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Aufklärung Die Schule gegen Schüchternheit

16.02.2005 ·  Wer sich eine Cola in der mobilen Kneipe des Aids-Prävention-Teams kauft, bekommt ein Kondom gratis. Die Aufklärung beginnt in Kambodscha auf der Straße und in der Schule. Dort bekommen die Kinder Präservative zugesteckt.

Von Peter-Philipp Schmitt, Phnom Penh
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Schneller als die Straßenkinder sind nur die Moskitos. Die Kinder treibt die Neugier, kaum daß der kleine weiße Transporter parkt und die jungen Frauen und Männer, die aus dem Wagen klettern, sich der zahlreichen Blutsauger erwehren müssen.

Noch ist es zu früh am Abend, die eigentliche Zielgruppe des PS-Teams (“Play Safe“) - jung, gebildet, wohlhabend - kommt erst, wenn es dunkel ist und sich die Türen der Diskothek „Chenla“ auf der anderen Straßenseite geöffnet haben. Wer will oder sich vielleicht doch schon ins Nachtleben von Phnom Penh gestürzt hat, kann sich bereits jetzt die Zeit mit Karaoke vertreiben.

Ungewollte Assoziationen

In nur fünf Minuten entsteht eine mobile Kneipe: Das Dach des Busses läßt sich hoch- und die Beifahrerseite aufklappen. Im Innern verbirgt sich eine Theke sowie ein Dutzend Barhocker und Tische, die geschwind auf dem Bürgersteig aufgereiht werden. Sobald die ersten Musikvideos über einen Bildschirm flimmern, sind Ros Vantha, der Projektmanager von „Play Safe“, und seine Handvoll Freiwilliger von einer Menschenmenge umringt. „Don't Let Shyness Harm Your Health“ steht auf einem Poster: Wer zu schüchtern ist, beim Sex mögliche Risiken anzusprechen, schadet sich nur selbst, lautet die Botschaft, die auch in Form von Broschüren verteilt wird.

Passend dazu bekommt jeder, der sich eine Cola für 800 Riel (etwa 15 Cent) kauft, ein Kondom gratis. Nicht irgendein Kondom, sondern eines der Marke „ok“. Noch vor kurzem seien in Kambodscha „Number One“ verteilt worden, erzählt Ros Vantha. Der Name habe aber ungewollte Assoziationen geweckt. „Viele dachten, ,Number One' seien vor allem für Prostituierte.“

„Wenn ihr Sex habt, vergeßt das Kondom nicht“

Aids geht alle etwas an. Das weiß offenbar mittlerweile auch der im Gesundheitsministerium zuständige Staatssekretär: „Ich sage immer: Wenn ihr aufs Land geht, vergeßt das Moskitonetz nicht. Wenn ihr Motorrad fahrt, vergeßt den Helm nicht. Und wenn ihr Sex habt, vergeßt das Kondom nicht.“ So einfach ist das für Mam Bunheng. Moskitonetze scheint es allerdings im ganzen Land kaum zu geben, und Helme werden zwar an vielen Straßen Phnom Penhs und auch in den kleineren Provinzstädten zum Kauf angeboten, als Kopfschutz dienen sie den meisten Motorradfahrern allerdings nicht.

Nur Kondome kommen vermehrt zum Einsatz. Noch gibt es sie zwar nicht im Überfluß, auch wenn eine Regierungskampagne „100 Prozent Kondome“ verspricht. Doch immerhin gibt es so viele, daß die Ansteckungsraten in dem von Aids besonders schwer getroffenen Land leicht zurückgegangen sind. Nach Angaben von UNAIDS lag die Verbreitungsrate von HIV etwa unter kambodschanischen Prostituierten 1998 noch bei 42,6 Prozent. Im Jahr 2002 war sie auf 28,8 Prozent gesunken.

Der Tourismus boomt

Auch sonst hat der Staat Kambodscha, wie die einstige Volksrepublik Kampuchea seit 1989 offiziell genannt wird, einige Erfolge vorzuweisen: Das Land ist wieder Mitglied der internationalen Staatengemeinschaft, die seit einigen Jahren großzügige Entwicklungshilfe leistet; die Wirtschaft erholt sich, der Tourismus boomt. Im vergangenen Jahr waren erstmals mehr als eine Million Besucher in dem kleinen Königreich mit seinen rund 13 Millionen Einwohnern.

Obwohl mittlerweile Dutzende von internationalen Hilfsorganisationen in dem Land vertreten sind, leben noch immer 30 Prozent der Kambodschaner unter der Armutsgrenze (ein Lehrer verdient etwa 25 bis 30 Dollar im Monat), die Säuglings-, Kinder- und auch Müttersterblichkeit ist so hoch wie nur in wenigen anderen asiatischen Ländern, und die Lebenserwartung liegt bei nur 55Jahren.

Probleme importiert?

Böse Zungen in Kambodscha behaupten, die ausländische Hilfe hätte dem Land erst einige seiner heutigen Schwierigkeiten eingebrockt - unter anderen die Vereinten Nationen, die sich nach der blutigen Herrschaft der Roten Khmer und der vietnamesischen Besatzung 1991 in die Pariser Friedensverhandlungen eingeschaltet hatten. UNTAC (“United Nations Transitional Authority in Cambodia“) hieß damals eine von der UN organisierte Übergangsbehörde. Einige Kambodschaner allerdings behaupten, die Abkürzung stehe für „United Nations Trading Aids in Cambodia“.

Tatsächlich hat sich das HI-Virus erst im Laufe der neunziger Jahre ausgebreitet, nachdem die Vereinten Nationen 22.000 Mann aus 47 Staaten entsandt hatten. Und auch Prostitution und Drogenhandel nahmen damals massiv zu. Derzeit hat kein anderes Land der Welt außerhalb Afrikas mit Aids mehr zu kämpfen als Kambodscha - weit mehr als ein Prozent der Bevölkerung (rund 170000Menschen) ist nach Angaben von UNAIDS HIV-positiv (in Deutschland liegt die Zahl bei 0,05 Prozent). Eines der Hauptprobleme ist die mangelnde Aufklärung. Fast zwei Drittel der Einwohner Kambodschas sind unter 25 Jahre alt.

„Sexual and reproductive health“

In großen, vergitterten Lastwagen werden Kinder und Jugendliche morgens auf ein ehemaliges Fabrikgelände mitten in Phnom Penh gebracht. Einer nach dem anderen klettern sie von der mit einer Plane überdachten Ladefläche hinunter und verteilen sich über die ganze Anlage, die seit gut zehn Jahren zum Hilfsprojekt Mith Samlanh gehört: Die kleinsten gehen in die Vorschule, daneben lernen die etwas größeren Lesen, Schreiben, Englisch, Mathematik und werden auf ihren künftigen Beruf vorbereitet.

Die großen arbeiten vorne links im Schönheitssalon, hinten beim Friseur oder in der Restaurantküche direkt an der Straße, einige reparieren in einer der Hallen Autos, Motorräder, Fernseher und Radios, andere nähen Kleider oder schweißen Metallmöbel zusammen. Mindestens zweimal in der Woche steht für alle Sport auf dem Stundenplan: Fußball, Volleyball, Basketball. Und noch etwas bekommen die ehemaligen Straßenkinder beigebracht: „sexual and reproductive health“.

Ein Ziel und eine Aufgabe geben

Begründet wurde das Projekt Mith Samlanh von drei Touristen. Sebastien Marot, Barbara Adams und Mark Turgesen waren 1994 nur auf der Durchreise, als sie im wahrsten Sinne über Straßenkinder stolperten. So fingen sie an, Lebensmittel zu kaufen und in ihren Hotelzimmern Reis zu kochen. Bald schon entschlossen sie sich, den Kindern langfristig zu helfen. Marot blieb in Phnom Penh und baute das Projekt Mith Samlanh auf, was übersetzt „Freunde“ heißt.

Im zehnten Jahr ihres Bestehens konnte die von der kambodschanischen Regierung, vor allem aber von Hilfsorganisationen wie dem Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA - „United Nations Population Fund“) geförderte Unternehmung eine erstaunliche Bilanz ziehen: Innerhalb einer Dekade verließen mehr als 2000 Kinder die Straßen der kambodschanischen Hauptstadt, um bei Mith Samlanh zur Schule zu gehen und danach eine Ausbildung zu absolvieren. Allein im Jahr 2003 nutzten 709 Kinder, unter ihnen 223 Mädchen, diese Chance. Auch für Touristen ist das Hilfsprojekt zu einem Anziehungspunkt geworden: Im Laden an der Straße werden selbsthergestellte Produkte verkauft, und das „Friends Restaurant“, von ehemaligen Straßenkindern geleitet, ist fast immer überfüllt. Der hauseigene Catering-Service beliefert mittlerweile sogar einige der ausländischen Botschaften mit Speisen.

Sie schnüffeln Klebstoffe

Mith Samlanh schätzt, daß etwa 25.000 Kinder und Jugendliche auf den Straßen der 1,2-Millionen-Einwohner-Metropole Phnom Penh leben. Oft wurden sie von ihren Familien verstoßen oder sogar „verkauft“. 10.000 bis 15.000, so offizielle Schätzungen, verdienen sich ihr Geld als Prostituierte, obwohl drakonische Strafen angedroht werden: „Mißbrauchst du ein Kind in diesem Land, dann gehst du dafür in deinem Heimatland ins Gefängnis“, steht auf Plakatwänden, die vor allem an der zwei Kilometer langen Flußpromenade am Tonle Sap aufgestellt wurden, wo sich die meisten Touristen abends aufhalten.

Mith Samlanh hat festgestellt, daß fast 80 Prozent der Jugendlichen in ihren Programmen Erfahrungen mit Drogen haben: Sie schnüffeln Klebstoffe, sniffen oder schlucken Amphetamine, neuerdings auch Methamphetamine (aus Myanmar und China) und injizieren Heroin, indem sie immer wieder dieselben Nadeln verwenden: Etwa 40 Prozent der Kinder, die den Weg zu Mith Samlanh finden, haben Aids.

„Sexualkundeunterricht“

Südlich von Phnom Penh, im Distrikt Kandal Stoeng, steht in der Hun-Sen-Kampong-Schule ebenfalls seit einiger Zeit „Sexualkundeunterricht“ mit dem Schwerpunkt HIV/Aids auf dem Stundenplan. In dem Projekt, das von UNFPA und der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung gefördert wird, werden „peer educator“ ausgebildet. Die 26 Mädchen und Jungen tragen alle das gleiche orangefarbene T-Shirt, damit sie leichter zu erkennen sind. Die 16 Jahre alte Kem Sopha erzählt, ihre Mutter habe schon früh offen über Sex gesprochen und der Tochter geraten, stets ein Kondom zu verwenden. Der zwei Jahre ältere Mao Sopheak hingegen hat zu Hause kaum etwas mitbekommen. Seine Mutter habe immer gesagt: „Das geht dich gar nichts an, das ist ein Frauenthema.“

Sex, Familienplanung, Aids sind in vielen Familien noch kein Thema. Und das, obwohl die meisten Kambodschaner Buddhisten sind: Die Religion verheißt demjenigen Gutes, der es versteht, seinen Partner auch im Bett glücklich zu machen. „Wir haben viel weniger Probleme als in Afrika“, sagt Bettina Maas von UNFPA. Dort behindere die katholische Kirche die Arbeit, weil sie den Kondomgebrauch verurteile.

„Danach fragt keiner“

In Kambodscha ist es genau umgekehrt: Nonnen und Mönche, die eine besondere Wertschätzung in der Gesellschaft genießen, übernehmen die Aufklärungsarbeit. Die Menschen kommen in die Klöster, um mehr über das Thema Aids zu erfahren. Das hat sich auch die Lehrerin Tith Davy zunutze gemacht, als sie vor acht Jahren die Organisation „Operation d'Enfant de Battambang“ (OEB) gründete. Die heute Sechsundfünfzigjährige bildet mit einem kleinen Team Mönche aus, die wiederum die Einwohner der zweitgrößten Stadt Kambodschas, Battambang, unterrichten.

Doch die Mönche sind schüchtern: „Die ersten Tage trauen sie sich meist nicht, auch nur ein Wort zu sagen“, berichtet Tith Davy. Erst nach und nach wagen sie sich an das heikle Thema, obwohl viele Mönche durchaus ein Vorleben haben und sie oft nur wegen der Armut ihrer Familien einem Kloster beigetreten sind. Einige sind wohl selbst mit HIV infiziert, da ist sich die OEB-Direktorin sicher: „Aber danach fragt hier natürlich keiner.“

Spielerisch lernen

Wie verschämt die Mönche mit dem Thema umgehen, zeigt ein Aids-Quiz, das sie miteinander spielen. Dazu stellen sie sich in einem Kreis auf. Einer muß in ihre Mitte und versucht nun, einen anderen mit Fragen zum Lachen zu bringen. Wer lacht, hat verloren und muß den Kreis verlassen. Und gelacht wird meist dann, wenn es um Sex und Frauen geht. Solche Fragespiele gehören zum festen Repertoire des „Sexual-and-reproductive-health“-Unterrichts. Häufig dienen sie ganzen Schulklassen zur Sonntagsunterhaltung: etwa in Siem Reap, der kleinen Provinzhauptstadt im Norden Phnom Penhs. Hunderte Schüler sind gekommen und sitzen nun vor einer Bühne im Sand. Am Rand hat die lokale Prominenz auf Stühlen Platz genommen und verfolgt das Geschehen. Es wird gesungen, kleine Stücke werden aufgeführt, eine Modenschau sorgt für zusätzliche Unterhaltung.

Dann werden fünf Jugendliche auf die Bühne geholt. Über ihren Köpfen schweben Luftballone, in denen sich Fragen verbergen. Einer nach dem anderen wird zerstochen: „Wie viele Distrikte hat die Provinz Siem Reap?“ „Dreizehn“, gibt ein Mädchen die richtige Antwort. Schließlich ist nur noch ein Ballon übrig: „Was machst du, wenn dein Kondom beim Geschlechtsverkehr platzt?“ - „Wir hören auf, reinigen unsere Körper und gehen zum Arzt“, antwortet der Zwölfjährige. Die Zuschauer applaudieren. Auch der Jüngste auf der Bühne hat in der Schule gut aufgepaßt. Dafür hat er sich einen Preis verdient: Buntstifte. Und noch etwas bekommt er wie selbstverständlich zugesteckt: ein Kondom.

Quelle: F.A.Z., 17.02.2005, Nr. 40 / Seite 11
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Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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