Während sich Sandra Maischberger in dieser Woche ausführlich mit den amerikanischen Wahlen und Frank Plasberg mit Chinas Wirtschaft befasste, ging es bei Reinhold Beckmann am späten Donnerstagabend um ein nicht minder bedeutendes globales Phänomen. Es wird die Gesellschaften der Welt nicht weniger prägen als politische Umwälzungen, als wirtschaftlicher Aufstieg und Fall, es wird die Kluft zwischen den Schichten vergrößern und dafür sorgen, dass der demographische Wandel noch schwerer aufzufangen ist als ohnehin schon.
Die Rede ist von einer Volkskrankheit, die schleichend große Gruppen der Bevölkerung erfasst, immer jüngere Menschen, die ihr Gebrechen oftmals lange Zeit überhaupt nicht bemerken. Die Rede ist von Übergewicht, Zuckersucht und der gravierendsten der Folgen: Diabetes. Moderator Beckmann begrüßte die Zuschauer, während er hinter einem Berg aus Zuckerwürfeln hervortrat: 35 Kilogramm Zucker hatte man im Studio aufgehäuft, so viel verzehrt jeder Deutsche im Jahr. Im vorletzten Jahrhundert waren es noch drei Kilogramm.
Warum ein solches Thema? Die Frage ist zum einen überflüssig, denn es gibt kaum ein Thema, das weniger eines Termins bedarf - so drängend und so vernachlässigt zugleich ist es. Zum anderen liegt gegenwärtig, blickt man auf den Alltag und sieht von politischen Debatten ab, kaum ein Thema näher: Es ist schon jetzt bei keinem Lebensmitteleinkauf mehr möglich, die Zuckerschlacht, die sich für die Adventszeit abzeichnet, zu ignorieren, so hoch türmen sich Schokoladenkalender und Nikoläuse, Weihnachtspralinen und Zimtgebäck in den Supermärkten.
Reinhold Beckmanns Talkrunde war als großer Rundumschlag angelegt. Innerhalb einer guten Stunde das Thema Zuckerverzehr mit medizinischen Details zum Diabetes und Kritik an der Lebensmittelindustrie zu verquicken ist eine Herausforderung – doch am Donnerstagabend gelang das Unterfangen, ohne dass die Sendung überfrachtet wirkte. Die Diskussion der fünf Gäste, die sich dem Thema von ganz verschiedenen Standpunkten näherten, blieb bis zum Ende ruhig und sachlich, auch Exkurse und ein Abschweifen waren erlaubt, was dem Verständnis der komplexen Problematik aber nicht schadete, sondern vielmehr immer neue Facetten aufdeckte.
Sieben Millionen Deutsche leiden schon an Diabetes, die Dunkelziffer liegt auch bei einigen Millionen. 48 Milliarden Euro Kosten entstehen jährlich für das Gesundheitssystem. Das sind die Folgen für die Gesellschaft, doch am Donnerstag ging es vor allem um die Folgen für den einzelnen. Aus diesem Grund war Lukas Schmidt eingeladen, ein 16 Jahre alter Berliner Schüler, der in einem Reha-Zentrum von 160 auf 122 Kilogramm abnahm und damit auch zunächst den Diabetes eindämmen konnte, den er aufgrund jahrelanger Adipositas und ständigem Verzehr von Süßigkeiten entwickelt hatte.
„Die Küche ist relativ klein, das Geld ist knapp“, begründete der Junge lapidar, wie es dazu kam, dass er fast nur noch zu Süßigkeiten und Softdrinks griff. In der Schule sei Kochen nur als Wahlfach, nicht als Pflichtfach angeboten worden; es habe dort einen Kiosk gegeben, in dem Mars- und Bounty-Riegel verkauft wurden. In diesen wenigen Worten wurde deutlich, wie massiv das Versagen der Gesellschaft ist, aber wie stark auch die schon jetzt existierenden Probleme ausgeblendet werden.
Global betrachtet, tut sich zwar etwas: In der Schweiz zum Beispiel soll der Bundesrat künftig Werbung für Chips und Süßigkeiten einschränken können, wenn die Spots oder Anzeigen gezielt Heranwachsende ansprechen. Und in Frankreich, flocht Beckmann ein, gebe es schon eine Cola-Steuer; bald soll vielleicht eine Nutella-Steuer hinzukommen.
Der Eindruck allerdings, dass man in Deutschland den Kopf in den Sand steckt und in aller Seelenruhe Fußballidole Fernsehwerbung für Nuss-Nugat-Brotaufstrich machen lässt, täuscht nicht: Hierzulande hat die Süßigkeitenindustrie noch immer relativ freie Bahn. Die Journalistin Tanja Busse, Autorin des Buches „Die Ernährungsdiktatur“, war in der Sendung dafür zuständig, immer wieder Verbote von politischer Seite zu fordern. Ebenso wie Matthias Steiner, Olympiasieger im Gewichtheben und Diabetiker seit seinem 18. Lebensjahr, der auch darauf pochte, dass Schokolade gezielt durch eine Steuer verteuert werden müsste. Koste sie nur ein paar Cent, lasse sich niemand abhalten – da waren sich die Gäste einig.
Doch außerhalb des Studios herrscht keineswegs solches Einverständnis: „Wir haben keinen gesamtgesellschaftlichen Konsens“, hielt Diethelm Tschöpe fest, Direktor des Diabeteszentrums Bad Oeynhausen. „Präventionsmedizin ist in unserer Gesellschaft nicht verankert.“ Sie müsse eigentlich in Elternhaus und Kindergarten beginnen.
Das alles sind Fragen, die nicht zum ersten Mal aufgeworfen werden. Wir wissen in der Regel um die wachsenden Zahlen übergewichtiger Kinder und Jugendlicher, auch die Kritik an der Ernährungsindustrie der vergangenen Jahre ist an kaum jemandem spurlos vorbeigegangen, und dass Diabetes eine schwere Krankheit mit gravierenden Folgen ist, ist ebenfalls keine neue Information.
Es war das Verdienst der Sendung, hier ein wenig mehr in die Tiefe zu gehen: Der Unterschied zwischen Typ 1- und Typ 2-Diabetes wurde zwar nur sehr knapp erklärt (bei ersterem fehlt Insulin, weil die Zellen der Bauchspeicheldrüse, die das Hormon produzieren, zugrundegehen; bei letzterem ist oft Übergewicht der Auslöser, die Körperzellen reagieren nicht mehr auf das Insulin und können so Zucker nicht mehr aus dem Blut aufnehmen). Doch eine gewisse Anschaulichkeit gewann das Thema durch den Leistungssportler und Typ 1-Diabetiker Matthias Steiner der sein Blutzuckermessgerät demonstrierte.
Und der Mediziner Tschöpe, der für die Erläuterung medizinischer Details zuständig war, brachte dann auch Folgeerscheinungen des Diabetes wie Blindheit oder die vaskuläre Demenz, ein geistiger Abbau wegen Durchblutungsstörungen im Gehirn, ins Spiel: Es sind die Schäden am Gefäßsystem, die Diabetiker im späteren Verlauf ihres Leidens zu Schwerkranken machen. Tschöpe vergaß auch nicht den Hinweis, dass die genetische Disposition einzelner auch bei unverantwortlichem Essverhalten immer noch eine bedeutende Rolle spielt.
Gelohnt hätte es sich, an der Stelle weiter zu fragen, an der sich der Sterne-Koch Nelson Müller in die Diskussion einschaltete. Müller, der ein Restaurant in Essen führt und Kindern in verschiedenen Projekten Spaß an gesundem Essen vermitteln will, berichtete von den Erfolgen seiner Arbeit („Ein Fisch im Ganzen – das finden die toll“), aber auch von den Verhältnissen, die seine Arbeit schwierig und überhaupt nötig machen („Vielleicht sind die Eltern auch nicht mehr so konsequent. ‚Was auf den Tisch kommt, wird gegessen‘ – das gibt es heute nicht mehr“).
Über die Ernährungswelt, in der Kinder wie Lukas Schmidt aufwachsen und die sie irgendwann mit einem Gewicht von 160 Kilogramm schwer krank werden lässt, hätte man gern mehr erfahren. Wo ist der Knick in der Ernährungsbiographie? Bei immer mehr Kindern zeigen sich heute in Ländern, in denen wie bei uns Überfluss herrscht, Eigenheiten, Ängste und Zwänge im Ernährungsverhalten – so gibt es Kinder, die „lieber nur Reis“ zum Mittagessen wollen, Kinder, die kein Obst, kein Gemüse, nichts mit kräftigen Farben oder „nichts Ungekochtes“ essen.
Die Frage ist, ob die Süßigkeitenindustrie mit ihren Werbeversprechen und ihrer ubiquitären Sichtbarkeit genau in diesen Phasen in das Leben von Kindern tritt und ihnen einen Suchtstoff präsentiert, der über Identifikationsfiguren in der Werbung und natürlich über die uralte, genetisch programmierte Vorliebe für Zucker Sicherheit und Wohlbefinden vermittelt.
So weit kam die Talkrunde dann doch nicht; stattdessen gab es am Ende noch eine Verbraucherberatung im Schnelldurchgang: Zucker in beachtlichen Mengen findet sich auch in Ketchup, Erbsenkonserven, Wurst und Toast – häufig, um eine schlechtere Qualität mit dem süßen Geschmack zu kaschieren.
Für Tanja Busse liegt der Verdacht nahe, dass so viel Zucker verwendet wird, um die Verbraucher langsam daran zu gewöhnen, sie geradezu anzufixen. Keine Lösungen, aber viele Vorschläge standen schließlich im Raum. Im Vordergrund stand dabei die Forderung nach politischen Schritten. Und eins wurde deutlich: Findet man nicht bald zu einer Strategie, dann werden Schokoriegel und Gummibären, Lebkuchen und Zimtsterne das bleiben, was sie jetzt schon sind: Billiges, aber extrem schädliches Opium fürs Volk.
Über die Lenkungsfunktion derartiger Steuern
Marzo Matto (maerzc)
- 09.11.2012, 23:27 Uhr
Die Alternative zu Zucker heißt "Xucker" oder auch
bekannt als Zuckeraustauschstoff Xylit
Nora Albu (nora.albu)
- 09.11.2012, 22:52 Uhr
Ja, wir brauchen diese Steuer ...
Dounia Moon (douniamoon)
- 09.11.2012, 19:10 Uhr
Und unsere lieben Volksvertreter ? Sollen mal bei sich selber anfangen !
gert kock (gertKo)
- 09.11.2012, 18:19 Uhr
Brauchen wir die Nutellasteuer
brigitte schulze (brigitteschulze)
- 09.11.2012, 15:11 Uhr
