http://www.faz.net/-gum-781wb

Barcode-Bedenken : Das Kreuz mit den Strichen

  • -Aktualisiert am

Strahlenmonster Barcode? Bild: F.A.S.

Ob im Supermarkt oder im Bioladen – auf fast jedem Produkt prangt ein Barcode. Manch einer ist überzeugt: Die Strichmuster verstärken Strahlung und schaden der Gesundheit.

          Sie sind klein und unscheinbar. Ein paar Dutzend schwarzer Balken in Reih und Glied, auf fast jedem Produkt stehen sie, ganz egal ob im Supermarkt oder im Bioladen. Sie gehören zu unserem Alltag wie das Geld, mit dem wir an der Kasse bezahlen, doch kaum einer beachtet sie. Und niemand würde auf die Idee kommen, dass die kleinen Strichmuster gar Böses anrichten könnten. Niemand?

          Eine verschworene Gemeinschaft aus Esoterikern, Naturheilkundlern und Vertretern alternativer Heilmethoden ist überzeugt: Die parallel nebeneinander verlaufenden Striche auf der Rückseite der Produkte wirken als eine Art Antenne und nehmen Strahlung oder Energie aus der Umgebung auf. Diese geben sie an die Speisen und Getränke weiter. Durch Laserscanner an der Kasse wird diese Energie zusätzlich aktiviert.

          Was das angeblich für einen Effekt haben kann, beschreibt Ölwin Pichler, Leiter des „naturwissen-Ausbildungszentrums“ in Wolfratshausen, so: „Aus bioenergetischer Sicht können manche durch die Aktivierung der Barcodes entstehende Felder die Verträglichkeit eines Produktes beeinträchtigen.“ Pichler ist Redaktionsmitglied der Zeitschrift „Raum & Zeit“. In dieser Zeitschrift wurde schon im Jahre 2000 davor gewarnt, Laserscanner aktivierten die bioenergetische Toxizität der Strichcodes. Häufig wird diese Gefahr durch Pendelversuche nachgewiesen.

          Glauben an die Kraft des Stiftes

          Auf zahlreichen Blogs und Foren tauscht sich die Gemeinschaft rege über ihre Ansichten aus. Dabei gibt es nicht nur unterschiedliche Ansichten darüber, wie genau die negative Energie ins Produkt gelangt - sondern auch darüber, wie man die Gefahr am besten umgehen kann. Einige kaufen keine Produkte mehr mit Strichcode. Andere glauben an die Kraft eines Stifts. Im Onlineshop von „Bio Balance“ aus Neuseeland ist der „CodeEx Barcode-harmonizer“ für rund 17 Euro erhältlich. Im Stift ist ein energetisch informierter Chip integriert. „Barcodes einfach quer durchstreichen!“, und schon sei die toxische Belastung neutralisiert.

          Im Internet tauschen sich aber auch diejenigen aus, die sich über die Bedenken lustig machen. Und es gibt viele, bei denen man nicht sicher unterscheiden kann, ob sie es ernst oder ironisch meinen. So fragt sich die „Wandlerin“ auf ihrem Blog, ob die Kassierer nicht eigentlich eine Gefahrenzulage bekommen und „Strahlenschutzanzüge mit Gesichtsmasken tragen“ müssten.

          Damit sich diese speziellen Kunden wohl fühlen, gehen einige Unternehmen der Bio-Industrie auf deren Wünsche ein. Sie versehen die Strichcodes auf ihren Tees, Wassern oder Bieren konsequent mit einem dünnen Querstrich - oder sie hinterlegen ihn mit einer liegenden Acht, dem Zeichen der Unendlichkeit. Dadurch werde den Strichen die Kraft genommen.

          Wirkung wissenschaftlich nicht erwiesen

          Wie das funktionieren soll, beschreibt die Firma Sonnentor aus Österreich in einer Pressemeldung: „Ist der EAN-Code entstört, kann dieser nicht mehr negativ auf das Produkt einwirken und auch keine Umweltbelastungen weiterleiten.“ Obwohl die Wirkung wissenschaftlich nicht erwiesen sei und das Unternehmen dem Phänomen neutral gegenüberstehe, werde Sonnentor in Zukunft die Barcodes des gesamten Sortiments mit einem Querstrich entstören.

          Sonnentor wurde nach eigenen Angaben von einem Kunden auf das „Problem“ hingewiesen, ähnlich wie das Unternehmen Rabenhorst, das auch den bekannten Rotbäckchen-Saft herstellt. Dort hat ein Großhändler die Bedenken der Konsumenten an die Firma herangetragen. „Wir haben uns dann intensiver damit beschäftigt und festgestellt, dass tatsächlich viele Kunden ein Problem mit dem Strichcode haben“, sagt Marketingleiter Johannes Mauss. „Und da unsere Firma insgesamt sehr liberal eingestellt ist, hatten wir kein Problem damit, auf die Wünsche unserer Kunden einzugehen. Auf zahlreichen Messen stellen wir fest, dass das ein immer größerer Trend ist.“ Seitdem zieht Rabenhorst auf allen Artikeln einen feinen Strich durch die Barcodes.

          Keine Gefahrenzulage für Kassierer

          Die Wissenschaft steht dem Phänomen skeptisch gegenüber. Viele angefragte Einrichtungen haben noch nie von einer möglichen Strahlenbelastung durch Barcodes gehört. Edzard Ernst, Professor für Alternativmedizin an der University of Exeter in England, hat dazu eine klare Meinung: „Ich schätze die Gefahr dieser Energiefelder gleich null ein“, sagt er. Ernst erforscht den Nutzen alternativer Heilmethoden mit wissenschaftlichen Methoden.

          Das Bundesinstitut für Risikobewertung gibt auf Nachfrage an, es lägen keine Informationen zu möglichen Risiken des Scannens von Etiketten auf Lebensmitteln vor. „Letztlich handelt es sich um ein optisches Verfahren. Uns ist nicht klar, welche Risiken davon ausgehen sollten.“ Und auch das Bundesinstitut für Strahlenschutz kann sich den Zusammenhang nicht erklären. „Es ist wissenschaftlich in keiner Weise nachvollziehbar, dass Strichcodes aus der Umgebung Strahlen aufnehmen und an das Produkt weitergeben“, sagt Pressesprecherin Monika Hotopp.

          Die Gefahr, die von Barcodes ausgeht, ist wohl eher Glaubenssache. Und da der Großteil der Bevölkerung den Instituten noch immer mehr vertraut als den Pendeln, müssen Kassierer wohl vorerst auf eine Gefahrenzulage verzichten.

          Quelle: F.A.S.

          Weitere Themen

          Glyphosat, angezählt

          Streit um Herbizid : Glyphosat, angezählt

          Ein brisantes Thema der vergangenen Jahre könnte in der kommenden Woche ein Ende finden. In Brüssel stimmen die Staaten über die weitere Zulassung für das Herbizid ab. Bleibt Deutschland Enthaltungsweltmeister? Die Befürworter von Glyphosat in der EU werden weniger.

          Motiv von Messerangreifer bleibt unklar Video-Seite öffnen

          München : Motiv von Messerangreifer bleibt unklar

          Was den 33-jährigen Messerangreifer dazu bewogen hat, in München wahllos Passanten zu attackieren, ist derzeit nicht bekannt. Der mutmaßliche Einzeltäter sei bereits früher polizeilich in Erscheinung getreten. Die Polizei teilte mit, es bestehe keine Gefahr mehr für die Bevölkerung.

          Topmeldungen

          Brexit-Verhandlungen : Ohne Qualen geht es nicht

          Theresa May flehte diese Woche in Berlin, Paris und Brüssel um Hilfe bei den Brexit-Verhandlungen. Die Europäer blieben hart. Aber sie gaben sich Mühe, nett zu sein.
          Erst mal shoppen in der Stadt, dann zu Hause noch bei Zalando bestellen.

          Geld in der Partnerschaft : Hilfe, meine Frau wirft das Geld raus!

          In Gelddingen zeigt sich oft die Wahrheit über eine Beziehung, sagen Paartherapeuten. Aber wer wird denn gleich an Scheidung denken, wenn die Ehepartnerin über die Verhältnisse lebt?
          Für mehr Recht und Ordnung im eigenen Land: Macron will härter gegen kriminelle Ausländer vorgehen.

          Macrons Abschiebekurs : Mit harter Hand

          Der brutale Mord an zwei jungen Frauen durch einen illegalen Einwanderer erschüttert Frankreich. Nun plant Präsident Macron konsequenter bei der Abschiebung krimineller Ausländer durchgreifen. Doch die Umsetzung gestaltet sich schwerer als gedacht.

          SPD : Der wahre Sieger der Bundestagswahl

          So ein bisschen freuen sich die Sozialdemokraten über das katastrophale Ergebnis der Bundestagswahl. Endlich sind sie die Union los. In der Opposition soll alles besser werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.