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Drogenrausch bei Seminar : Das Grauen auf der grünen Wiese

Dutzende berauschte Menschen brauchten 2015 vor dem Seminargebäude in Handeloh die Hilfe von Feuerwehr und Rettungskräften. Bild: dpa

In Stade muss sich ein Psychologe für den Massenrausch bei einem Therapeuten-Seminar verantworten. Ein gruseliger Fall – der auch an der brisanten Frage rührt: Dürfen Ärzte mit Drogen behandeln?

          Auf einer Wiese winden sich die Vergifteten, schreien, kämpfen um Atem, manche sind bewusstlos. Der leitende Notarzt wird bald Medikamente gegen ihre Krämpfe nachordern müssen, weil ihm und seinen herbeigeeilten Kollegen die Mittel in den Krankenwagen ausgehen. In dem Chaos findet eine Polizistin eine Schale mit Tabletten, Kapseln und Fläschchen. Sie weiß noch nicht, was sich darin befindet, woraus die Pulver sind – es wird später im Labor herauskommen: LSD ist dabei, das Amphetamin MDMA, Kokain, Beruhigungsmittel, die Designerdroge 2C-E und etwas, das den Namen Dragonfly trägt. Aber jetzt schon stellt sich die Polizistin die Frage: Was davon ist verantwortlich für das Grauen auf der Wiese?

          Denise Peikert

          Freie Autorin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Mehr als zwei Jahre ist die Szene auf einem Tagungsgelände in Handeloh her. Am Ende dieses Freitags im September landeten 29 Menschen mit lebensbedrohlichen Symptomen auf der Intensivstation. Ärzte und Heilpraktiker, Informatiker und Frisöre hatten zuvor am Rande der Lüneburger Heide eine Droge genommen, deren Zusammensetzung wahrscheinlich keiner von ihnen genau kannte. Sie alle wollten ihr Bewusstsein erforschen, sagt der Mann, der deswegen nun angeklagt ist, und das klingt harmloser, als es ist. Denn mindestens er, der Organisator des Seminars, hat Verbindungen zu einer Gemeinschaft aus der Schweiz, in der Schweigegelübde und emotionale Abhängigkeiten die Regel sind.

          Eine gruselige Geschichte

          Eine gruselige Geschichte? Ja, unbedingt. In dem Halbdunkel dahinter, dort, wo sie ganz sicher nicht hingehört, duckt sich aber eine der derzeit großen Fragen der Psychiatrie weg: Dürfen Ärzte mit Drogen behandeln? Stefan S. findet, dass das längst überfällig ist. Er ist der Mann der sich wegen des Drogen-Seminars seit dieser Woche vor dem Landgericht Stade verantworten muss. „Ich würde mir wünschen, dass dazu in Deutschland geforscht wird“, sagt er. S. ist nicht der Einzige, der findet, dass es eine Diskussion geben sollte über den Einsatz von LSD oder MDMA in der Psychotherapie. Nur sind es gerade Leute wie er, die dieser Diskussion am meisten schaden. Dabei ist das Thema auch schon ohne solche verantwortungslosen Grenzgänger zwischen Medizin und Esoterik heikel genug.

          S. bezeichnet das, was 2015 in Handeloh passiert ist, als einen Unfall, den er durch Unachtsamkeit verursacht habe. Schon oft hatten der Psychologe und seine Frau zu Seminaren in die Lüneburger Heide geladen, dieses Mal unter dem Titel „Die sieben Quellen – eine Reise durch unser Energiesystem“. 27 Teilnehmer reisten an, zahlten 290 Euro an S. und seine Frau und 198 Euro für Kost und Logis. Am nächsten Tag, es war gegen 11.30 Uhr, gab S. seinen Schützlingen je eine Kapsel, „die waren sehr groß“, und erklärte, was zu tun sei: den Inhalt am besten in Wasser auflösen und trinken. Schnell ging es den Bewusstseinsforschern inklusive S. und seiner Frau schlecht. Übel war ihnen, sie halluzinierten und krampften.

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