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Bericht einer Ebola-Helferin : An den Tod gewöhnt man sich nicht

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Der hilflose Blick: Eine Familie in Liberia beobachtet, wie ein Ebola-Opfer in der Nachbarschaft abtransportiert wird Bild: AFP

Seit 30 Jahren leitet Margret Gieraths-Nimene eine Krankenstation in Monrovia. Sie hat den Bürgerkrieg miterlebt. Doch mit dem Ausbruch von Ebola gerät ihre Welt ins Wanken. Das Protokoll einer Helferin.

          Ich könnte nicht sagen, was schlimmer ist. Der Bürgerkrieg war eine Katastrophe. Ebola ist es auch. Aber Ebola ist anders. Im Krieg wusste man wenigstens, wo die Rebellen standen und wo geschossen wurde. Darauf konnte man sich einstellen, manchmal wusste man, dass man zu Hause in Sicherheit war. Jetzt weiß keiner, wo das Virus ist. Als wir hier in der Klinik unsere Ebola-Hochphase hatten, weil ein Mitarbeiter erkrankt war und wir drei Wochen Inkubationszeit überstehen mussten, habe ich nachts sogar auf meinem Kopfkissen Ebola-Viren gesehen. Jeder von uns hatte plötzlich Wehwehchen, Erbrechen, Durchfall, Fieber. Ich auch. Irgendwelche Schmerzen, und schon dachte ich, du lieber Gott - Ebola. Aber wir hatten nichts. Wir waren nur mental angeknackst. Mit der Zeit werden Sie bekloppt.

          Ich bin vor mehr als dreißig Jahren nach Liberia gekommen. Mein Mann war Liberianer, ein Chirurg, der in Deutschland ausgebildet worden war und der 1998 an den Spätfolgen eines Überfalls im Bürgerkrieg gestorben ist. 1985 haben wir zusammen die Gerlib-Klinik gegründet, um für die Bevölkerung hier in Paynesville, einem Vorort von Monrovia, eine preisgünstige Gesundheitsversorgung aufzubauen. Wir bieten Vorsorgeuntersuchungen für Schwangere an und behandeln Patienten mit Malaria. Viele kommen auch mit Magen-Darm-Erkrankungen.

          Die Klinik verfügt über 18 Betten, um stationär Patienten aufzunehmen, sie hat einen Diagnostikraum, eine Entbindungsstation und einen kleinen OP. Die meisten Patienten allerdings werden ambulant behandelt. Die 18 Mitarbeiter sind alle Liberianer. Mein einziger Arzt arbeitet halbtags, weil ich nicht in der Lage bin, eine Vollzeitstelle zu finanzieren. Dafür habe ich vier Physician Assistants, das ist eine Ausbildung zwischen Krankenpfleger und Arzt. Dazu kommen Krankenschwestern, Hebammen, Laborantinnen. Ich manage die Klinik. An manchen Tagen mache ich den Computer morgens um sechs Uhr an und bin abends um neun noch hier.

          Man traute sich nicht mehr, die Türklinke anzufassen

          Dass wir Ebola-Kranke in der Klinik hatten, erfuhren wir im Juli, als uns Angehörige informierten, dass die Patienten verstorben waren. Ebola war damals noch kein großes Thema. Als Unicef Ende Juni von neuen Fällen berichtet hatte und es hieß, es stünden Schutzkleidung und -material zur Verfügung, hatte ich mich zwar sofort ins Auto geschwungen. Aber bei Unicef schickte man mich zur WHO; die verwiesen mich weiter an die staatlichen Behörden.

          Am Ende hatte ich ein paar Poster, Informationsmaterial zur Aufklärung. Handschuhe hatte ich zum Glück schon selbst besorgt, weil ich fürchtete, wenn sich alle auf Handschuhe stürzen, kriegen wir keine mehr, also: Kauf. Kauf. Kauf. Es war so eine besondere Stimmung, und ich fühlte mich irgendwie allein gelassen. Zum Glück kam ein freundlicher Brief von dem Medikamentenhilfswerk Action Medeor, mit dem ich seit Jahren zusammenarbeite. Die haben mir Gesichtsmasken, Medikamente und noch mehr Handschuhe geschickt.

          Am Montag, 28. Juli, klagte plötzlich einer meiner Angestellten über Fieber: Roosevelt, zuständig für Anmeldungen und Sicherheit, ein Mann Ende vierzig, Vater von drei Töchtern, zu dem ich manchmal sagte, er müsse in Deutschland gelebt haben, weil er so sehr mitdachte. Ich bot ihm ein Bett auf der Station an. Einer Blutuntersuchung zufolge hatte er Malaria. Aber die Medikamente schlugen nicht an. Das medizinische Personal beschloss, ihn auf Ebola testen zu lassen. Mittwochabend hatten wir das Ergebnis. Positiv. Ich war bis dato überzeugt gewesen, Ebola könne es nicht sein. Jetzt traute man sich nicht mehr, die Türklinke anzufassen.

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