Home
http://www.faz.net/-guw-72m0t
Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Computersucht Keine Krankheit, aber ein Problem

 ·  Computer helfen bei der Arbeit, unterhalten und lenken ab. Dennoch bergen sie Gefahren. Die bislang unerforschte „Computersucht“ stellt Pädagogen und Politiker vor neue Fragen. Antworten sind allerdings noch rar.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (4)
© Pilar, Daniel Sie wollen nur spielen: Teilnehmer der Lan-Party „The Summit“ in Braunschweig

Computer sind universell. Als Werkzeuge, zur Unterhaltung, zur Übung und Ablenkung sind sie heute oft sogar unentbehrlich. Doch inzwischen gelten Computer auch als Gefahr. Mehr als eine halbe Million Menschen zwischen 14 und 64 Jahren in Deutschland sollen computersüchtig sein. Bei weiteren 2,5 Millionen Menschen sei der Umgang mit dem Computer problematisch. Das sagte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans (FDP), vergangene Woche in einer Klinik für Psychotherapie und Suchtmedizin in Lübstorf bei Schwerin – einer von zwei Einrichtungen in Deutschland, in der „pathologischer PC- und Internet-Gebrauch“ behandelt werden. Einem großen Publikum werden die Zahlen gerade auch von Manfred Spitzer, dem Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm, unterbreitet. Er nannte sie dieser Tage in mehreren Fernsehshows, um die Dramatik des Themas seines Buches („Digitale Demenz“) zu untermauern.

Flucht aus der unmittelbaren Sozialität

Die als „Computersucht“ bezeichnete Krankheit gibt es bislang allerdings nicht. Generell sind „substanzfreie Süchte“ nicht klassifiziert. Es gibt für sie weder namentliche Diagnosen noch Therapien, die über die Leistungskataloge der Krankenkassen abgerechnet werden könnten. Dennoch steckt hinter der Beobachtung Computersucht häufig ein medizinisches Problem. Es ähnelt in weiten Teilen dem des pathologischen Glücksspiels. Wenn Personen ihr Spielverhalten nicht kontrollieren können, wenn sich Ausdauer zu einem Zwang entwickelt, liegt eine krankhafte Verhaltensstörung vor. Das häufigste Kriterium für eine medizinische Diagnose ist in diesen Fällen eine mangelhafte Impulskontrolle. Die Therapien zielen auf deren Ursachen und die psychischen Folgeprobleme ab.

So ist es auch bei der Computersucht. Personen, die einen auffälligen Umgang mit dem Computer zeigen, litten in jedem zweiten Fall auch an einer Depression, sagt Bernd Sobottka, der Leitende Psychologe der Klinik in Lübstorf. Ebenso gehören Persönlichkeitsstörungen, soziale Ängste und Störungen des Beziehungsverhaltens häufig zum Krankheitsbild. Der Computer, dem die Krankheit zugeschrieben wird, dem in der Problembeschreibung auch die mediale Aufmerksamkeit gilt, ist für die Therapeuten eher ein Träger der Symptome. Eine Ursache für krankhaftes Verhalten kann ihm beim aktuellen Forschungsstand nicht zugeschrieben werden.

Die Studie zur „Prävalenz der Internetabhängigkeit“ (Pinta), aus der Dyckmans und Spitzer zitieren, ist bislang die einzige, die für die deutsche Gesamtbevölkerung repräsentativ ist. Ihr Ergebnis zeigt interessante Missverständnisse in der Diskussion: Im Alter von 14 bis 16 Jahren ist die Wahrscheinlichkeit, dass Mädchen Suchtverhalten zeigen (8,6 Prozent) im Vergleich zu Jungen (4,1 Prozent) mehr als doppelt so hoch. Die Jungen sind zwar diejenigen, die durch ihr ausdauerndes Computerspielen mehr Aufmerksamkeit erregen. Doch die jungen Frauen sind noch häufiger abhängig von der Omnipräsenz ihrer sozialen Netzwerke. Hinter beiden Phänomenen steckt eine Form von Flucht aus der unmittelbaren Sozialität von Familien und Schulen, die aber dennoch, im abgesicherten Modus, Erfolge und Anerkennung ermöglichen.

Entwicklungsschritte gehen verloren

Therapiebedürftige Störungen liegen vor, wenn Personen nicht mehr ihrem Alltag nachgehen, wenn sie ohne übergeordnete Ziele in den Tag hineinleben und ihr Handeln und Erleben am Computer orientieren. Gerade jungen Menschen gingen durch die Zeit vor dem Computer Entwicklungsschritte verloren, sagt Sobottka. Weil sie manchmal nicht mehr in die Schule gehen oder weil sie nach der Schule nichts anderes mehr unternehmen, ist auch ihre Erwerbsfähigkeit bedroht. Dadurch übernehmen heute weniger die Krankenkassen als die Rentenversicherungen die Kosten für die Therapien. Die Behandlung junger Computersüchtiger ist häufig ein Fall der Rehabilitation.

Laut der Pinta-Studie liegt die Quote der Computersüchtigen in der Altersklasse der Vierzehn- bis Sechzehnjährigen bei fast fünf Prozent. Für die Gesamtbevölkerung ist der Wert 1,5 Prozent. Für diese Zahlen wurden 14.000 Personen telefonisch gefragt, in welchen Situationen sie für den Zeitvertreib den Computer vorziehen, ob sie Freunde und Alltagsaufgaben durch die Aufmerksamkeit für den Computer vernachlässigen und wie sie sich ohne Zugang zum Internet fühlen. Die Dauer vor dem Computer ist selbst kein alleinstehendes Kriterium in den 14 Fragen. Der individuelle Leidensdruck und nicht nur die Beobachtung eines auffälligen Verhaltens sind die Kriterien für eine Computersucht. Deshalb, so sagen Psychologen, gibt es keinen Grund, die Computersucht selbst als Krankheit zu klassifizieren. Die Therapien von Depressionen, sozialen Ängsten und Störungen des Beziehungsverhaltens sind nämlich in jedem Einzelfall verschieden. Der Computer kann in der Krankheit und dann auch in der Therapie eine Rolle spielen, neben vielen anderen Faktoren.

Einfach wegnehmen geht nicht mehr

Wichtiger ist zu verstehen, welche Funktion der Computer im Leben psychisch kranker Personen erfüllt. Anfang Oktober wird sich die Jahrestagung der Drogenbeauftragten in Berlin mit der „exzessiven und pathologischen Computerspiel- und Internetnutzung“ befassen. Dabei werden auch erste Ergebnisse einer neuen Studie besprochen, die derzeit an den Universitäten Lübeck und Greifswald erarbeitet werden. Die Forschung läuft noch nicht auf die Entwicklung von Therapien hinaus, kann jedoch für die Beratung schon mittelfristig hilfreich sein.

In Lübstorf sind derzeit neun von zehn der stationär behandelten Patienten Männer. Das Durchschnittsalter beträgt 30 Jahre. Die jungen Frauen, die in der Pinta-Studie als am meisten gefährdet gelten, sind noch halb so jung. Dyckmans erkennt heute einen besorgniserregenden Trend, dem sie mit Expertise durch eine spezielle Ausbildung der Mitarbeiter in Suchtberatungsstellen entgegentreten will. Die Erste Hilfe besteht heute in Ratschlägen für den Alltag. Dyckmans hält es für wichtig, dass Kinder und Jugendliche lernen, mit Medien richtig umzugehen: „Wir müssen sie stark machen, nein zu sagen und andere Kontakte in der Realität zu pflegen.“ Einfach wegnehmen kann man den Computer heute niemandem mehr.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen