Die kleine Frau mit den weißen Haaren ist erschöpft. Seufzend setzt sie sich auf ihr Sofa. „Gestern war es ganz schlimm“, erzählt sie leise. „Von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends haben mich bestimmt 40 Leute besucht. Ich kam gar nicht dazu, eine Pause zu machen, so überfüllt war meine Sprechstunde.“ Das Telefon klingelt. Langsam schlendert sie in den Flur, um den Hörer abzunehmen. „Schneider - Ja, immer dienstags und donnerstags von 14 bis 18Uhr. Da können Sie gerne vorbei kommen.“
Emma Schneider zieht ihren weißen Kittel aus und lässt sich in die Sofakissen fallen. „So geht das den ganzen Tag.“ Die Fünfundsiebzigjährige liebt ihren Beruf, auch wenn sie ihn sich nicht ausgesucht hat. Seit rund 30 Jahren trägt sie ihren weißen Kittel tagein, tagaus. Ihr Beruf - eine Berufung.
Nur fällt es ihr schwer, ihrer Tätigkeit einen Namen zu geben: „Nein, ich kann weder heilen noch hellsehen. Das Einzige, was ich mache, ist: meine Hand aufzulegen und für den Menschen, der meine Hilfe sucht, zu beten.“ Hokuspokus also?
Der täglich Ansturm auf das kleine Wartezimmer zeigt, wie tief der Glaube an ihre Fähigkeiten in der Region verwurzelt ist. Seit mehr als einem Jahrhundert gilt ihre Familie als heilende Institution. Eine letzte Station, die man aufsucht, wenn man keinen Rat mehr weiß. Die zwölf orangefarbenen Stühle ihres Wartezimmers sind zu jeder Sprechstunde voll belegt. Oft warten Patienten noch im Hof ihres Hauses auf Einlass, weil der Andrang zu groß ist.
Mit ihrer Urgroßmutter Maria habe alles angefangen, erzählt Schneider. In der osthessischen Rhön habe sie sich als weise Frau einen Namen gemacht. „Sie kannte sich sehr gut aus mit Tieren und Pflanzen. Wenn sich die Bauern bei ihr nach dem Wetter erkundigten, konnte sie immer eine Antwort geben. Sie hat da irgendwas gewusst. Eigenartig, oder?“
Von Generation zu Generation weitervererbt
Diese spezielle Gabe, wie Außenstehende es nennen, sei von Generation zu Generation weitervererbt worden. Nach ihrem Vater übernahm Schneider seine besondere Position in der Region. Anfangs sei es für sie schwer gewesen, den Platz ihrer Vorfahren einzunehmen. „Mein Großvater war sehr gut zu den Leuten. Aber auch mein Vater konnte sehr viel auf diesem Gebiet. Für mich war es eine große Verantwortung, in gewisser Weise auch eine Last, in ihre Fußstapfen zu treten.“
Denn Emma Schneider weiß nicht, wie die Behandlungsmethoden ihrer Verwandten aussahen. Ihr Großvater vermachte ihr lediglich die alten geheimen Gebete der Familie. „Die musst du auswendig lernen“, riet er ihr. Der Rest sei laut Schneider reine Intuition. Mit den Menschen führe sie zu Beginn ein Gespräch. Wenn sie über deren Krankengeschichte im Bilde sei, lege sie ihre Hand auf den Teil des Körpers, der Probleme bereite. Ihr eigener Glaube an die Kraft Gottes spiele eine bedeutende Rolle. „Ich lege alles in Gottes Hände. Denn mit meinen Gebeten bin ich nur ein Handlanger.“
Eine Mischung aus Verzweifelung und Neugier
Sie beruft sich auf einen bekannten Spruch aus dem Matthäus-Evangelium: „Gott hat doch gesagt: Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. Gott ist also immer da, auch wenn ich für die Menschen bete.“ Als tief gläubig kann man Sandra Karl nicht bezeichnen. Nur selten sitzt sie auf einer Kirchenbank. Bei gesundheitlichen Beschwerden sucht sie normalerweise einen Facharzt auf. Doch ein schwerer Schicksalsschlag ließ ihr Weltbild wanken. Nach einer Fehlgeburt fiel die junge Frau in ein Loch. Nur noch sporadisch wagte sie sich aus dem Haus, zweifelte an sich selbst und drohte, in ihrer Trauer zu versinken. Am Arbeitsplatz litt sie unter Schwindelattacken und Atembeschwerden. Doch sie weigerte sich, einen Psychologen aufzusuchen. Ein Kollege riet ihr, bei Emma Schneider vorbeizuschauen: „Sie hat mir schon oft geholfen, wenn ich am Boden war.“
Sandra Karl war skeptisch. Von alternativer Medizin hält sie nicht viel. Vom Beten, um Probleme zu lindern, noch weniger. Doch in einer Mischung aus Verzweiflung und Neugier ließ sie sich auf einen Besuch der Nachmittagssprechstunde ein. „Ich war ganz nervös“, erzählt Karl. Man wisse schließlich nicht, was einen hinter der weißen Tür erwarte. Tatsächlich sei das Gespräch mit Frau Schneider aber sehr angenehm gewesen. An der Wand ihres Behandlungszimmers reihen sich Hirschgeweihe, Rosenkränze und Heilpraktikerzertifikate aneinander. Die Rentnerin trägt während der Behandlung einen Mundschutz, hinter ihr hängt ein Bild von Papst Johannes Paul II.
„Ein zischendes Flüstern“
Nachdem Sandra Karl ihre Geschichte geschildert hatte, begann Schneider mit der „Behandlung“. Sie legte ihre Hände auf Karls Kopf und sprach leise ein Gebet, das die junge Frau nicht verstand. „Es hat sich mehr angehört wie ein zischendes Flüstern. Welches Gebet dahinter steckt, habe ich nicht erkennen können.“
Das verriet die alte Dame auch nicht. Einen Ratschlag fügte sie nach dem Gebet jedoch hinzu. Karl solle sich überlegen einen Psychologen aufzusuchen. Nach einem solchen Verlust sei es keine Schande, professionelle Hilfe anzunehmen.
Emma Schneider sieht sich nicht als Medizinerin. Viele Besucher ihrer Sprechstunde würden nach fehlgeschlagenen Behandlungen oder zu langen Wartezeiten bei Fachärzten nur noch zu ihr kommen wollen. Das lehnt sie strikt ab: „Ich bin nur ein Mittelsmann, jemand, der versucht, am Rande zu helfen. Aber eine ärztliche Grundversorgung kann ich nicht garantieren. Hier ist der Arzt der erste Ansprechpartner.“ Trotzdem gebe es viele Mediziner, die ihre Patienten zu ihr schickten. Auch die Krankenhäuser der Region habe sie früher regelmäßig besucht. Ein Klinikprofessor sagte sogar einmal zu ihr: „Unsere Tür steht Tag und Nacht für Dich offen.“ Einige Ärzte bemerken, dass der Glaube der Patienten in Schneiders Fähigkeiten oft den Heilungsprozess vorantreibt.
„Der Glaube hat dir geholfen“
Professor Johannes Köbberling, Facharzt für Innere Medizin und Mitglied der Arzneimittelkommission, kann verstehen, dass manche Ärzte ihre Patienten an die Rentnerin verweisen. Schon seit Jahrhunderten würden die Menschen an alternative Heilmethoden glauben. Suggestive Verfahren, zu der auch Emma Schneiders Arbeit gehöre, seien mit Homöopathie gleichzusetzen. „Ich bin mir aber sicher, dass meine Kollegen ihre Patienten erst zu dieser Dame schicken, wenn sie ausschließen können, dass es sich bei den Beschwerden um eine organische Erkrankung handelt.“
Zwei Faktoren seien für das vermehrt positive Feedback des Betens und Besprechens verantwortlich. Zum einen würden Patienten, die solchen Methoden vertrauen, nur dann davon berichten, wenn die Behandlung von Erfolg gekrönt sei. Ansonsten überwiege die Scham, die Alternativmedizin genutzt zu haben. „Zum anderen haben wir es hier mit einer kontextabhängigen Wirkung der Behandlung zu tun“, sagt Köbberling. „Zumeist treffen ein charismatischer Therapeut und ein gläubiger Patient aufeinander. Diese besondere Mischung verbessert vor allem Krankheitsbilder, die von unserem psychischen Befinden beeinflusst werden.“ Von daher sei es bei nicht-organischen Krankheiten legitim, eine alternative Therapieform auszuprobieren. „Nicht umsonst heißt es doch oft: Der Glaube hat dir geholfen.“
Meistens mit den Nerven
Die Beobachtungen des Mediziners passen zu den Krankheitsbildern, mit denen Schneider konfrontiert wird. Sie erzählt, dass sich die Krankheiten ihrer Patienten in den vergangenen 30 Jahren stark gewandelt hätten. „Früher kamen die Menschen mit Gallen- oder Nierenbeschwerden. Heute hat es jeder Zweite oder Dritte, der mich aufsucht, mit den Nerven.“
Ein gutes Gespräch und der Glaube daran, dass Schneider einen besonderen Draht zu dem Mann ganz oben habe, lässt manche genesen. Auch Sandra Karl hat sich trotz ihrer anfänglichen Skepsis noch zwei weitere Male von Schneider bebeten lassen. Rückblickend, sagt sie, sei es hilfreich gewesen, sich den ganzen Frust in Ruhe von der Seele reden zu können.
Eine Psychologin möchte Schneider trotzdem nicht sein. „Was ich spreche, kommt von Herzen“, sagt die ältere Dame. „Das wird mir plötzlich eingegeben.“ Es liege auch nicht in ihrer Hand, ob auf eine Behandlung die Gesundung des Patienten folge. Laut Emma Schneider sei dies einzig und allein Gottes Werk: „Wir haben unseren Schöpfer. Er allein weiß, was gut für uns ist. Wenn ich helfen darf, lässt er es zu.“
Die Aussage bietet nicht nur Interpretationsspielraum, sondern ist vor allem eine Glaubensfrage. Denn ob man nun an Emma Schneiders besondere Verbindung zu Gott glaubt oder in ihr eine Seelsorgerin mit medizinischem Hintergrund sieht - ab und an kann auch der Glaube bei Krankheiten Berge versetzen.
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Petra Schwarz (Resilienz)
- 20.09.2012, 10:07 Uhr
Der Glaube versetzt ja angeblich Berge,
Lars Münzing (Lars7512)
- 20.09.2012, 09:15 Uhr
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Thomas Frieling (TFrieling)
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Claus F. Dieterle (Claus-F-Dieterle)
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- 18.09.2012, 22:07 Uhr
