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Veröffentlicht: 11.11.2016, 12:24 Uhr

„Augmented Reality“ Science-Fiction für Patienten

Seit dem Erfolg von „Pokémon Go“ können wir uns unter „Augmented Reality“ wenigstens etwas vorstellen. Die erweiterten Realitäten sind aber nicht nur zum Spielen da. Sie können auch heilen.

von Catalina Schröder
© dpa Mit einer Spezialbrille in anderen Welten sein: Eine Frau testet „Augmented Reality“.

Früher musste Andreas Mühlberger mehrere Spinnen in der Zoo-Handlung kaufen. Heute macht er sich die Tiere einfach selbst. Ein bisschen langbeiniger, etwas haariger, vielleicht etwas fetter? Wer Angst vor Spinnen hat, den gruselt es schon bei der bloßen Beschreibung der Krabbeltiere. Doch genau um diese ängstlichen Menschen geht es Mühlberger. Er ist 45 Jahre alt und Professor am Institut für Psychologie, Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Regensburg und forscht zu der Frage, wie sich die Angst vor Spinnen und andere Phobien mit Hilfe von Virtual und Augmented Reality therapieren lassen.

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Augmented Reality - auf Deutsch: erweiterte Realität - kennen die meisten spätestens seit Pokémon Go. Die Technik ermöglicht es, dem Nutzer eingebettet in seine reale Umgebung zusätzliche und digitale Informationen auf einem Display anzuzeigen - beispielsweise mit Hilfe der Handykamera oder einer speziellen Datenbrille. Bei Pokémon Go sieht der Nutzer auf seinem Display zum einen die Straße, über die er gerade läuft. Hinter dem Baum oder dem Auto aus der echten Welt werden ihm zudem die kleinen Monster animiert, die er einfangen muss.

Virtual Reality, die virtuelle Realität also, geht noch einen Schritt weiter und versetzt den Nutzer mit Hilfe eines sogenannten Head Mounted Display (HMD) - eines Bildschirms, den man mit Hilfe einer Spezialbrille unmittelbar vor den Augen trägt - komplett in eine virtuelle Umgebung.

Simulierte Angst

Mühlberger und seine Kollegen an der Universität Regensburg lassen mit diesen Techniken Spinnenphobiker auf Krabbeltiere treffen und schicken Menschen mit Höhenangst über virtuelle Brücken. Sie lassen Probanden mit Flugangst simulierte Turbulenzen erleben und Sozialphobiker mit fremden Menschen Unterhaltungen in virtuellen Bars führen.

Was nach „Star Wars“ und Science-Fiction klingt, wird in der Medizin und Psychotherapie teilweise schon seit mehr als zehn Jahren erforscht. Praxistauglich sind erste Anwendungen jedoch erst in den vergangenen Jahren geworden. „Augmented und Virtual Reality sind die Zukunft der Medizin“, sagt Nassir Navab, Leiter des Lehrstuhls für Informatikanwendungen in der Medizin und Augmented Reality an der Technischen Universität München.

 
Mit Simulation seine Ängste bekämpfen? Augmented Reality hilft Patienten bei der Konfrontationstherapie.

42832886 © PantherMedia / MP 2 Vergrößern Mit Hilfe einer VR-Brille lassen sich Phobien und Schmerzen bekämpfen.

Ist das übertrieben? Dass künstliche Realitäten bei der Behandlung von Phobien helfen können, ist ja noch vorstellbar. Tatsächlich geht aber noch viel mehr. Die Methoden lassen sich zum Beispiel auch bei der Therapie von Schmerzpatienten nutzen, in komplexen Operationen oder bei der Ausbildung von Ärzten und Pflegepersonal.

Konfrontationstherapien werden günstiger und furchtloser - aber auch so gut wie die echten?

Mühlberger, der Mann mit den Spinnen, sieht in den virtuellen Therapiemöglichkeiten viele Vorteile: Bei Phobien wie Flugangst sei eine Behandlung in der Realität mit hohem Aufwand und großen Kosten verbunden. Virtuell sei das alles viel leichter: Niemand muss tatsächlich in ein Flugzeug steigen. Auch die Arbeit beispielsweise mit Spinnenphobikern ist, so erzählt es Mühlberger, für einen Therapeuten mit einem virtuellen System deutlich einfacher - allein schon, weil er sich keine Spinnen in seiner Praxis halten muss.

„Außerdem können wir die Therapie individueller auf den einzelnen Patienten einstellen“, sagt Mühlberger. Denn Konfrontationstherapien funktionieren nur, wenn der Betroffene seine Angst zunächst aushält. Bleibt er länger in dieser Situation, sinkt sein Angstlevel. Therapeuten können auf diesen Fortschritt reagieren, indem sie die simulierten Turbulenzen im Flugzeug bei der nächsten Sitzung etwas heftiger oder die Spinne etwas größer werden lassen.

Mühlberger und seine Kollegen haben bei der Befragung von Probanden noch einen anderen positiven Effekt festgestellt: Mit dieser Methode würden sich auch viele Menschen behandeln lassen, für die eine Therapie sonst eher nicht in Frage kommt. Ein Grund: Mit der neuen Technik müssen sie sich nicht in aller Öffentlichkeit therapieren lassen. Wenn ein Mensch mit Flugangst in eine vollbesetzte Maschine steigt, kann er seine Furcht meist nur schlecht verbergen.

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