http://www.faz.net/-gum-8agq1

Demenz-Experte im Gespräch : „Man muss es aushalten“

  • -Aktualisiert am

Gemeinsam ist man weniger allein: Selbst bettlägrige Patienten sollen im Demenzheim „Sonnweid“ nicht im Einzelzimmer verschwinden. Bild: Hamid Sadeghi/Zeitenspiegel

Demenz ist eine Krankheit, die bei Angehörigen viele Ängste auslöst. Der Demenz-Experte Michael Schmieder spricht im Interview über Hilflosigkeit, Lügen und den richtigen Umgang mit Patienten.

          Herr Schmieder, Sie haben bis vor kurzem das Schweizer Demenzheim „Sonnweid“ geleitet, das Sie auch aufgebaut hatten. Seit 30 Jahren beschäftigen Sie sich mit der Frage, wie man mit Demenzkranken umgehen soll, und haben es nun in dem Buch „Dement, aber nicht bescheuert“ aufgeschrieben. Der Titel legt nahe, dass wir Demente falsch behandeln. Wie sollten wir es richtig machen?

          Wir sollten ihnen als Menschen gegenübertreten. Wir müssen weg von dem Gedanken, dass Demente irgendetwas anderes wollen als Menschen ohne Demenz. Sie wollen, dass man ehrlich mit ihnen ist, dass man sie nicht übergeht, dass man so mit ihnen redet, dass sie es verstehen. Das sind alles zutiefst menschliche Bedürfnisse.

          In einigen Heimen gibt es zum Beispiel falsche Bushaltestellen: mit Haltestellenschild, Wartehäuschen und Fahrplan, bloß ohne Bus. Zu denen gehen die Pfleger mit Bewohnern, die nach Hause möchten. Ich nehme an, davon halten Sie nichts?

          Niemand will angelogen werden. Auch nicht, um geschont zu werden - das ist eine völlig falsche Haltung. Außerdem mache ich so etwas ja nicht, um den Dementen zu retten, sondern um mich zu retten. Weil ich es nicht aushalte, dass er zu mir sagt: „Ich will nach Hause.“

          Wenn jemand im Flur sitzt und sagt: „Ich warte auf den Bus“, würden Sie dann in die Geschichte einsteigen?

          Ich würde sagen: „Der Bus kommt hier nicht.“ Und dann würde er sagen: „Wie komme ich jetzt nach Hause?“ Ich: „Da ist die Tür, aber da können Sie nicht raus. Sie bleiben heute Nacht hier.“ Wir müssen das mit den Menschen zusammen aushalten, aber wir müssen ihnen nicht immer Lösungen anbieten, denn wir haben die Lösungen nicht.

          In einem authentischen Fall weckte ein Pfleger eine Frau, und sie sagte: „Es war schön mit dir, aber ich bin schon dem Henri versprochen. Und jetzt muss ich dich verlassen.“ Er antwortete: „Vorher sollten wir noch einen Kaffee trinken.“ Damit bestärkt er sie auch in ihrem Glauben.

          Ja, aber in dem Moment, wenn sie den Kaffee trinken, ist das wieder aufgelöst. Und so bleibt ihr das schöne Erlebnis. Er hätte auch sagen können: „Ich bin nicht Ihr Mann, Sie sind ja komplett verwirrt!“ Dann hätte er aus der positiven Situation eine negative gemacht. Solche Erlebnisse sind Sternstunden unserer Arbeit. Sie sind zum Schmunzeln, aber nicht zum Lachen.

          Nach all den Jahren, in der Sie sich mit der Demenz beschäftigen, haben Sie selbst Angst, dement zu werden?

          Also, ich will die Demenz nicht bekommen, aber ich will auch keine andere Krankheit. Der Kontrollverlust würde mir wahrscheinlich am meisten Mühe machen. Zu wissen, dass ich Sachen machen werde, für die ich mich heute schämen würde. Aber es wäre für mich keine Alternative, aus dem Leben zu scheiden, weil ich es ja in den späteren Phasen nicht mehr merke. Dann brauche ich nur zu schauen, dass ich Leute um mich habe, die mich schützen.

          Für den Kranken selbst ist die Demenz nur schlimm, solange ihm noch bewusst ist, dass ihm alles entgleitet?

          Ja, das legt sich nachher. Das Hauptproblem haben die gesunden Angehörigen. Nämlich, wenn sie nicht mehr erkannt werden als Ehefrau oder Kinder. Viele sagen: „Ich komme nicht mehr, mein Vater erkennt mich ja nicht mehr.“ Ich sage dann: „Aber Sie erkennen doch, dass es Ihr Vater ist.“ Aber das reicht denen nicht.

          Auch die gesunden Partner erkennen oft die Kranken nicht mehr wieder. Sie beschreiben im Buch, wie aus einem Gentleman, der seiner Liebsten Blumen pflückt, ein Mann wird, der im Restaurant Stoffservietten stiehlt.

          Ja, er ist als Ehemann weg, aber nicht als Mensch. Nur wenn ich mir das verdeutliche, kann ich noch den Menschen lieben. Seiner Frau ist das gut gelungen. Sie war oft im Heim, aber sie hat es geschafft, die Distanz zu wahren und ihr eignes Leben zu leben.

          Spezialisierte Pflege: „Jeder Mensch will Beziehung“, so Schmieder Bilderstrecke
          Spezialisierte Pflege: „Jeder Mensch will Beziehung“, so Schmieder :

          Welche Rolle spielt das Wissen über das Leben vor der Demenz?

          Weitere Themen

          Stecker raus, Gehirn aus?

          Entschlüsselung der Narkose : Stecker raus, Gehirn aus?

          Lange Zeit war selbst Anästhesisten nicht ganz klar, warum die Patienten so schön weggetreten sind. Inzwischen wissen Forscher mehr über Narkosen. Nur das Bewusstsein wehrt sich gegen die Entschlüsselung.

          Weltcup der Grill- Elite Video-Seite öffnen

          Irland : Weltcup der Grill- Elite

          Wo sonst wird Grillen mehr zelebriert als auf der Grill-Weltmeisterschaft? Auch das deutsche Team „GutGlut“ ist dabei und will in diesem Jahr den Titel mit nach Hause nehmen.

          Topmeldungen

          Eine Fliege auf einem Grashalm bei Burgdorf in der Region Hannover.

          Kommentar zum Insektensterben : Sommer ohne Surren

          Das große Insektensterben zeigt: Die Industrialisierung der Landwirtschaft muss intelligenter weitergehen, als sie begonnen hat. Und vor allem auch nicht naiv.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.