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Cannabis Die unterschätzte Droge

05.02.2006 ·  Die Zahl der Cannabis-Konsumenten in Deutschland steigt, die Zahl der Abhängigen ebenfalls. Sind die Eltern schuld? Die Suchtgefahr wird unterschätzt, Entwicklungsstörungen und Psychosen sind die Folge.

Von Christian Thiel
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In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Cannabis-Konsumenten in Deutschland um 70 Prozent erhöht. Der Anteil junger Erwachsener im Alter von 18 bis 29 Jahren, die kiffen, stieg in der gleichen Zeit sogar um 170 Prozent. Weit stärker aber wuchs die Zahl der Cannabis-Konsumenten, die sich an Drogenberatungsstellen oder die Jugendhilfe wandten. Sie erhöhte sich um sagenhafte 750 Prozent.

Die Berater sehen das allerdings nicht nur mit Besorgnis. Andreas Gantner, Diplompsychologe im Berliner „Therapieladen“, einer Spezialeinrichtung für Cannabis-Abhängige, hält das sogar für eine gute Nachricht. „Die Berater in Jugendeinrichtungen und in den Beratungsstellen sind heute einfach viel besser sensibilisiert für Probleme mit Cannabis-Konsum“, sagt der Therapeut.

Viele sehen Cannabis als harmlos an

Wenn heute ein Jugendlicher in einer Beratungsstelle von Konflikten mit den Eltern erzählt, dann sind Berater schneller hellhörig, wenn sie gleichzeitig vom Cannabis-Konsum des Klienten erfahren - und fragen nach. „Das Hilfesystem hat Cannabis als ernsthaftes Problem der Jugendlichen und jungen Erwachsenen erkannt. Darüber können wir nur froh sein. Früher hatten die Jugendlichen die gleichen Probleme mit der Droge - und keiner hat es gemerkt“, so der Therapeut.

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Gleichwohl ist klar, daß auch die Zahl der Cannabis-Abhängigen in den vergangenen zehn Jahren deutlich zugenommen hat. Warum das aber so ist, darüber rätseln selbst Fachleute. An interessanten Theorien mangelt es nicht. Es könnte zum Beispiel an der laxen Reaktion der Eltern liegen. Viele von ihnen sehen Cannabis grundsätzlich als harmlos an und bemerken es nicht, wenn ihre kiffenden Kinder ein ernstes Problem haben.

Wer „nur“ Zigaretten raucht, gilt oft weniger

So beobachtet Professor Rainer Thomasius bei seiner Arbeit in der Drogenambulanz des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf immer wieder, daß Eltern die Gefahren des Cannabiskonsums unterschätzen: „Wir erleben, daß viele Eltern besorgt sind, daß ihre Kinder anfangen mit dem Rauchen oder mit dem Saufen - und sie warnen davor. Gegenüber Cannabis aber haben sie keine klare Position, und das überträgt sich auf Jugendliche.“ Es könnte aber auch das positive Image von Cannabis bei Jugendlichen sein, das die Zahlen von Konsumenten wie Abhängigen in die Höhe treibt. Jugendliche akzeptieren diese Droge inzwischen genauso wie Zigaretten.

„Cannabis hat das Image einer harmlosen, angenehmen Substanz“, sagt der Bielefelder Sozialwissenschaftler und Jugendexperte Klaus Hurrelmann. „Cannabis macht in den Augen von Jugendlichen das Leben schöner und sorgt dafür, daß sie mit den vielfältigen Anforderungen in der Schule, aber auch im Freizeitbereich besser zurechtkommen.“ Cannabis hebt das Ansehen in der Clique. Wer dagegen „nur“ Zigaretten raucht, gilt oft weniger. Und Cannabis gilt Jugendlichen als ungefährlich.

Massive Entwicklungsstörungen und Psychosen

An den Fakten kann das nicht liegen: Bei den allermeisten Konsumenten führt Cannabis zwar nicht zu einer Sucht, doch etwa zehn Prozent von ihnen geraten in eine Abhängigkeit von der Droge. Viele von ihnen konsumieren beinahe täglich und rauchen im Durchschnitt zehnmal am Tag. Ihr ganzes Leben spielt sich im Rausch ab. Massive Entwicklungsstörungen sind die Folge.

Eine häufige, hochgefährliche Begleiterscheinung von intensivem Cannabis-Konsum ist außerdem die Psychose. Neuseeländische Forscher haben im vergangenen Jahr ein Gen gefunden, das hierfür verantwortlich ist. Wer dieses Gen in sich trägt und Cannabis raucht, muß mit hoher Wahrscheinlichkeit damit rechnen, eine Psychose zu entwickeln.

Jugendliche verfügen über mehr Geld

Eine weitere Theorie geht davon aus, daß die Probleme der Jugendlichen drastisch zugenommen haben. Experten reden beim Thema Drogenkonsum gerne über Alltagsstress, über familiäre Probleme oder über die Angst, den Leistungsanforderungen nicht gerecht zu werden.

Über die materielle Seite des Problems dagegen wird selten gesprochen. Dabei ergibt sich daraus eine der interessantesten Theorien über den Anstieg des Cannabis-Konsums: Denn Kiffen kostet Geld - und über Geld verfügen die Jugendlichen heute in weit höherem Maße als jede Generation vor ihnen.

„Cannabis ist eindeutig eine Wohlstandsdroge

Von den geringen Lohnzuwächsen ihrer Eltern in den neunziger Jahren haben die Kinder und Jugendlichen nichts mitbekommen. Ihr verfügbares Einkommen - Taschengeld, Zuwendungen der Großeltern und selbstverdientes Geld - ist Jahr für Jahr um 5 bis 10 Prozent gestiegen.

Die Kaufkraft eines Fünfzehnjährigen von heute ist um ein Vielfaches höher als die eines Jugendlichen vor zwanzig oder dreißig Jahren. Klaus Hurrelmann: „Cannabis ist eindeutig eine Wohlstandsdroge. Und der Anstieg des Cannabis-Konsums vollzieht sich nahezu gleichzeitig in den reichen Industrieländern.“

Ablenkungen von Alltagsproblemen

Eine der plausibelsten Antworten auf die Frage, warum Jugendliche heute vermehrt kiffen, lautet deshalb ganz einfach: Sie tun es nicht, weil ihre Probleme und Schwierigkeiten immer größer werden, sondern weil sie sich diese Ablenkung von den Problemen und Schwierigkeiten ihres Alltags leisten können.

Ein ähnliches Phänomen wie beim Zigarettenkonsum. Aus der Forschung ist bekannt, daß Jugendliche, die viel Taschengeld von ihren Eltern bekommen, häufiger zur Zigarette greifen als knapper gehaltene Altersgenossen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.02.2006, Nr. 5 / Seite 72
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