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Veröffentlicht: 22.02.2014, 19:22 Uhr

Ein Arzt empört sich Lasst die Kinder in Ruhe!

„Gestört“, „hyperaktiv“: Auffällige Schüler werden schnell in Therapie geschickt. Kinderarzt Michael Hauch wehrt sich gegen Lehrer und Eltern, die ihn zum Rezeptautomaten degradieren - weil sie ihr eigenes Versagen nicht sehen.

© plainpicture Tobende Jungs sind eine Ressource, nicht krank. Sie brauchen gute Beziehungen und keine Arznei.

Leon ist sieben. Er interessiert sich für Baustellen und Lastwagen. Er klettert gerne auf Bäume, rast mittags mit seinem Fahrrad um den Block und spielt mit seinen drei älteren Schwestern. Abends schaut er im Fernsehen seine Lieblingssendung. Ich betreue Leon, als sein Kinderarzt, seit seiner Geburt. Ich helfe ihm bei kleineren Infekten, impfe ihn und führe die Vorsorgeuntersuchungen durch. Aus kinderärztlicher Sicht ist Leon ein normal entwickelter Junge. Rundum gesund. Seine Lehrerin aber findet ihn deutlich auffällig - drei Monate nach seinem ersten Schultag. Leon erledige zwar seine Hausaufgaben gewissenhaft, sagt sie der Mutter. Er komme im Unterricht gut mit, aber er könne sich nicht konzentrieren. Deshalb brauche er dringend Ergotherapie. Ohne Ergotherapie werde Leon bald dem Unterricht nicht mehr folgen können.

Jetzt steht Leons Mutter vor mir in meiner Praxis. Die erste Therapiestunde sei für heute Nachmittag vorgesehen, sagt sie: „Sie müssen mir nur noch das Rezept unterschreiben.“

Leon ist kein Einzelfall. Es vergeht kaum ein Tag bei meiner Arbeit als Kinder- und Jugendarzt, an dem nicht verunsicherte Eltern um Physio-, Ergotherapie- oder Logopädieverordnungen für ihre aus meiner ärztlichen Sicht altersgerecht entwickelten Kinder bitten. Geschickt werden sie vor allem von Grundschullehrern und Grundschullehrerinnen. Am liebsten gleich mit einer fertigen Diagnose: „Ihr Kind hat eine Sprachstörung und eine Lese-Rechtschreib-Störung.“ Andere geäußerte Befunde lauten: „Ihr Kind ist hyperaktiv“ bis hin zu „Vermutlich ist ihr Kind wahrnehmungsgestört“. Gerne wird von Nichtärzten auch diagnostiziert, dass der Sechsjährige unter einer zentralen Hörstörung oder einer Rechenschwäche, der sogenannten „Dyskalkulie“, leidet. Meist stehen die Eltern dann vor mir und haben neben diesen Diagnosen auch schon gleich einen fertigen Therapievorschlag im Gepäck: „Mir wurde gesagt, dass mein Kind dringend Ergotherapie braucht.“

In nicht seltenen Fällen hat die Schule den Vätern und Müttern auch noch den „passenden Therapeuten“ empfohlen: „Dieser hat auch schon anderen Kindern gut geholfen“, bekomme ich dann zu hören, verbunden mit dem Zusatz: „Ich habe auch schon einen Termin für meinen Sohn dort ausgemacht.“ Das Rezept als Lösung für Probleme, die entstehen, weil Eltern und Lehrer ihrer Aufgabe, Kinder bei ihrer individuellen Entwicklung zu begleiten, nicht mehr nachkommen.

„Sie müssen mir nur noch die Verordnung unterschreiben“

Dass ich als Arzt prüfen muss, ob überhaupt eine therapiebedürftige Störung vorliegt und, wenn ja, welche Therapie wann sinnvoll ist, spielt auf diesem ganzen Weg keine Rolle mehr. So kommt es dann, dass die Mutter von Leon oder die von Noah, Ben oder Hendrik - es sind überwiegend Jungen, für die ich als Rezeptautomat funktionieren soll - vor mir steht und sagt: „Sie müssen mir nur noch schnell die Verordnung unterschreiben.“

Inzwischen bekommt in Deutschland je nach statistischer Quelle jedes vierte oder sogar dritte Kind unter 15 Jahren Physiotherapie, Ergotherapie oder Sprachtherapie verordnet. Laut einer vor kurzem veröffentlichten Studie des Wissenschaftlichen Institutes der Krankenkasse AOK erhielten im Jahr 2012 rund 193 000 Kinder unter 15 Jahren sprachtherapeutische Leistungen.

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Unbehandelt können Entwicklungsdefizite und Verhaltensauffälligkeiten tatsächlich den Lebensweg eines Kindes erheblich beeinträchtigen. Sie können dazu führen, dass ein Kind einen schlechten oder gar keinen Schulabschluss schafft, keinen Ausbildungsplatz und später keine Arbeit findet. Sicher, Jugendliche, die mit der Sprache Probleme haben oder denen es an Konzentration mangelt, können auf die schiefe Bahn geraten und als Erwachsener lebenslang abhängig vom Sozialsystem sein. Das heißt, Entwicklungsdefizite und Verhaltensauffälligkeiten können nicht nur für die Betroffenen und ihre enge Umgebung Leid bedeuten, sie verursachen auch für die Gesellschaft hohe Kosten. Wir Kinderärzte verschließen nicht die Augen, wir sehen täglich in den Vorsorgeuntersuchungen, was längst belegt ist: Verhaltensauffälligkeiten und Entwicklungsverzögerungen, insbesondere im Bereich der Konzentration, Sprache und Motorik, nehmen zu.

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