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Das Leben als Dicker : Mein Bauch, mein Leben und ich

Ich nahm ein paar Mal ab; mal knapp 20, mal gut 20 Kilo. Jedes Mal aber legte ich danach wieder zu, startete beim nächsten Versuch von einem noch höheren Gewicht. Irgendwann machten zehn Kilo mehr keinen Unterschied mehr. Bild: Getty

Essen ist immer da, Essen kann Trost sein und Belohnung. Dem Superdicken ersetzt es fast alles. Vom Ringen mit einem Körper, der aus den Fugen geraten ist.

          Es war schon mal anders. Ich hatte auch mal einen Körper, mit dem ich sehr gut hätte leben können. Ich weiß, das klingt wie das, was Meryl Streep als Karen Blixen in dem Film „Jenseits von Afrika“ sagt: „Ich hatte eine Farm in Afrika, am Fuße der Ngong-Berge.“ Wie eine Erinnerung aus einem anderen Land, von einem fremden Kontinent. Aber es ist ja auch lange her.

          STATUS-REPORT
          Phase 1: „Fasten“
          Gewicht in Vorwoche: 173,6 kg
          Aktuelles Gewicht: 173,4 kg
          Veränderung: -0,2 kg
          Abnahme insgesamt: -12,1 kg

          Bertram  Eisenhauer

          Verantwortlich für das Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wie es ist, zu viel zu wiegen, das kenne ich in verschiedenen Härtestufen; so heftig wie heute war es nicht von Beginn an. Ich startete als ein pummeliger Teenager; bis ich 18 war, hatte ich eine haltbare Identität „als Dicker“ entwickelt. Als ich zum Wehrdienst antrat, hätten sie mich fast wieder gehen lassen, weil ich für meine 1,78 Meter etwa zwanzig Kilo zu schwer war; am Ende entschieden ein paar gelangweilte Stabsärzte, wo ich schon mal da war, sollte ich doch bleiben. Meine Ausbilder hätten mich gerne, wie sie sagten, in „eine böse, drahtige Kampfmaschine“ verwandelt, aber daraus wurde echt nichts.

          Erst als ich Anfang zwanzig war und auf der Uni, fing ich an zu laufen. Noch heute bekommen meine Hobbit-Beine im Frühjahr deshalb Phantomschmerzen. Wenn auf den Gehwegen und in Parks nach dem Winter die ersten Jogger und Läufer auftauchen, kommt wie aus den Muskeln heraus die Erinnerung hoch, welch für ein Gefühl es ist, sich zu dehnen und loszulaufen.

          Laufen hat ja eine bestechende Klarheit. Man braucht keine Partner, keine Halle, keine große Ausrüstung, man läuft einfach los. Das tat ich jeden Tag eine Dreiviertelstunde lang – und konnte diese Dreiviertelstunde bald nur schwer entbehren. Nach etwa einer halben Stunde auf der Strecke kam ich regelmäßig in einen Zustand, in dem sich alles vor mir aufzutun schien. Zeit für Epiphanien.

          Ich wurde ein anderer Mensch

          Einer der Mitbewohner in meiner WG musste immer wieder ein paar Kilo verlieren, um auf sein Judo-Kampfgewicht zu kommen, und schloss sich meiner Diät- und Sportkur an. Wir hängten meterlange Papierfahnen in die gemeinsame Küche, auf denen wir notierten, was wir aßen: „15.00: Kabeljau, Reis, Champignons -650 Kal. 19.00: Weintrauben -200 Kal.“

          Nach einigen Monaten war ich richtig austrainiert. Die Slogans von Nike („The road: When it calls, it screams“) kamen mir nicht mehr albern vor, sondern richtig, ja, profund. Ich hatte Momente, in denen ich im Sommerregen lief, Van Morrisons „In the Days before Rock’n’Roll“ im Kopfhörer des Walkmans (oh ja, SO lange ist das her), und dachte, ich würde gleich abheben.

          Innerhalb eines Jahres verlor ich damals fast 35 meiner gut 100 Kilogramm und kam in die Nähe dessen, was man damals das „Idealgewicht“ nannte. 70,2 Kilo. Ich erkannte mich im Spiegel selbst kaum wieder, ich wurde ein anderer Mensch.

          Diese Zeit würde ich meine heroischen Jahre nennen – wenn ich nicht alle Fortschritte bald wieder verspielt hätte. Ich weiß nicht mehr, was es war – eine sehr, sehr unglückliche Liebe zu viel, Arbeit, Gewohnheit, Stress, alles zusammen: vorbei.

          Essen ist immer da, eine Art Grundrauschen

          Noch zwei weitere Male nahm ich ab, mal knapp 20, mal gut 20 Kilo. Jedes Mal aber legte ich danach wieder zu, startete beim nächsten Versuch von einem noch höheren Gewicht. Irgendwann machten zehn Kilo mehr keinen Unterschied mehr. Oder 20. Oder 30.

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