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Adipositas-Chirurgie : Fette Gefahr

Die Zahl der dicken Menschen steigt. Jedem Dritten der Patienten könnten konservative Methoden wahrscheinlich bereits helfen. Bild: dpa

Die Deutschen werden immer dicker. Doch über die Frage, wie man dem vorbeugt und den Betroffenen hilft, herrscht Uneinigkeit. Operationen werden bisher nur in wenigen Fällen durchgeführt.

          Wer sich den Magen verkleinern lässt, spricht nicht gerne drüber. Überhaupt ist so eine Magenverkleinerung ein heikles Thema. Denn anders als etwa bei Herzinfarkten, gebrochenen Knochen oder Blinddarmentzündungen ruft diese Art Eingriff meist weder Mitgefühl noch übermäßiges Verständnis hervor. Sich unters Messer zu legen, weil man zu viel Gewicht mit sich herumträgt, ist häufig noch ein Tabuthema; die Betroffenen stehen unter dem Verdacht, ihnen fehle es am Willen oder an der Disziplin, um anders abzunehmen.

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dabei muss sich Deutschland mit dem Übergewicht befassen. Die Zahl der dicken Menschen steigt. Es gibt drängende Fragen. Dazu gehört, welche Therapien hier helfen und in welchen Fällen die Kasse die Kosten übernimmt. Laut dem aktuellen Barmer Report Krankenhaus ließen sich 2014 knapp sieben Millionen Deutsche in irgendeiner Form wegen Übergewichts behandeln, ein Plus von circa 14 Prozent im Vergleich zum Jahr 2006.

          Mehr als die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland ist übergewichtig, fast ein Viertel sogar krankhaft – das, was Mediziner als „adipös“ bezeichnen. Bei Kindern und Jugendlichen sind rund 15 Prozent übergewichtig, sechs Prozent adipös. Tendenz steigend. Laut der Statistikbehörde Eurostat sind die Deutschen damit dicker als der EU-Bürger im Durchschnitt. Aber in Deutschland werden im Mittel weniger gewichtsreduzierende Operationen durchgeführt als in anderen europäischen Ländern. Hierzulande kommen auf 100.000 Einwohner 15 bariatrische Operationen, wie die Adipositas-Chirurgie im Fachjargon heißt. In Frankreich sind es 57, in Belgien sogar 104.

          Viele plagen bereits Begleiterkrankungen

          Plamen Staikov ist  Chefarzt im Krankenhaus Sachsenhausen. Statistisch gesehen ist es nicht unwahrscheinlich, bei einer Operation dieser Art in Deutschland vor Staikov auf dem OP-Tisch zu landen. Das Adipositas-Zentrum am Frankfurter Mainufer zählt deutschlandweit zu den größten seiner Art. Hier finden jedes Jahr fünf-, sechshundert bariatrische Operationen statt. Staikov suchen Menschen auf, die adipös sind, fettleibig. Oft haben sie eine jahrelange Leidensgeschichte hinter sich, viele plagen bereits Begleiterkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck oder eine Schlafapnoe, bei der die Atmung während des Schlafs aussetzt.

          Rund 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland sind adipös. Bilderstrecke
          Rund 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland sind adipös. :

          Jedem Dritten der Patienten, die bei ihm vorstellig werden, könnten konservative Methoden helfen, schätzt Staikov. Das heißt, sie haben Grund zur Hoffnung, überschüssige Kilos loszuwerden, ohne sich unters Messer zu legen – indem sie unter medizinischer Begleitung ihre Ernährung umstellen und sich regelmäßig bewegen. Bei den anderen beiden Dritteln, meint der Chirurg, verspricht das jedoch kaum mehr Erfolg: „Für sie ist eine Operation alternativlos.“ Nur in Ausnahmefällen, vielleicht bei zehn Prozent der schwer Übergewichtigen, führe eiserne Disziplin in Sachen Ernährung und Bewegung noch dazu, dass die Pfunde purzeln, sagt Staikov. Je mehr der Mensch auf die Waage bringt, desto geringer sind die Erfolgsaussichten. Einen Zweihundert-Kilo-Mann kann man nicht mehr ohne weiteres zum Joggen schicken.

          Und schon ist man bei der zentralen Frage angelangt: Wie sehr kann ein fülliger Mensch sein Gewicht willentlich beeinflussen? Und wann wird das Immer-dicker-Werden zur Krankheit?

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