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Transfusionen : Das gefährliche Blut

4,3 Millionen Blutspenden werden jährlich in Deutschland benötigt. Bild: Corbis

Bewerten Ärzte das Risiko von Transfusionen für den Empfänger falsch? Eine Gruppe von Medizinern setzt sich für ein Umdenken ein.

          Jeder Patient sollte die Chance haben, sich so gut vorbereitet wie irgend möglich in eine Operation zu begeben“, sagt Professor Kai Zacharowski. Eine Aussage, die aus dem Mund des Direktors der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie am Uniklinikum Frankfurt eigentlich nicht wie eine Option klingen sollte, sondern wie eine sichere Zusage. Zacharowski - weißer, faltenfreier Kittel und leicht gegeltes Haar - ist bewusst, was er da sagt. Deswegen fügt er hinzu: „In unserem Gesundheitssystem, das zu den besten der Welt gehört, sind manche Dinge, die selbstverständlich sein müssten, nicht selbstverständlich.“ Er formuliert so provokativ, weil er wachrütteln will: „Es kann nicht sein, dass wir Patienten über bestimmte Dinge nicht aufklären, obwohl sie unter Medizinern bekannt sind.“

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Mit „bestimmten Dingen“ meint Zacharowski im Speziellen die Risiken, die von Blutarmut und Bluttransfusionen für den Patienten ausgehen können. Und diese Risiken, so warnt nicht nur er, werden bisher in Deutschland unterschätzt. Der Patient wird gleich doppelt gefährdet.

          Etwa 100.000 Mal am Tag presst unser Herz mit aller Kraft den roten Saft mit bis zu vier Stundenkilometern durch Arterien und Venen. Blut besteht aus einem flüssigen und einem zellulären Anteil. Eine Minute benötigt es, um einmal den ganzen Kreislauf zu durchfließen. Im flüssigen Plasma werden Eiweiße, Salze und vieles andere vom Ohrläppchen zum Sprunggelenk transportiert. Für die Verteilung des Sauerstoffs aber sind die roten Blutkörperchen, die Erythrozyten, zuständig. Sind von ihnen zu wenige im Körper vorhanden, sprechen Laien von Blutarmut und Ärzte von einer Anämie.

          Medizin : Wenn Blutspenden Leben retten

          Blutarmut wird bei einer Operation zum Problem

          „Etwa dreißig Prozent der Bevölkerung leiden unter einer Anämie, ein Großteil von ihnen weiß allerdings gar nicht, dass er betroffen ist. Denn mit einer Anämie, zumal einer leichten, kann man meist problemlos den Alltag bewältigen“, erläutert Zacharowski. Eine Blutarmut macht sich durch Müdigkeit und Leistungstief, Kopfschmerzen, Kurzatmigkeit, blasse Haut oder Schwindel bemerkbar. Ihre zahlreichen Ursachen lassen sich grob in drei Gruppen einteilen: chronische oder akute Entzündungen, Störungen der Blutbildung sowie Blutverlust. „Das Groteske ist, dass die häufigsten Ursachen von Anämien in unserer Überflussgesellschaft auf Mangelernährung zurückzuführen sind“, sagt Zacharowski. Mangel an Eisen, Folsäure und Vitamin B12. Diese Nährstoffe brauchen rote Blutkörperchen, um voll funktionsfähig zu sein.

          Auch wenn der Alltag mit einer Anämie noch ohne Mühe zu bewältigen ist, wird sie zu einem Problem, sobald der Betroffene operiert werden muss. Studien haben gezeigt, dass eine unbehandelte Anämie im Rahmen einer Operation mit einem erhöhten Risiko für Komplikationen verbunden ist. Um dieses Risiko zu verdeutlichen, referiert Zacharowski einige Zahlen: „Wer vor einer Operation unter keiner Blutarmut leidet, hat 30 Tage nach dem Eingriff eine Wahrscheinlichkeit von unter einem Prozent, an den Folgen zu sterben. Und zwar egal, bei welchem Eingriff, die Herzchirurgie mal ausgeschlossen.“ Bei leichten Anämien stiege diese Wahrscheinlichkeit auf fast vier Prozent, bei schweren Anämien auf zehn bis fünfzehn Prozent. Über dieses Risiko aber klärten Ärzte Patienten in Deutschland fast nie auf.

          Als wäre das nicht schon unerwartet genug für die Ohren von Laien, fährt Zacharowski, fast ohne Luft zu holen, fort: „In Deutschland wird aber nicht nur über das Risiko einer Anämie nicht aufgeklärt, es wird teilweise vor einer Operation nicht mal nach einer Anämie beim Patienten geschaut, geschweige denn diese im Vorhinein therapiert.“ Stattdessen behandle man eine Anämie dann „lieber nach dem Eingriff mit der Gabe von Fremdblut“. Das Fatale daran: Im fremden Blut lauert eine weitere Gefahr für den Patienten, über die er aber meist ebenso wenig erfährt.

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