichtigen rasch. Damit einher geht die Zunahme von Diabetes, Herz- und Krebsleiden. Die Weltgesundheitsorganisation erwartet, dass sich die Zahl der Diabetiker in China von 21 Millionen im Jahr 2000 bis 2030 auf 42 Millionen verdoppeln werde. Mehr als 200 Millionen Festlandchinesen seien übergewichtig.
In der entwickelten chinesischen Sonderverwaltungsregion Hongkong sei der Anteil der Übergewichtigen an den Erwachsenen von 36 Prozent im Jahr 2005 auf 41 Prozent angestiegen, berichtet das dortige Gesundheitsamt. Dies bringt hohe volkswirtschaftliche Kosten mit sich. Denn Krankheiten sind teuer. In China sind sie ein besonderes Risiko, da der ganz überwiegende Teil der Bevölkerung keine Krankenversicherung besitzt.
Nächstes Ziel: Eine Nation von Milchtrinkern
Auch deshalb ringt die Regierung um bessere Ernährungsgewohnheiten. Nicht zufällig verbreitete das Staatsfernsehen live, dass die Retter die 69 eingeschlossenen Bergleute in der vergangenen Woche durch einen Luftschacht mit 400 Liter Milch versorgten. Die Lektion: Milch vermag Leben zu retten.
Es war ein weiterer Schritt auf dem Weg, eine Nation der Milchtrinker zu schaffen: „Ich habe einen Traum: jeder Chinese, besonders die Kinder, sollten täglich einen halben Liter Milch bekommen“, hatte Ministerpräsident Wen Jiabao gesagt. In der Folge unterstützt der Staat die Milchbauern. Die Zahl der Kühe hat sich seit der Jahrtausendwende mehr als verdreifacht.
Chinesen trinken Deutschen nicht die Milch weg
Haben die Analysten recht, wird sich der Verbrauch von Milchprodukten je Person von derzeit knapp 26 Kilogramm in den Städten und gerade einmal knapp 7 Kilogramm im landesweiten Durchschnitt auf mindestens 40 Kilogramm 2020 fast verdoppeln. Die chinesischen Importe von Milchprodukten beziffert die Zentrale Markt- und Preisberichtstelle in Bonn auf 1,9 Millionen Tonnen im vergangenen Jahr.
Dies entlarvt die Mär von der Preissteigerung in Deutschland aufgrund des chinesischen Milchkonsums: Denn da die Weltproduktion bei 645 Millionen Tonnen lag, halten die chinesischen Milchtrinker nicht einmal 0,3 Prozent an ihr. Das mag auch an den Genen liegen. Denn die meisten erwachsenen Asiaten haben eine Milchzuckerunverträglichkeit.
Ärger über hohe Preise für Lebensmittel
Die Volksrepublik selbst ist der drittgrößte Milchproduzent der Erde, nach den Vereinigten Staaten und Indien. Mittelfristig wird sich das Produktionsschema der Landwirtschaft in China ändern: Da das Land nach Berechnungen der OECD über etwa 9 Prozent der Agrarfläche der Erde sowie Zig-Millionen von Bauern mit niedrigem Lohnniveau verfügt, werde China auch in der Agrarwirtschaft den arbeitsintensiven Anbau übernehmen, schätzt Anderson. Gemüse und Obst würden exportiert, Getreide aus flächenintensivem Anbau hingegen werde die Volksrepublik verstärkt importieren.
Während in Deutschland Verbraucher Milchprodukte horten und deren Preisanstieg den Chinesen anlasten, kritisieren auch die den Preisanstieg in ihrem Lande. Das bekam auch Ministerpräsident Jiabao am vergangenen Samstag zu hören, als er den Xinfadi-Bauernmarkt in Peking besuchte. Die wohlinszenierte Schau diente dazu, die Chinesen zu beruhigen. Das ist nicht einfach, ärgern sie sich doch auch darüber, dass Spekulation und Preisabsprachen zur Verteuerung beitragen. Sie kritisierte Wen deutlich.
Kapitalismus
Ricky Janisch (KingBuzzo1)
- 10.08.2007, 11:36 Uhr
Christoph Hein Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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