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Coaching : Das Kind ohne Makel

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Sorglos oder makellos? Wo liegt die Grenze zwischen Anschub und Optimierungszwang? Bild: Joerg Lantelme

Erwachsene schicken ihren Nachwuchs zum Coach. Ist das die Folge gesellschaftlicher Optimierungszwänge oder eine wirkliche Hilfe für Kinder, die unter seelischen Beschwerden leiden?

          Als Emma von der Klassenfahrt zurückkehrte, war alles wieder da. Die Mutter erinnert sich an das traurige Gesicht der Tochter, an die leise Stimme. „Eigentlich ist sie ein fröhliches Kind, aber plötzlich war Emma wieder total verschüchtert.“ So hatte sie sich schon einmal verhalten, Monate zuvor, als kein Schultag verging, an dem Emma nicht unter ihren Mitschülerinnen litt. Vielleicht, weil sie etwas zu hübsch aussieht. „Neid treibt wilde Blüten“, sagt die Mutter. Sie hatte angenommen, die Zeit des Mobbings sei vorbei, weil die Gespräche in der Klasse, mit den Lehrern und Eltern, ausgereicht hätten. Offenbar hatten sie das nicht.

          Emma wechselte die Schule, die Zwölfjährige sollte neu anfangen. Deshalb möchte sie auch nicht, dass ihr richtiger Name und der ihrer Mutter in der Zeitung stehen. Damit die Tochter an der neuen Schule nicht noch einmal dasselbe durchmachen muss, suchte die Mutter Hilfe. Mit einem Psychotherapeuten kam Emma nicht zurecht, „der wollte nur sitzen und reden“, wie die Mutter sagt. Dann kam Angelika Fuchs.

          Angelika Fuchs, eine resolute Frau Ende vierzig, arbeitet in Köln als Kindercoach. Sie betreut Kinder, die sich nicht aufs Lernen konzentrieren können, die sich manchmal selbst im Wege stehen, die hibbelig und zappelig sind. Manche werden gemobbt wie Emma. Und bei manchen haben die Eltern Sorge, dass sie einmal gemobbt werden könnten. Dann coacht Angelika Fuchs gewissermaßen prophylaktisch. „Meistens ist Kindercoaching der Schritt vor dem Psychologen“, sagt die ehemalige Grundschullehrerin.

          Schnelle Lösungen durch Coaching

          Der Unterschied zur Psychotherapie sei: Coaching ist auf schnelle Lösungen orientiert, ein Coach blickt weniger auf die Schwächen, sondern auf die Stärken der Klienten. Da ist zum Beispiel ein Kind mit Lernschwäche. Zusammen mit dem Coach überlegt es sich, was es davon haben könnte, bessere Leistungen zu erbringen. Eine Vision. „Wenn die Eltern weniger schimpfen, kann das schon eine gute Motivation sein“, sagt Fuchs.

          Probleme haben diese Kinder nicht, allein weil das Wort „Problem“ im Coaching-Vokabular nichts zu suchen hat. Es ist vielmehr die Rede von Blockaden, die es zu lösen gilt, damit sich Potentiale voll entfalten können. Und von Fähigkeiten, die man wieder neu erlernt. Was die Großen seit einiger Zeit mit Begeisterung tun, um im Job, in der Partnerschaft oder im Sport besser zu „performen“, will man den Kleinen nicht vorenthalten. „Heute lassen sich ja viele Mittelschichtseltern coachen“, sagt Emmas Mutter, „da ist der Schritt zum Kindercoach nur logisch.“

          Als Emma zu Angelika Fuchs kam, war das Mädchen verängstigt. Sie konnte die Namen der Mitschülerinnen nicht aussprechen, unter denen sie gelitten hatte. Sie konnte auch nicht mehr an ihrer alten Schule vorbeilaufen. Ein richtiges Trauma habe Emma zwar nicht gehabt, sagt die Mutter. Aber sie habe einen Schuss neues Selbstbewusstsein benötigt. Zunächst sei es darum gegangen, Emmas Selbstwahrnehmung zu trainieren. Fuchs skizziert es so: „Wie trete ich in der Gruppe auf? Wie laut ist meine Stimme, wie fest mein Händedruck? Habe ich vielleicht schon ,Opfer‘ auf der Stirn stehen?“

          „Eine Therapie hat gleich diesen Psycho-Touch“

          Sie machte mit dem Mädchen Rollenspiele, Coaching-Basisarbeit: Emma sollte zum Beispiel plausibel machen, warum ihr auf der Schulter eine „Blume“ wächst. Es fördere die Schlagfertigkeit, sagt Fuchs, wenn das Kind absurde Geschichten überzeugend rüberbringen kann. Ein anderes Mal sollte sich Emma vorstellen, sie ringe in einem Modegeschäft mit einer Kundin um das letzte T-Shirt im Regal. Dann sollte sie sich einen inneren Anker ausdenken, der sie seelisch und körperlich aufrichten kann, wenn sie es nötig hat. Manche Kinder wählen Bäume, andere Fahnenmasten. Emma entschied sich für den Kölner Dom, der sie fortan von innen stützen soll.

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