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Die Hand zum Gruß : Auch Viren haben ihren Stolz

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Gesundheitlich unbedenklich: Gruß der Vulkanier und Doonshs Bild: action press

Kein Zeugnis von Unhöflichkeit: Der Biologe Harutyun Melkonyan erklärt, warum er niemandem mehr die Hand gibt.

          Herr Melkonyan, Sie schütteln keine Hände?

          Ja, ich gebe niemandem die Hand.

          Ich wäre da ein wenig irritiert.

          Das ist verständlich. Vier von fünf reagieren so. Aber wenn ich es erkläre, stimmen mir die meisten zu und verstehen das. Und ich trage ja auch einen Button, auf dem steht, dass ich keine Hände schüttle. Ich hebe zur Begrüßung die Hand und sage: Ich grüße Sie.

          Und warum?

          Um die Verbreitung von Viren zu verhindern. Jetzt in der Grippesaison ist das einfach zu erklären – da wird ja immer wieder vor dem Händeschütteln gewarnt. Aber es ist in der Anfangszeit extrem schwierig, Hände nicht zu schütteln.

          Wie meinen Sie das?

          In den ersten Monaten hat man diesen Reflex: Eine Hand wird einem entgegengehalten, und automatisch schüttelt man sie.

          Sie haben also trainiert, die Hand nicht zu schütteln?

          Ja, anfangs habe ich wirklich die Hand am Körper gehalten und mir gesagt: Nein, ich gebe nicht die Hand. Klar ist der erste Eindruck, dass man unhöflich ist. Aber diese Form der Höflichkeit kommt aus vergangenen Zeiten. Früher hat man damit gezeigt: Ich habe keine Waffe in der Hand. Aber das hat ja heute kaum jemand. Und Asiaten zum Beispiel schütteln sich ja gar nicht die Hände.

          Wann haben Sie beschlossen, keine Hände mehr zu schütteln?

          Mich hat das schon seit Jahren gestört. Viele Leute praktizieren ihre Handhygiene nicht so, wie sie sollten. Sie sind auf der Toilette und waschen sich die Hände nicht. Das ist ein Ekelfaktor. Da geht es mir gar nicht groß um eine Infektion, es sei denn, es ist Ehec.

          Ehec?

          Das kann schon durch das Händeschütteln übertragen werden. Es gab einen Ehec-Fall, da hat ein Mann seine Frau angesteckt.

          Das muss aber nicht daran gelegen haben, dass er ihr die Hand gegeben hat.

          Nein, nur er hat es an der Hand gehabt. Nur er hatte Kontakt zu mit Ehec verseuchten Lebensmitteln. Aber, um auf Ihre Frage zurückzukommen, seit wann ich keine Hände mehr schüttle: Ich war vor drei Jahren auf einem Kongress, und kurz darauf war ich krank.

          Was hatten Sie?

          Nur eine Erkältung. Das kann tausend Gründe gehabt haben. Aber ich dachte mir: Man trifft dort Hunderte Menschen: Guten Tag, guten Tag, und immer schüttelt man die Hände. Warum also nicht einfach mal das Händeschütteln sein lassen? Das ist die einfachste Art, um eine Infektionskette zu unterbrechen. Später habe ich übrigens gehört, dass Bill Clinton von seinen Beratern den Tipp bekommen hat, er solle sich immer die Hände desinfizieren, bevor er isst.

          Das könnten Sie dann ja auch machen? Schütteln und desinfizieren.

          Da schütze ich mich zwar selbst, aber alle anderen könnte ich infizieren. Wenn ich in einem Raum mit zwölf Menschen bin und ich schüttle jedem die Hand, dann hat der Zwölfte allen elf die Hand gegeben - und mir. Aber ich desinfiziere mir auch regelmäßig die Hände. Man muss nur schauen, dass man nicht zu extrem wird. Man darf jetzt nicht sagen: Ich fass nichts mehr an. Noroviren können ja auch über Türklinken übertragen werden. Es geht jetzt aber nicht, dass ich Türen nur noch mit dem Ellbogen aufmache.

          Ist Umarmen eigentlich in Ordnung?

          Ja, da ist die Hand nicht im Spiel. Das ist ungefährlicher.

          Darf man sich Wangenküsschen geben?

          Ja, das ist auch weniger ansteckend als das Händeschütteln. Halte ich aber auch nichts von.

          Sind Sie weniger krank, seit Sie nicht mehr Hände schütteln?

          Ich war schon immer sehr selten krank. Deshalb hat es mich so irritiert, dass ich nach dem Kongress vor drei Jahren krank geworden bin. Ich bin seitdem nicht mehr krank gewesen, aber da bin ich auch nicht der Maßstab. Ich sage mal: Auch Viren haben ihren Stolz. Die sagen halt: Zu dem Melkonyan gehen wir nicht hin.

          Warum sollten sie nicht?

          Das ist doch nur ein Witz. Den haben wir früher immer gemacht, wenn aus einer Flasche getrunken wurde.

          So etwas machen Sie?

          Früher. Aber die Zeiten sind vorbei. Sehen Sie mal: Sie könnten gestern in Hongkong gewesen sein …

          Bin ich aber nicht.

          Aber möglich ist das. Sie könnten also in Hongkong gewesen sein und bringen von dort eine Krankheit mit. 1999 ist aus Israel ein Flugzeug gekommen. An Bord war eine Mücke, die mit dem Westnilvirus infiziert war. Seitdem ist das Virus in Amerika. Und man wartet ja auch jedes Jahr auf das Supervirus wie die Spanische Grippe 1918.

          Aber keine Hände zu schütteln schützt doch nicht vor der Spanischen Grippe.

          Ein Airbag wird mich sicherlich nicht vor einem Unfall schützen, aber er sichert. Es ist ein Zusatz.

          Leben Sie in ständiger Furcht vor Viren?

          Nein. Da habe ich keine Sorge. Dann dürfte ich ja nicht mehr rausgehen. Vielleicht werde ich das machen, wenn die neue Spanische Grippe kommt.

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