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Diskriminierung von Patienten : Leiden Sie etwa an Aids?

Kämpft gegen Stigmatisierung von Aids-Kranken: Denis Leutloff Bild: F.A.Z.

Wenn Patienten mit HIV in Arztpraxen vorstellig werden, kommt es nicht selten zu Diskriminierung. Denis Leutloff will das nun ändern, und darum wird sein Gesicht bald in ganz Deutschland zu sehen sein.

          Denis Leutloff aus Halle an der Saale ist einer der Poster-Boys der Welt-Aids-Konferenz in Amsterdam. Nicht dass sein Gesicht in der ganzen Stadt plakatiert wäre, aber am Stand der Deutschen Aids-Hilfe im Messe- und Kongresszentrum fällt es jedem sofort auf. „Behandel mich gut!“, steht auf seinem Plakat. Und darunter: „Diskriminierung im Gesundheitswesen macht Menschen krank.“ Leutloff zeigt sein Gesicht für eine Kampagne, die bald auch in Deutschland zu sehen sein wird und die darauf aufmerksam machen soll, dass Ärzte HIV-Positiven eine Behandlung oft noch verweigern, wenn sie von der Virusinfektion erfahren.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Wie so viele Menschen, die mit dem HI-Virus leben müssen, hat auch Leutloff negative Erfahrungen in deutschen Arztpraxen und Krankenhäusern gemacht. Der Siebenunddreißigjährige weiß seit neun Jahren, dass er HIV-positiv ist. Infiziert hat er sich wohl 2008, wie genau, kann er nicht sagen. „Ich war immer sehr vorsichtig und habe eigentlich auf Schutz geachtet“, sagt er. Schließlich habe er aufgehört, sich über das Wann und Wie Gedanken zu machen, und die Infektion als Faktum hingenommen. Ende 2010 begann er mit der Therapie, seit er die antiretroviralen Medikamente nimmt, ist er nicht mehr infektiös. Das ist eine medizinische Tatsache, die erstmals 2008 wissenschaftlich nachgewiesen wurde.

          „Als ich die Notaufnahme verließ, fühlte ich mich wie ein Aussätziger“

          „Ich vertrug die Medikamente anfangs nicht gut“, erzählt Leutloff. Übelkeit, Erbrechen, Schüttelfrost und Fieber waren Nebenwirkungen, die schließlich seinen Partner veranlassten, ihn in die Notaufnahme zu bringen. „Dort versuchte ein junger Assistenzarzt, mir Blut abzunehmen, was er nicht besonders gut konnte. Er saute ziemlich rum und trug dabei keine Handschuhe.“ Dann habe er nach möglichen Medikamenten gefragt, Leutloff nannte sie, und der Arzt schaute nach, um was es sich handelte.

          „Das hätten Sie mir aber sagen müssen, dass Sie HIV haben. Dazu sind Sie verpflichtet“, habe der Arzt gesagt.

          „Nein, bin ich nicht“, habe Leuthoff geantwortet. „Außerdem hätten Sie ja Handschuhe tragen können.‘“

          Daraufhin habe der Mediziner ihm gesagt, dass er ihn nicht weiter behandeln werde, weil das Arzt-Patienten-Verhältnis gestört sei. Überhaupt, so der Arzt, sei er ja selbst schuld an seiner Infektion. Jetzt müsse er eben auch mit den Nebenwirkungen der Medikamente leben. „Als ich die Notaufnahme verließ, fühlte ich mich wie ein Aussätziger.“

          Immer die letzten Termine des Tages

          Leutloffs Erfahrung ist kein Einzelfall. Fast jeder HIV-Infizierte am Stand der Deutschen Aids-Hilfe in Amsterdam kann eine ähnliche Geschichte erzählen, sogar die Geschäftsführerin Silke Klumb, die selbst nicht HIV-positiv ist. Als sie 2015 in Berlin operiert werden musste, verschob der behandelnde Arzt extra den Termin, damit ein Kollege für ihn einspringen musste. Silke Klumb hatte ihm im Vorgespräch nur erzählt, dass sie für die Aids-Hilfe arbeite. „Das Gespräch kippte sofort“, erzählt die Neunundvierzigjährige. „Ich konnte ihm ansehen, dass er mich nicht mehr als Patientin haben wollte.“ Und er wollte sie auch nicht operieren.

          Bilderstrecke

          Wie oft HIV-Infizierte noch immer schlechte Erfahrungen machen, lässt sich nicht in Zahlen fassen. Die einzige Untersuchung zu Stigmatisierung und Diskriminierung auch im Gesundheitswesen trägt den Titel „Positive Stimmen“ und ist sechs Jahre alt. Befragt wurden 1148 Menschen mit HIV. Jeder Fünfte gab an, dass ihm in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einmal aufgrund seiner HIV-Infektion ein Gesundheitsdienst verweigert worden sei. Dazu zählte auch die Zurückweisung in einer Arztpraxis, besonders häufig in einer Zahnarztpraxis. Dort scheint es gehäuft vorzukommen, dass HIV-Patienten der letzte Termin des Tages gegeben wird.

          Dürfen Ärzte überhaupt nach einer HIV-Infektion fragen? Nein, heißt es bei der Deutschen Aids-Hilfe. Einige Ärzte allerdings sähen das anders und versuchten, meist mit Verweis auf das Allgemeinwohl, den HIV-Status ihrer Patienten vor einer Behandlung herauszufinden. Fragebogen etwa sind beliebt, die Frage nach Medikamenten, die eingenommen werden, fast Standard, selbst wenn es im Einzelfall eigentlich unerheblich ist.

          Ein Zahnarzt von Denis Leutloff ging sogar so weit, seinen Patienten am Empfang einen Anamnese-Bogen vorzulegen mit der Frage: „Leiden Sie an Aids?“ Der Fachwirt im Gesundheits- und Sozialwesen, der für die Aids-Hilfe in Halle arbeitet, antwortete wahrheitsgemäß mit „Nein“. Da er seine Medikamente nimmt, ist sein Virus unter der Nachweisgrenze. Er ist zwar HIV-positiv, aber nicht an Aids erkrankt. „Als ich dann bei ihm auf dem Stuhl saß, habe ich ihn auf seinen Fehler aufmerksam gemacht.“ Der Arzt war verärgert, die Behandlung dementsprechend.

          Besonderes Gütesiegel für geschulte Arztpraxen

          Fachärzte, die nur selten HIV-Positive behandeln, reagierten oft besonders verunsichert, hatte die Studie 2012 herausgefunden: „Als Ablehnungsgründe werden häufig genannt: die Angst vor einer Übertragung der HIV-Infektion, die Angst, keine qualitativ angemessene Behandlung gewährleisten zu können, oder sogar, dass die Behandlung von HIV-Positiven dem Ruf der Einrichtung schaden könne. All dies sind Ängste, denen man mit Information begegnen und sie somit entkräften kann.“

          Auch der Präsident der Bundeszahnärztekammer, Peter Engel, hatte schon vor zwei Jahren bei einer gemeinsamen Aktion mit der Aids-Hilfe klargestellt, dass die Angst vor Ansteckung unbegründet sei: „In Praxen und Zahnarztpraxen gelten in Deutschland außerordentlich hohe Hygienestandards. Diese gelten immer. Deshalb spielt es keine Rolle, ob ein Patient HIV hat oder nicht.“

          Die Deutsche Aids-Hilfe hat schon mehrere Initiativen gestartet, um Ärzten mögliche Ängste zu nehmen. Mit Broschüren etwa, die zusammen mit der Bundeszahnärztekammer erarbeitet wurden und Auskunft über Infektionsrisiken, aber auch den neuesten Forschungsstand geben. Informationen über die Präexpositionsprophylaxe, kurz Prep genannt, gehören ebenfalls dazu. Anders als die Pep (Postexpositionsprophylaxe), die man nehmen kann, wenn man befürchtet, sich infiziert zu haben, schützt die Prep vorsorglich mit Aids-Medikamenten vor einer Infektion. Wer sie regelmäßig nimmt, steht schnell im Verdacht, HIV-positiv zu sein. Auch zu solchen ärztlichen Fehlurteilen ist es nach Angaben der Aids-Hilfe in letzter Zeit schon öfter gekommen.

          Nun geht die Deutsche Aids-Hilfe mit ihrer Kampagne, die in Amsterdam vorgestellt wurde, noch einen Schritt weiter: Zusammen mit der Allgemeinen Ortskrankenkasse will sie von September an Praxen, deren Personal besonders geschult wurde, mit einem Gütesiegel auszeichnen. „Praxis Vielfalt“ soll dann nicht nur HIV-Positive, sondern auch LSBTQ*, also Lesben, Schwule, Bi-, Trans- und Intersexuelle sowie Queers, schon auf der Internetseite oder an der Eingangstür der Praxis darauf hinweisen, dass sie es mit verständnisvollen und gut informierten Mitarbeitern zu tun haben. Das scheint wichtig zu sein, denn auch das war eines der Ergebnisse der Studie von 2012: Jeder Zehnte gab damals an, im vergangenen Jahr mindestens einmal nicht in eine Arztpraxis gegangen zu sein, obwohl es nötig gewesen wäre.

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