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Arbeitsbedingungen in der Chirurgie Auch der Halbgott braucht mal eine Pause

10.02.2012 ·  Für viele Berufe sind Pausen vorgeschrieben. Nur Chirurgen dürfen pausenlos operieren, solange sie wollen. Ein Projekt an der Medizinischen Hochschule in Hannover will das ändern.

Von Lucia Schmidt, Hannover
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© dpa Und jetzt ist Pause: Der Direktor der Klinik für Kinderchirurgie an der Medizinischen Hochschule Hannover, Benno Ure (links), und sein Team bei einer Operation

Ein fensterloser Raum, hellgrün gekachelt bis zur Decke, der Boden ausgelegt mit sandfarbenem Linoleum, in der metallenen Schiebetür spiegelt sich das Licht der Neonröhren, überall murmelnde Stimmen, regelmäßig piepsen Blutdruckmessung und EKG-Gerät. Immer wieder klingelt in der Tasche des Anästhesisten ein Handy und durchbricht rücksichtslos die konzentrierte Stimmung im Operationssaal der Hannoveraner Kinderklinik. „Pause“, ruft plötzliche eine feste Männerstimme. Das Gemurmel wird lauter, grün bedeckte Köpfe schauen hoch und bewegen sich vorsichtig vom Operationstisch weg hin zu kleinen schwarzen Hockern.

Seit 40 Minuten operieren Benno Ure, der Chefarzt der Kinderchirurgie an der Medizinischen Hochschule in Hannover, und sein Team einen einwöchigen Säugling, der mit einem großen Loch im Zwerchfell zur Welt gekommen ist. „Eine solche Operation auf kleinster Fläche verlangt ein hohes Maß an Konzentration von den beteiligten Chirurgen“, sagt Ure und setzt sich zu seinen beiden Assistenten auf die niedrigen Drehhocker. Dabei halten sie Arme und Hände dicht am Körper, um sich nicht unsteril zu machen. Ure schließt die Augen, die beiden anderen Chirurgen entspannen die Nackenmuskeln und tauschen mit der Operationsschwester ein paar belanglose, aber heitere Sätze aus.

„Die subjektive Einschätzung bestätigt die objektiven Parameter“

Nach einigen tiefen Atemzügen schaut Ure zur Uhr auf der anderen Seite des Raums. „Weiter geht’s“, sagt er und kehrt zum Operationstisch zurück. Vor ihm und seinem Team liegen, wenn alles nach Plan läuft, noch etwa 90 Minuten höchster Anspannung, bevor der Säugling mit einem kleinen Netz im Zwerchfell die Chance bekommt, gesund aufzuwachsen.

Was in Hannover zum Alltag der Chirurgen gehört, ist in den meisten deutschen Operationssälen undenkbar. Mehrstündige Eingriffe ohne Pause sind die Regel - obwohl eine Studie der Medizinischen Hochschule in Hannover ergeben hat, dass Chirurgen, die kurze Pausen einlegen, weniger Fehler machen. Die Studie erfasst 50 minimalinvasive Eingriffe bei Kindern. Während dieser Operationen legten die Mediziner alle 25 Minuten eine fünfminütige Pause ein. „Dabei haben wir uns an dem Sherpa-Schema orientiert: Bergsteiger, die bei anstrengenden Kletterabschnitten kurze Pausen einlegen, kommen sicherer zum Gipfel.“

Bei den Chirurgen wurden während der Operationen die Herzfrequenz und über Speicheltests die Konzentration von Stresshormonen gemessen. Außerdem mussten sich die Operateure vor und nach dem Eingriff Leistungs- und Konzentrationstests unterziehen. Das Ergebnis war für die Mediziner überraschend. Die Chirurgen, die mit Pausen operierten, schütteten weniger Stresshormone aus als ihre Kollegen in der Kontrollgruppe, die durchoperierten. Auch machten sie bei den Konzentrationstests dreimal weniger Fehler. „Die subjektive Einschätzung bestätigt die objektiven Parameter“, sagt Ure. „Ich fühle mich nach fünf Stunden Operation mit Pausen lange nicht so kaputt wie nach pausenlosen Eingriffen.“

Erhöhte Burn-out-Gefahr für Unfallchirurgen

Und der Patient? Ob die Pausen Einfluss auf ihn haben, sollen weitere Studien herausfinden. „Aber die Operationszeit und damit auch die Narkosezeit verlängert sich durch die Unterbrechungen insgesamt nicht. Offensichtlich holt man durch die gesteigerte Konzentration die Zeit wieder rein“, sagt der Chefarzt.

Was aus der Not und der eigenen Unzufriedenheit geboren wurde, ist in Hannover mittlerweile zur Regel geworden. Ob andere Kliniken das systematische Pausieren übernommen haben, ist Ure und seinen Kollegen nicht bekannt. „Für viele Chirurgen gehören Pausen nicht zum Bild des Halbgottes in Weiß. Ganz nach der Devise: Helden brauchen keine Pause.“

Die Chirurgen in Hannover werden von einigen Kollegen sogar „Weicheier“ genannt, wenn auch augenzwinkernd. Für Ure ist das unverständlich. Eine amerikanische Studie habe ergeben, dass mehr als die Hälfte der Unfallchirurgen irgendwann unter Burn-out leiden. Die statistische Auswertung von Arztfehlern der Bundesärztekammer ergab für das Jahr 2010: Die meisten Behandlungsfehler-Vorwürfe richten sich gegen Chirurgen, vor allem Unfallchirurgen.

Vom Nachwuchsmangel geplagt

Bei Fluglotsen, Fabrikarbeitern, Zugführern oder Lastwagenfahrern seien Pausen gesetzlich vorgeschrieben, nur beim Operieren am lebenden Menschen könne das jeder handhaben, wie er wolle, heißt es in Hannover. Hans-Peter Bruch, der Präsident des Berufsverbandes der Deutschen Chirurgen, ist offen für die Ergebnisse aus Hannover. „Ich halte Pausen bei langen Operationen von fünf bis sechs Stunden für absolut wichtig“, sagt der Lübecker Chirurg. „Allerdings glaube ich, dass längere Pausen, in denen man vom Operationstisch wegtritt, den OP vielleicht sogar verlässt, um etwas zu trinken und zu essen, effektiver sind.“ Das ist auch in Hannover bekannt. „Aber darum geht es uns nicht. Es geht vielmehr um regelmäßige systematische Kurzpausen während der hohen kognitiven Belastung durch eine Operation.“ Auch für Bruch gibt es noch einiges zu tun, um „chirurgische Arbeit menschlicher und ergonomischer zu machen“. Dem stehe in vielen Kliniken aber die angespannte Finanzlage des Gesundheitssystems entgegen.

Fast nichts würde es kosten, gegen den Lärm im Operationssaal vorzugehen. „Manchmal sind bis zu 15 Menschen in einem OP, dann klingeln Telefone, Türen gehen auf und zu, die Klimaanlage läuft, und natürlich ertönen die akustischen Signale der Anästhesie-Überwachung“, sagt Ure. „Das alles macht nach unseren Messungen eine Lärmlast aus, wie wenn in zehn Metern Entfernung ein Rasenmäher in Betrieb wäre.“ Der Lärm liege über der Grenze, die in der Schweiz für „Konzentrationsarbeitsplätze“ gelte.

Gelegentliche Pausen und angenehmere Arbeitsbedingungen sind vor allem für junge Ärzte wichtig, die ohnehin schon unter dem Stressfaktor Unerfahrenheit leiden. Sie könnten auch dem Nachwuchsmangel entgegenwirken, von dem die Berufsgruppe geplagt ist. Laut dem Berufsverband der Deutschen Chirurgen werden in den kommenden zehn Jahren die Hälfte der niedergelassenen und ein Drittel der Krankenhauschirurgen in den Ruhestand gehen. Fast 10.000 Stellen müssten neu besetzt werden, jedes Jahr müssten sich zehn bis zwölf Prozent der Medizinabsolventen für die Chirurgie entscheiden. Zurzeit gibt es pro Jahr aber nur 500 Berufseinsteiger.

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