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Montag, 13. Februar 2012
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Ein Selbstversorger im Winter Wenn es dunkel ist, dann kommen Geister

24.01.2010 ·  Gemütliche Lese-Nachmittage im Bett, morgens schon mal einen Schluck Schnaps - so überlebt Gottfried Stollwerk, der Habenichts aus Niedersachsen, den Winter. Mit Jan Grossarth sprach der Bauer über Vorsätze, Einsamkeit und Erfahrungen in der Dunkelheit.

Von Jan Grossarth
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Im Sommer hat F.A.Z.-Redakteur Jan Grossarth den Bauern Gottfried Stollwerk auf seinem Hof in Niedersachsen besucht. Jetzt wollte er von dem Selbstversorger wissen, wie er den Winter ohne fließend Wasser und elektrischen Strom überlebt.

Guten Abend, Gottfried. Der Winter bei uns in Frankfurt ist recht beschwerlich, auf dem Weg zur Arbeit bekommt man manchmal kalte Füße. Sie leben in Niedersachsen fast autark - ohne Fließwasser, nur von Vorräten aus eigenem Anbau, fast ohne elektrischen Strom, außer für das Telefon und eine Glühbirne. Das Dasein als Selbstversorger muss im Winter sehr hart sein!

Nein, im Gegenteil. Ich mache es mir gemütlich. Ich habe heute den ganzen Nachmittag im Bett verbracht und war in der Südsee unterwegs: Ich lese den Roman „Die Zuckerplantage“ von Dominik Bona. Ich genieße die Winterzeit sehr.

Und der Schnee und die Kälte machen einem Selbstversorger keine Sorgen?

Wir haben hier seit vier Wochen eine Schneedecke, das habe ich in meinem Leben noch nicht erlebt. Die Tiere sind trotzdem draußen, auch die haben mit Schnee kein Problem. Außer, dass sie mehr fressen, und der Heuhaufen „schmilzt“ schneller ab. Der Heuvorrat könnte knapp werden, also habe ich schon eine Reserve bei einem Freund angemeldet.

Den Tieren macht der Schnee nichts?

Doch, es gab drei Verluste bei den Hühnern. Ein Hahn, der im Sommer noch Küken war, ist gestorben, weil er mit einem Mal Füttern am Tag wohl nicht ausgekommen ist. Die Hühner finden unter der Schneedecke nichts dazu, und ich hatte keine Erfahrung mit Schnee und habe nicht zusätzlich gefüttert. Und meine Kuh Petra habe ich verkauft. Ich bekam im Sommer, als ich wieder zehn Wochen mit der Sense Heu erntete, Hüftprobleme. Ich musste die Kuh verkaufen, um mich zu entlasten. Jetzt muss ich am Tag nur noch 20 Liter Scheiße aus dem Stall tragen, das kann ich sogar auf dem Kopf.

Sie klingen verschnupft.

Ausnahmsweise bin ich erkältet.

Wie viele Stunden arbeiten Sie am Tag?

Vielleicht drei.

Oh, herzlichen Glückwunsch! Wie und wann beginnt ein solcher Tag denn?

Ich stehe um fünf Uhr morgens auf und dann beginnt der Tag mit Feuermachen. Ich bewohne im Winter nur ein Zimmer, und das ist morgens richtig kalt. Wasser hole ich aus dem Bach und der Quelle, die frieren beide nicht zu. Der Tag ist durchs Füttern strukturiert: die Tiere bekommen morgens und abends Heu.

Wird das nicht langweilig?

Nein, selten. Ich lese sehr viel.

Trinken Sie im Winter viel Schnaps?

Ich trinke ein, zwei Gläser am Tag, manchmal eines zum Frühstück. Wieso?

Ich dachte, wegen der Einsamkeit. Wie viel Holz brauchen Sie zum Heizen?

Ich brauche so eine Tomatenkiste voll am Tag, das ist schon mehr als sonst.

Macht das Wäschewaschen Probleme, wenn es draußen friert?

Ich wasche praktisch nicht, das letzte Mal vor drei Monaten. Ich trage Lederhose, Wollsocken und Wollpullover, die lüften auf der Leine und stinken nicht.

Suchen Sie tagsüber Holz?

Nee, das mache ich nicht. Ich habe noch genug Holzvorrat für das Jahr.

Genügen Ihre Nahrungsvorräte?

Die Vorräte an Grundnahrungsmitteln reichen problemlos bis zur nächsten Ernte. Möhren, Kartoffeln, Kastanien, Erbsen und Bohnen gibt es in Hülle und Fülle. Heute gab es Bohnen mit Kartoffeln drin, dazu gekochtes Fleisch. Im Sommer esse ich kein Fleisch, im Winter mag ich es gern. Ich habe gepökeltes, getrocknetes und eingekochtes Fleisch.

Was ist noch schön am Winter draußen?

Die Dämmerung. Heute Abend gab es so ein schönes Bild: Ich war abends um sieben Uhr füttern, dann ist es dunkel, aber noch nicht pechschwarz. Die Schafe standen ganz still hintereinander vor dem Stall, sie waren so im Entengang durch den Schnee gelaufen, um Energie zu sparen. Das habe ich noch nie gesehen: Sie drehten sich nicht um, aber hatten mich schon erwartet. Es war so ein archetypischer Moment, der berührt mich dann sehr, darüber bin ich sehr glücklich.

Die Dunkelheit auf dem einsamen Hof, 20 Kilometer von der nächsten Stadt entfernt, muss eine andere sein als unsere Frankfurter Dunkelheit.

Ja. Ich liebe am Winter besonders die Dunkelheit und auch die Schatten. Ich setze mich, auch in der Nachbarschaft, dafür ein, dass es dunkel bleibt. Mein Nachbarhof hatte früher so eine Reitplatzbeleuchtung mit nicht abgedeckten Lichtern. So, wie ich mich im Sommer für die Sauberkeit der Quelle einsetze, setze ich mich jetzt für die Dunkelheit ein. Wenn man Geister treffen will, muss man zu dieser Zeit draußen sein. Geister brauchen das Zwielicht.

Geister?

Wenn es dämmert, werden die Umrisse fließend, es verwischt sich. Neulich war im Dunkeln ganz dichter Nebel, und ein Freund hatte oben auf dem Hügel, dreihundert Meter vom Hof in meinem Zirkuswagen geschlafen. Ich ging hoch, und da wurden die Disteln zu mächtigen Gestalten, die mir einen Schauer durch den ganzen Körper gejagt haben. Auf einmal steht so eine mannshohe Figur schemenhaft vor mir. Wenn ich dran denke, kriege ich jetzt noch Gänsehaut.

Das ist interessant: Früher hatten die Leute ja oft solche Erscheinungen – und weil Sie so vorindustriell ohne Licht leben, haben Sie die natürlich heute noch.

Du kannst wirklich nur Gespenster sehen, wenn du in der Dunkelheit bist. Das kannst du nennen oder rationalisieren, wie du willst. Wenn es dunkel ist, dann gibt es Geister. Ich bin deswegen penibel darauf bedacht, dass kein unnötiges Licht in die Atmosphäre fließt.

Die Dunkelheit beflügelt die Phantasie.

Unbedingt.

Gehen Sie dann auch in die Kirche?

Jeden Sonntag nach Gesmold, es sind zehn Kilometer mit dem Fahrrad. Mein Verhältnis mit der katholischen Kirche ist ein großes Thema diesen Winter. Ich bin schon lange ausgetreten, aber es wird mir zunehmend ein Bedürfnis, sonntags hinzufahren. Ich bin mit diesen Düften, Ritualen und Liedern aus tiefster Kindheit vertraut, und wenn man alt wird, kehrt man in solche Sphären zurück.

Ist Einsamkeit für Sie ein Thema?

Ich komme mit dem Rad derzeit nicht mehr raus zu meinen Freunden, auch nicht zum Tango-Tanzen, so gesehen bin ich oft allein. Sonst bin ich ja nicht einsam, meine Freundin lebt mit mir am Hof, und wir sehen uns drei, vier Mal am Tag. Aber einen Wunsch habe ich noch: Ich möchte gern mit noch einem Mann in meinem Zimmer zusammenleben. Das fände ich toll.

Freuen Sie sich auf den Frühling?

Nein. Es ist prima so, wie es ist.

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