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Abwehrzentrum und Transitzone : Der Blinddarm ist der Kevin unter den Organen

Schmerzen in der Magenregion? Schuld kann der Blinddarm sein. Bild: obs

Er fliegt raus, bevor er richtig Ärger machen kann: So kurz das Schicksal des Blinddarms sein. Damit wird diesem Organ jedoch großes Unrecht angetan. Denn seine wahren Talente werden den Medizinern erst langsam bewusst.

          Es gibt sie mittlerweile zuhauf, Studien, die untersucht haben, welche Eigenschaften mit bestimmten Vornamen assoziiert werden. Die bekannteste unter ihnen: Grundschullehrer vorverurteilen Kinder, die etwa den Namen Kevin oder Mandy tragen, als leistungsschwach. Eine Charlotte oder Emilia hingegen genießt, ohne den Mund aufgemacht zu haben, höheres Ansehen bei den Paukern.

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Namen per se können also darüber entscheiden, ob jemand als kompetent oder untauglich gilt – und das ganz unabhängig davon, welche Qualitäten, Talente und Eigenschaften die Person außer ihrem Namen noch so mit sich durch das Leben trägt.

          Abgestempelt als Pflanzenfresser-Organ

          Offensichtlich scheint auch in der Welt der Organe – ganz wie in der Grundschule – der Name lange nicht nur Schall und Rauch zu sein. Dort ist der eindeutige Verlierer bei der Namensvergabe, sozusagen der Kevin unter den Organen, der Blinddarm, benannt nach einem „nicht sehenden“ Teil des Verdauungstrakts – tja, Kompetenz klingt eben anders.

          Das dachte sich wohl auch Charles Darwin, Vater der Evolutionsforschung, der immer gerne den Blinddarm als das Paradebeispiel für ein Organ nahm, das im Laufe der Evolution seine ursprüngliche Funktion verloren hat und jetzt nur noch als Rudiment im Körper besteht. Darwin und seine Kollegen gingen davon aus, dass der Blinddarm aus der Zeit stammt, in der der Mensch noch ein reiner Pflanzenfresser war und im Blinddarm das Grünzeug mit Hilfe von Mikroorganismen verarbeitet wurde. Je mehr Fleisch wir zu uns nahmen, je moderner die Kost wurde, umso unwichtiger wurde der Blinddarm – so weit die Ansicht des guten Darwin. Und damit war er nicht allein. Auch andere Forscher der Geschichte setzten den Blinddarm über die Jahrhunderte immer wieder auf die Liste der nicht mehr nützlichen Organe.

          Und so kam es, dass der Blinddarm nicht nur so klang, als könne man nicht viel mit ihm anfangen, sondern auch tatsächlich so behandelt wurde: Macht der Blinddarm Ärger, dann kommt er eben raus; braucht man ohnehin nicht. Manche gingen sogar so weit, den Blinddarm bei einer Unterleibsoperation gleich mit zu entfernen. Vorsichtshalber, damit er später nicht für Trubel sorgt.

          Der Blinddarm wird oft einfach heraus operiert, sobald er Ärger macht.
          Der Blinddarm wird oft einfach heraus operiert, sobald er Ärger macht. : Bild: dpa

          Mediziner von heute rümpfen über solches Vorgehen mittlerweile die Nase, denn längst weiß man: Meist macht gar nicht der Blinddarm an sich Ärger, er muss auch nicht gänzlich raus, und er hat noch drei wichtige Aufgaben für den modernen Menschen. Herumgesprochen hat sich das außerhalb der Gemeinde der Blinddarm-Fans aber noch nicht so sehr.

          Als Blinddarm wird der Beginn des Dickdarms bezeichnet, eine rund sieben Zentimeter lange Aussackung im rechten Unterbauch mit einem relativ großen Durchmesser, in die am oberen Ende der Dünndarm den Speisebrei abgibt. Dünndarm und Dickdarm sind in der Wand des Blinddarms über eine Klappe verbunden. Sie wirkt wie ein ventilartiger Verschluss. Dehnt sich der Dünndarm aus, weil er voller Speisebrei ist, öffnet sich die Klappe in Richtung Blinddarm und transportiert den Brei weiter. Dehnt sich hingegen der Dickdarm aus, weil er voller verdauter Nahrung ist, verschließt sich die Klappe fest, damit aus dem mit zahlreichen Bakterien besiedelten Dickdarm kein Speisebrei mit Bakterien in den deutlich keimärmeren Dünndarm gelangen kann.

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