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Altersforschung Mit 70 ein Kind, mit 80 Jugendlicher

06.02.2004 ·  Das Wunder der Gegenwart: das lange Leben auf Okinawa fasziniert die Forscher. Aber der Einfluß der westlichen Welt dringt langsam bis in die entferntesten Ecken Okinawas - das Paradies ist in Gefahr.

Von Anne Schneppen, Okinawa
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"Vor zwei Jahren stand ich noch jeden Tag am Strand und machte meine Morgengymnastik. Jetzt sagt meine Familie, ich soll nicht allein über die Straße gehen, das sei gefährlich, und so bleibe ich eben im Garten." Ushi Okushima schüttelt den Kopf. Kein Zweifel, daß sie die Fürsorge ihrer Verwandten für übertrieben hält. "Noch einen?" fragt sie mit freundlicher Bestimmtheit und füllt die Keramikbecher schon aufs neue mit ihrem selbstgebrauten Lebenselixier. "Jeden Abend ein Kräuterschnaps, und ich schlafe wie ein Kind. Kein Wunder, daß ich so gesund geblieben bin."

Die Gäste, die Ushi Okushima in ihrem kleinen Holzhaus bewirtet, glauben ihr aufs Wort. Die muntere alte Frau ist immerhin 102 Jahre und eine Instanz in Fragen des gesunden Alterns. Weit über ihr Heimatdorf Ogimi hinaus reicht ihr Ruf, selbst im fernen Tokio ist sie auf Postern zu bewundern, fährt überlebensgroß auf Bussen durch die Hauptstadt: mit einem Strohhut auf dem Kopf und Rettich in der Hand wirbt sie für das Gemüse ihrer Heimat Okinawa, für die Insel der Hundertjährigen. "Kampai", sagt die vierundzwanzigfache Urgroßmutter: "Auf ein langes Leben!"

Das Wunder der Gegenwart

Okinawa: eine Inselgruppe im Pazifischen Ozean, 1.500 Kilometer von Tokio entfernt. Ein altes Königreich, dem die Geschichte übel mitspielte. Austragungsort der letzten großen Schlacht des Zweiten Weltkriegs. Erobert, besetzt und 1972 an Japan zurückgegeben. Amerikanische Militärbasis. Ärmste Präfektur Japans. Das sind die Fakten der Geschichtsbücher.

Als Ushi Okushima geboren wurde, regierte in Japan noch gottesgleich Kaiser Meiji. Als die Japaner Pearl Harbor angriffen, war sie 39 Jahre alt. Vier Jahre später verlor sie ihren Mann im Kampf um Okinawa. Ushi könnte Historikern viel erzählen. Aber die Forscher, die von überallher zu ihr strömen, interessieren sich nicht für die Vergangenheit, sondern für das Wunder der Gegenwart: das lange Leben auf Okinawa.

Die Okinawa-Diät in vier Wochen

Nirgendwo sonst gibt es so viele Hundertjährige: 44 auf 100.000 Einwohner - oder rund 500 in einer Bevölkerung von 1,3 Millionen. Die Frauen von Okinawa halten mit durchschnittlich 86 Jahren den Rekord der höchsten Lebenserwartung der Welt. Viele Zivilisationskrankheiten, die im Westen das Leben vorzeitig beenden, sind auf dem Archipel so gut wie unbekannt. Es gibt kaum Herz- oder Kreislauferkrankungen, die Krebsrate zählt zu den niedrigsten der Welt. Alzheimer ist weit weniger verbreitet als auf den vier japanischen Hauptinseln.

Seit Jahrzehnten pilgerten Wissenschaftler von einem vermeintlichen irdischen Paradies zum anderen, von den Bergen des Kaukasus zu den ekuadorianischen Anden. Doch die Berichte vom sagenhaften Altern erwiesen sich entweder als maßlos übertrieben oder ließen sich nicht nachweisen. Anders in Okinawa, wo seit 125 Jahren jede Gemeinde ein Familienmelderegister führt mit verläßlichen Daten zu Geburt, Heirat und Tod. Im Jahr 2001 erschien, herausgegeben von einem amerikanisch-japanischen Forscherteam, das 484 Seiten starke Buch "The Okinawa Program", Ergebnis einer 25-Jahres-Studie mit einem Leitfaden für Nachahmungswillige: die Okinawa-Diät in vier Wochen. Seither bedarf die wundersam hohe Lebenserwartung auf den abgelegenen Pazifikinseln keines Marketings mehr.

Viele kleine Portionen

Was aber ist das Geheimnis der Greise? "Eine Mischung aus einer Vielzahl von Faktoren: Eßgewohnheiten, Klima, Lebensstil, Bewegung, Schlafgewohnheiten", sagt Professor Kazuhiko Taira, Altersforscher an der Ryukyu-Universität. "Aber entscheidend sind die Eßgewohnheiten." Gilt die fettarme japanische Kost schon als besonders gesund und ausgewogen, dann ist die - auch von China beeinflußte - Küche Okinawas aus Sicht der Fachleute geradezu vorbildlich.

Auf Okinawa wird viel gelbes und dunkelgrünes Gemüse gegessen, Bohnen und Tofu (Sojabohnenquark), extrem wenig Salz. Meeresalgen und Seetang runden das Mahl ab, zu dem regelmäßig auch Schweinefleisch gehört. "In Maßen" verzehrt, hält Taira dies "für sehr wichtig für die Gesundheit". Das richtige Maß bedeutet in Okinawa: Nicht essen bis zur Sättigung, sondern bis der Magen zu 80 Prozent voll ist. Und dies in vielen kleinen Portionen.

Warmes, ausgeglichenes Klima

Zur abwechslungsreichen Ernährung kommt die geistige und körperliche Beweglichkeit. Ein "Pensionsalter" kennt man hier traditionell nicht, bis ins hohe Alter wird das Feld vor dem Haus bestellt, fährt der Fischer aufs Meer. "Viele Senioren haben das Gefühl, daß ihr Leben erst durch die Arbeit lebenswert ist", sagt Taira. "So lange sie sich bewegen, am Gemeinschaftsleben, an sozialen Aktivitäten teilhaben können, sind sie zufrieden." Eine wichtige Rolle spielt auch der Schlaf, nicht nur nachts, auch mittags gönnt man sich ein wenig Ruhe.

"Obwohl die meisten Alten allein leben oder mit einem ebenfalls betagten Partner, ist ihr Leben nicht einsam oder ruhig. Sie unterhalten enge Beziehungen zu Kindern, Enkelkindern und Freunden." Auch das warme, ausgeglichene Klima, glaubt Taira, trägt zum Wohlbefinden bei: Die Differenz zwischen dem heißesten und dem kältesten Monat beträgt nur 12 oder 13 Grad, so daß man sich das ganze Jahr über draußen aufhalten, spazierengehen und Sport treiben kann. Seine Erkenntnisse schöpft der Professor aus der Feldforschung in Ogimi, einem Ort, der das Herz eines jeden Gerontologen höher schlagen läßt.

Unabhängig von den Kindern

"Mit 70 bist du ein Kind, mit 80 ein Jugendlicher, und mit 90, wenn dich deine Ahnen in den Himmel rufen, bitte sie zu warten, bis du 100 bist - dann könntest du drüber nachdenken." Mit diesem Sprichwort auf einem Steinblock empfängt das "Dorf der Hundertjährigen" seine Gäste. Mehr als vierzig Besuchergruppen aus dem In- und Ausland zählte Bürgermeister Yoshihisa Shimabukuro im vergangenen Jahr, auch eine Delegation des Bundestags-Ausschusses für Familie, Senioren, Frauen und Jugend war schon da.

Der Bürgermeister, ein freundlicher Mann mit weißem Haar, verteilt Broschüren, die die Vorzüge seiner Gemeinde preisen, zitiert aus der Statistik und wirkt schon ein bißchen müde angesichts des Rummels. 3.500 Menschen leben in Ogimi, 450 sind älter als 80 Jahre, ein Dutzend - elf Frauen und ein Mann - ist sogar über hundert. Zwei wohnen allein, die anderen im Altersheim oder mit Verwandten zusammen. "Ich möchte betonen, daß unsere Dorfbewohner einen ausgesprochen großen Gemeinschaftssinn haben", sagt Shimabukuro, der seine Gäste natürlich mit einem Sprichwort entläßt: "In Japan sagt man: Wenn man hochbetagt ist, soll man dem Rat der Kinder folgen. Aber bei uns heißt es: Die Alten sollen sich von den Kindern nicht abhängig machen."

Konkurrenz um die beste Ernte

Ogimi ist ein hübsches Dorf in malerischer Lage zwischen Meer und üppig grünen Hügeln. Kleine Holzhäuser mit Ziegeldächern säumen die Wege, in den Gärten blühen Blumen. Bis in die sechziger Jahre hielt sich jede Familie ein Schwein, heute kommt das Fleisch vom Metzger, aber noch immer lebt das Dorf zur Hälfte von Fischerei, zur Hälfte von Landwirtschaft.

Im Gemeindezentrum haben sich die Mitglieder des Seniorenklubs zusammengefunden. Man trifft sich zum Volkstanz, zum Musizieren oder zum Gateballspiel. Die Männer können kochen lernen, für die Frauen werden Schminkkurse angeboten. "Wir können das Arbeiten nicht lassen", sagt Mitsunori Miyagi, der Vorsitzende des Klubs, mit 74 Jahren ein Junior. Die ehemaligen Bauern konkurrieren noch auf dem "Altenteil" um die beste Ernte: Den ersten Preis des Dorfwettbewerbs gewinnt der mit der größten Bittergurke.

Statt Alkohol gibt es Tee

Ein Besuch in Ogimi wäre nicht vollständig ohne ein Essen im "Emi no Mise". In ihrem kleinen Restaurant direkt an der Uferstraße serviert Emiko Kinjo jene Kost, die angeblich das Leben verlängert. Je mehr Neugierige nach Ogimi pilgern, desto besser geht das Geschäft. Die Haare unter einem Kopftuch zurückgebunden, steht Frau Kinjo im Gastraum und erklärt die Gerichte, die sie nach überlieferten Rezepten zubereitet. Da gibt es die unglaublich sauren grünen Limetten, die mittlerweile für ein Zwanzigfaches des Preises in Tokio gehandelt werden. Die pickelige Bittergurke "Goya", ein kulinarisches Wahrzeichen Okinawas. Den Tofu, der neben Meeresalgen auch geraspelte Karotten und gebackene Schweinehaut enthält.

Hinter "Sururu" verbirgt sich ein Teller kleiner gekochter Fische, die man im ganzen verspeist. Die "goldenen Nudeln" sind aus Buchweizen, mit Limone gewürzt. Das delikate "Papaya Champuru" besteht aus fritierter Papaya, Rettich und anderen Gemüsen. "Kanda-bausachi" ist ein essiggetränktes Süßkartoffelblatt. Mehr als ein Dutzend kleine Speisen - die meisten vegetarisch, fast alle kalorienarm - füllen das Tablett. Statt Alkohol gibt es Tee, aus einer Wurzel gebraut.

Gesundheitsparadies Okinawa

Japan ist das Land mit der höchsten Lebenserwartung der Welt und den gesündesten Einwohnern. Doch gemessen an Okinawa, hinken die Hauptinseln weit hinterher. Bei einem Vergleich mit Dorfbewohnern im nordjapanischen Akita wiesen die Alten von Ogimi weit bessere Hämoglobin- und Cholesterinwerte auf, einen niedrigeren Blutdruck, die hohe Calciumzufuhr wirkte sich positiv aus, es kam seltener zu Knochenbrüchen.

Weit weniger litten an Kreislauf- und Herzkrankheiten. Für die Wissenschaftler Bradley Willcox, D. Craig Willcox und Makoto Suzuki, die Herausgeber der Studie "The Okinawa Program", ist Okinawa das Gesundheitsparadies schlechthin. "Herzkrankheiten sind minimal, Brustkrebs so selten, daß Mammographien nicht nötig sind, und die meisten alternden Männer haben noch nie von Prostatakrebs gehört."

Jugend leidet unter Übergewicht

Die Erkenntnisse aus Okinawa sind schön für die Traditionalisten und die Hüter der Kultur. Doch der Einfluß des Wohlstands und des Westens dringt von den Großstädten in die Provinz, die Eßgewohnheiten verändern sich in Windeseile. Während die gesunden Greise von Okinawa die Wälzer der Forschung füllen, sorgen sich die Wissenschaftler schon um die Enkelgeneration. Okinawa ist einer der größten amerikanischen Stützpunkte in Asien, im Gefolge der Soldaten haben McDonald's und Kentucky Fried Chicken ihren Siegeszug angetreten.

Die Lebenserwartung der Männer auf Okinawa sinkt. Die Jugend leidet unter Übergewicht. Statt zu Fuß bewegt man sich mit dem Auto. Und statt in der Gruppe Sport zu treiben, sitzt man mit einem Snack zu Hause vor dem Fernsehgerät oder der Spielkonsole. "Die Entwicklung in der jüngeren Generation betrachten wir mit großer Sorge", sagt Professor Taira von der Ryukyu-Universität. "Es kommt heute oft vor, daß Kinder und Enkel vor Oma und Opa sterben." Die Tage im Paradies scheinen gezählt.

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