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Droge „Crystal“ : Wenn das Gehirn brennt

Ende einer Drogenrazzia Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Im deutsch-tschechischen Grenzgebiet verbreitet sich das Rauschgift „Crystal“ schnell. Der Rausch gleicht einem Ego-Trip mit verheerenden Folgen für Geist und Körper. Polizisten erkennen die Süchtigen sofort - an den verfaulenden Zähnen.

          Eine 24 Jahre alte Frau aus Bayern im Internetforum Drugscout: „Ich hab' das erste Mal mit 22 ,Crystal' genommen. Es war ein Samstag. Bin danach mit vollbepacktem Auto in die Disco - gefeiert bis morgens. Danach mit vollbepacktem Auto heim. Meine Augen waren schwarz, so riesige Pupillen hatte ich. Und geredet ohne Ende. Sonntag morgen bin ich um halb fünf endlich mal eingeschlafen.“

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          „Crystal“ schlägt durch wie kaum eine andere Droge. Weil der Körper nach der Einnahme des Stoffes verstärkt Adrenalin, Noradrenalin und Dopamin ausschüttet, können „Crystal“-Konsumenten bis zu 70 Stunden am Stück wach bleiben, tanzen, Sex haben.

          Ein typisches Syndrom ist der gesteigerte Rededrang, der unter Abhängigen „Laberflash“ genannt wird. Mit „Crystal“ im Körper scheint es keine Probleme mehr zu geben. „Crystal“ steigert die Aufmerksamkeit zum Ego-Trip und vermindert Schmerzempfinden, Hunger- und Durstgefühle so sehr, daß der Körper allein schon deshalb schnell verfällt.

          Hier stellen Fahnder 114 Gramm Crystal sicher
          Hier stellen Fahnder 114 Gramm Crystal sicher : Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

          „Ultraaggressiv und unausstehlich“

          Die junge Frau aus Bayern berichtet: „Ein paar Monate später hatte ich über Wochen hinweg ,Crystal' konsumiert - mein Gehirn brannte, weil ich fast keinen Schlaf hatte und total übermüdet war. Meine Haut sah aus wie ein Streuselkuchen, Pickel überall, im Gesicht, am Rücken! Die Augenringe waren nicht mal mehr mit Make-up zu überdecken. Ich hab' innerhalb von wenigen Wochen fünf Kilogramm abgenommen.“

          Weil die synthetische Droge auch den Speichelfluß hemmt, leiden Abhängige schon nach kurzer Zeit unter extremer Zahnfäule. Für die Polizei in den Vereinigten Staaten, wo mehr als 1,5 Millionen Menschen „Crystal“ konsumieren, ist der Blick in den Mund von Verdächtigen der erste Drogentest. Häufiger Konsum kann zu massiven Schlaf- und Kreislaufstörungen, zu Magenschmerzen, Hirnblutungen und Schlaganfällen führen.

          Doch „Crystal“ versetzt auch seelisch in Dauerstress: „Mein Gehirn war vollends überfordert. Ich hatte keinen Bock mehr auf Arbeit, mein Chef, meine Kollegen, alles kotzte mich an. Wollte mein eigenes Ding machen und hab' alle Welt verurteilt - hatte eh schon alle durchschaut. Die armen Idioten, die alle keinen Plan vom Leben hatten, nicht so wie ich. War ultraaggressiv und unausstehlich. Und jedesmal wenn ich runterkam, war alles so scheiße - unendlich beschissen. Mir war kotzübel, ich zitterte am ganzen Körper...“

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          Den Namen „Crystal“ hat die Droge von ihrer kristallinen Urform. Das Rauschgift wird geraucht oder geschnupft, es wirkt heftiger und länger als Kokain und kann mit ein paar Chemie-Kenntnissen kostengünstig im Kleinlabor hergestellt werden. Die Grundstoffe Ephedrin und Pseudoephedrin sind Substanzen, die sich vielerorts in frei verkäuflichen Erkältungsmitteln finden.

          Und so ist die Billigdroge, eine hochkonzentrierte Form des klassischen Aufputschmittels Amphetamin, in Sachsen und Bayern mittlerweile laut Landeskriminalamt nach Cannabis und Heroin das am meisten verbreitete Rauschgift. „Wenn Amphetamin ein VW Golf ist“, sagt Thomas Uslaub, Abteilungsleiter im sächsischen Landeskriminalamt, „ist Methamphetamin ein Turbo-Porsche.“

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