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Veröffentlicht: 19.11.2016, 21:26 Uhr

Poliomyelitis in Afrika Eine Zuflucht für die Gelähmten

Poliokranke werden in Sierra Leone oft gemieden und diskriminiert, weil sie von Gott verflucht oder von Dämonen besessen sein sollen. Doch in einem Dorf erfahren sie Hilfe.

von Alexander Davydov, Makeni
© Alexander Davydov Kämpfer für Poliokranke: Raphael Camara in seinem Büro

Mittagshitze liegt über Makeni, im Nordosten Sierra Leones. In einem Randbezirk der Stadt herrscht trotz der glühenden westafrikanischen Sonne munteres Treiben. Ein Ball landet auf dem staubigen Boden eines improvisierten Fußballfelds und hüpft noch einige Meter weiter, bevor Joseph ihn geschickt annimmt. Die Hitze macht dem Fußballspieler nichts aus. Mit einem wuchtigen Schuss ins gegnerische Tor erzielt der Stürmer den Ausgleichstreffer für seine Mannschaft. Der Jubel währt nicht lange.

Joseph bringt seine deformierten Beine abermals in Stellung, richtet seine Gehhilfe zurecht und konzentriert sich wieder auf das Spiel. Seit seiner Kindheit leidet Joseph an den Folgen von Poliomyelitis, kurz Polio. Doch „Pele“, wie er von seinen Kameraden genannt wird, denkt nicht daran, sich unterkriegen zu lassen. „Polio zwingt mich, diese Krücke zu benutzen, aber für mich ist das kein Problem mehr. Ich habe mich daran gewöhnt. Ich liebe den Sport, und was ein gesunder Mensch kann, das traue ich mir auch zu. Die wahren Hürden liegen woanders.“

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) konnte die Ausbreitung von Polio in Sierra Leone offiziell gestoppt werden. Doch Engpässe bei Impfungen während der zurückliegenden Ebola-Epidemie und mangelndes Vertrauen in die medizinische Versorgung erhöhten das Risiko einer Rückkehr. Die Zahl der bereits infizierten Poliokranken geht in die Tausende. In einem der ärmsten Länder der Welt ist der Alltag für sie häufig ein harter Überlebenskampf.

„Die Bevölkerung schaut auf uns herab“

Eine Folge von Polio sind irreversible gesundheitliche Einschränkungen. Die durch Viren verursachte Infektionskrankheit befällt muskelsteuernde Nervenzellen des Rückenmarks und führt zu permanenten Lähmungserscheinungen und Deformierungen. Die Opfer sind auf Gehstützen oder Rollstühle angewiesen. Die sichtbare Behinderung und die Einschränkungen machen Infizierte zu gesellschaftlichen Außenseitern.

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„Die Bevölkerung schaut auf uns herab und sieht nichtsnutzige Kranke. Aber wir sind auch Menschen. Wir haben Potential“, sagt Raphael Camara, Vorsitzender der Polio Persons Development Association Makeni. Der 55 Jahre alte Camara atmet schwer, er versucht, seinen Ärger in den Griff zu bekommen, während er im selbstgebauten Rollstuhl zu seinem Büro fährt. „Es herrscht der Glaube, wir Poliokranke seien von Gott verflucht oder von Dämonen besessen“, sagt Camara. „Obwohl wir vor dem Gesetz gleichberechtigt sein sollten, leben wir wie Verstoßene.“ Auf Camaras Initiative entstand daher eine Zufluchtsstätte für Poliokranke und deren Familienmitglieder. Das etwa ein Hektar große Gelände beherbergt 270 Personen, darunter 60 Infizierte. Zu diesen zählt auch ein Dutzend Kinder, das jüngste ist anderthalb Jahre alt.

Einige schlichte, längliche Wellblech-Häuser mit kleinen Fenstern umrahmen einen staubigen Vorhof, der häufig auch für Sport genutzt wird. In der Mitte befindet sich ein Pavillon, in dem die Bewohner ihre Freizeit verbringen und Neuigkeiten austauschen. Neben Unterkünften und einer gemeinsamen Kirche bietet Camara den Menschen in seiner kleinen Gemeinde auch die Möglichkeit eines Einkommens. Denn durch die öffentliche Diskriminierung finden viele Poliokranke keine Arbeitsstelle und sind auf Almosen angewiesen.

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