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Veröffentlicht: 01.12.2010, 10:00 Uhr

Epithetiker Wenn das Gesicht verloren ist

Jörn Brom ist einer von nur 38 Epithetikern in Deutschland. Er fertigt medizinische Kunststoffmasken an und gibt damit seinen Patienten das menschliche Antlitz wieder. Trotzdem ist sein Beruf nicht wirklich anerkannt.

von Julia Lauer, Heidelberg
© Wolfgang Eilmes Ein Auge fürs Gesicht: Jörn Brom stellt eine Epithese her

Die Lebensgefährtin Alexander Kissners kennt den Anblick ihres Mannes, denn er geht unverkrampft mit den Spuren seiner Krankheit um. Wenn sie gemeinsam fernsehen, nimmt er seine künstliche Nase ab. Stattdessen ist da ein großes Loch, dahinter schimmert dunkelrotes Fleisch. „Ich bin ja ein harter Knochen“, sagt er. „Aber für meine Freundin war es ein großer Schock, als meine Nase ab musste“. Richtig daran gewöhnt hat sie sich wohl nie, denn bei Behandlungen setzt sie sich schräg hinter ihn. Seit 31 Jahren begleitet sie ihn durchs Leben, seit knapp zwei Jahren gehören dazu auch Besuche beim Epithetiker.

„Wenn Sie mir jetzt eine anständige Nase machen“, sagt Herr Kissner zu Jörn Brom, seinem Epithetiker, „dann fühle ich mich gleich zehn Jahre jünger.“ Drei bis fünf Mal kommen die Patienten dafür in sein Labor, das in einem Heidelberger Hinterhof liegt. Die Räume sind hell erleuchtet und erinnern an Zahnarztpraxis und Bastelwerkstatt, es riecht nach Antiseptikum und Farbe. Wenn seine Patienten auf dem grün bezogenen Zahnarztstuhl Platz nehmen, vermisst Jörn Brom die versehrte Stelle, macht einen Abdruck, modelliert schließlich das Auge, die Nase oder das Ohr. Zunächst aus Wachs, später aus Silikon. Er passt die Farbmischung für das künstliche Körperteil dem Hautton an, malt bei Augen-Epithesen die Pupillen aus und fädelt Haar für Haar die Augenbrauen ein.

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Kein anerkannter Beruf

Getüftelt hat er schon immer gerne. Als Jugendlicher bildete er die Musiker einer befreundeten Rockabilly-Band als Miniaturen ab, später studierte er ein paar Semester Freie Kunst. Eigentlich wollte er beruflich einmal Wikingerschiffe und alte Schätze restaurieren. Er entschied sich für die Ausbildung zum Zahntechniker, weil deren Fingerfertigkeit unter Restauratoren gefragt ist. Dabei wurde er dann aber auf die Epithetik aufmerksam, für die es bislang keinen einheitlichen Ausbildungsweg gibt und die offiziell nicht als Berufsbild anerkannt ist. Von den 38 Epithetikern, die in Deutschland arbeiten, kommen die meisten aus der Zahntechnik und haben ihre heutige Tätigkeit in mehrjährigen Weiterbildungen gelernt. „Mein Beruf besteht aber nicht nur darin, Epithesen anzufertigen“, sagt Jörn Brom. „Er hat auch viel mit Emotionen und Einfühlungsvermögen zu tun.“ Die Patienten, die zu ihm kommen, haben infolge einer Tumorerkrankung oder eines Unfalls einen Teil ihres Gesichts verloren.

Gesicht verloren - Bild 1 (Erst nach Andruck für FAZ.net erlaubt ) © Wolfgang Eilmes Vergrößern Gesicht wahren: Jörn Brom an seinem Arbeitsplatz in Heidelberg

Als Alexander Kissner vor zwei Jahren der Hals anschwoll, dachte er, es könne nichts Schlimmes sein, schließlich war er, damals 57 Jahre alt, immer gesund. Doch er hatte einen Tumor am Lymphknoten, der schon Metastasen gebildet hatte, die bis in die Nasennebenhöhlen und ins Gehirn hochgezogen waren. Als gelernter Stahlbauer hatte er 35 Jahre lang Tankstellen gebaut. Dabei schweißte er verzinktes Material. Aus jugendlichem Leichtsinn, sagt er, habe er oft keine Schutzmaske getragen, die ihn gegen die Giftstoffe schützte. Darin vermutet er die Ursache seiner Krankheit. Die Chemotherapie blieb erfolglos, schließlich schwoll seine Nase an. Die Ärzte eröffneten ihm, dass sie ihm den Großteil des Nasenrückens amputieren müssten. In der Klinik hätten lauter depressive Krebskranke gesessen, erzählt Kissner. So wollte er nicht werden. „Der Teufel holt mich nicht“, sagte er sich.

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