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Donnerstag, 09. Februar 2012
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Alltag eines Unfallchirurgen Schlaf wäre gut

03.01.2006 ·  Der Unfallchirurg Rainer Heintze arbeitet nicht selten rund um die Uhr. Manchmal macht ihn die Erschöpfung gleichgültig, dann ist er entsetzt über sich selbst. Michael Brüggemann begleitete den Arzt bei einer 24-Stunden-Schicht.

Von Michael Brüggemann
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Seit April 2004 arbeitet Rainer Heintze, 33 Jahre alter Facharzt für Unfallchirurgie, an der Universitätsklinik Mainz. Er setzt Metallplatten und Nägel in Gelenke ein, hämmert, schraubt und meißelt. Außerdem versorgt er Notfälle und kümmert sich um die Patienten auf der Unfallchirurgie. Fünf- bis sechsmal im Monat leistet er Bereitschaftsdienst und muß 24 Stunden durcharbeiten. Danach hat er einen Tag frei.

Nicht einmal das ist selbstverständlich: Besonders Assistenzärzte arbeiten häufig bis zur Erschöpfung, 60 bis 70 Stunden pro Woche, mit Marathonschichten von 24 oder 36 Stunden am Stück. Eine Lebens- und Berufsplanung ist da kaum möglich. Die Arbeitsverträge sind meist auf ein Jahr befristet, manche gelten nur für einen Monat. Überstunden werden oft weder bezahlt noch abgefeiert.

8.30 Uhr:

Regungslos liegt der Mann auf dem Rücken. Das Narkosegas betäubt seine Sinne. Aus dem Mund ragt ein fingerdicker Schlauch und versorgt die Lunge mit Sauerstoff. Am Kopfende der Liege surrt dumpf die Beatmungsmaschine. Vor anderthalb Jahren hatte der Vierundfünfzigjährige einen Autounfall. Seitdem stabilisiert ein Metallnagel seinen Unterschenkel. Nun kommt er wieder heraus. 28 Grad zeigt das Thermometer im Operationssaal 4 der Unfallchirurgie.

Eine Schwester verhüllt den Körper des Patienten mit grünen Tüchern, nur das linke Bein liegt frei. Auf dem blauen Kittel von Rainer Heintze zeichnen sich Schweißflecken ab. Der Unfallchirurg streicht den Unterschenkel mit honiggelber Desinfektionslösung ein. Die Haut glänzt wäßrig, Tropfen regnen auf die Abdeckfolie. „Suchen und finden“, murmelt Heintze beim Blick auf die Röntgenbilder: Der Titanstift sitzt im Unterschenkel, festgezurrt mit fünf Bolzen und einer Inbusschraube. Die Schwester reicht das Skalpell: Ein fingerbreiter Schnitt - und die Suche hat begonnen. Heintze beugt sich über den Patienten. Seine Hände umklammern einen Schraubenzieher, so fest, daß sich die Adern unter der Haut abzeichnen.

„Kommt sie?“ fragt OP-Arzt Reinhard Schikowski. Die Schraube bewegt sich keinen Millimeter. Heintze blickt ratlos gegen die Decke. Eigentlich hatten sie dem Mann den Nagel längst einpacken wollen. Als Andenken. Und jetzt? Stille. Nur das EKG-Gerät piepst. „Das ist wie bei den Schlossern“, sagt Schikowski. „Nach fest kommt ab.“ Endlich löst sich die Schraube. Das Gewinde ist nun offen, der Nagel kann herausgeschlagen werden. Heintze setzt einen Schlitzhammer an. Holt Schwung. Schlägt. Fünf, sechs kräftige Stöße. Dann schießt der blutgetränkte Titanstift heraus. Heintze ist noch zu Scherzen aufgelegt: „Es ist ein Junge!“

9.30 Uhr:

Rainer Heintze hat Kopfhaube und Mundschutz abgelegt. Darunter blondes kurzgeschorenes Haar und verschwitzter Dreitagebart. Er sitzt im Arztzimmer, blickt auf einen Flachbildschirm und tippt den OP-Bericht ein. Die Diagnose auf dem Monitor ist verschlüsselt: S 82.28, Unterschenkelfraktur. „Damit die Krankenkassen sofort Bescheid wissen.“ Die wichtigsten Stichworte für den Tag schreibt Heintze auf einen Zettel, der in seiner linken Brusttasche steckt. „Wenn der verlorengeht, bekomme ich Panik.“

Die Arbeit am Computer nimmt immer mehr Zeit weg. Seit Einführung der Fallpauschalen im vergangenen Jahr ist der Papierberg noch gewachsen. Statt nach Liegedauer zahlen die Krankenkassen nun nach Diagnose und berechnen fixe Behandlungssätze. Für die Versorgung Mehrfachverletzter müssen die Krankenhäuser häufig draufzahlen. Auch lange Klinikaufenthalte sind zu teuer. Durchschnittlich acht bis neun Tage liegt ein Patient heute im Krankenbett, so kurz wie nie zuvor. Für die Ärzte heißt das: mehr Aufnahmen, mehr Entlassungen, mehr Untersuchungen, weniger Zeit.

Knapp drei Stunden ihrer täglichen Arbeitszeit sitzen deutsche Klinikärzte über Papieren. Viele Überstunden, so die Ärztekammern, verdanken sie der Bürokratie. Unfallchirurgen sagen, wenn sie eine Platzwunde am Kopf nähen, dauere das fünf Minuten. Für das Dokumentieren brauche man doppelt so lange: den Erste-Hilfe-Schein ausstellen, das Operationsprotokoll schreiben, die Diagnose verschlüsselt in den Computer eingeben.

10.15 Uhr:

In dem Büro im ersten Stock klicken Aufnahme- und Pausetaste wie im Akkord. Rainer Heintze spricht hastig, in der linken Hand ein Diktiergerät. „Aufsuchen des elastischen Nagels und Entfernen des Nagels mit einem Ausschlaginstrumentarium.“ Er blättert in einer Akte, überlegt, blättert, spricht. Es piept in der Brusttasche: die nächste OP. Heintze stellt den Tauchring seiner Sportuhr auf 15 Minuten. Jetzt aber schnell. Zum Glück gibt es die Lieblingssekretärin. In der Regalwand ihres Büros stapeln sich Aktenbündel von 22 Ärzten der Unfallchirurgie. „Sie sind die Beste“, ruft Heintze und legt ihr die Aufnahmekassette zum Abtippen auf den Tisch. Im Weggehen hört er noch: „Das geht so aber nicht!“

13.15 Uhr:

Heintze sitzt im Pausenraum der Station. Es gibt Omelett mit Petersilienkartoffeln, das Essen einer Patientin, die am Morgen entlassen wurde. Mehr als sechs Stunden hat er hinter sich, noch knapp 21 stehen bevor. „Am nächsten Tag fühlt man sich manchmal wie ein Legastheniker.“ Häufig müsse er Gutachten ein zweites oder drittes Mal lesen. Einmal, als er noch Assistenzarzt in einem Wiesbadener Krankenhaus war, sei er morgens auf der Heimfahrt am Steuer eingeschlafen. Der Wagen krachte gegen die Leitplanke, Heintze kam mit dem Schrecken davon.

Ein Oberarzt habe ihm gesagt: „Erzählen Sie der Versicherung nicht, daß Sie 24 Stunden gearbeitet haben!“ Auch die Patienten leiden unter der Müdigkeit der Mediziner. Zwar verhindern Adrenalinschübe meist grobe Fehler bei Operationen. Doch Wissenschaftler fanden heraus, daß das Reaktionsvermögen nach 24 Stunden ohne Schlaf so schlecht ist wie mit einem Promille Alkohol im Blut. Andererseits gehen bei den Übergaben viele Informationen verloren. Man kann nicht einfach eine Operation abbrechen und dem Kollegen das Skalpell in die Hand drücken. Mehrere Bundesländer wollen nun die reguläre Arbeitszeit auf 42 Stunden ausdehnen. Deshalb gibt es Streiks und Proteste.

Dabei schwiegen die Mediziner lange, wohl auch aus Angst, nicht befördert zu werden. Um zum Facharzt aufzusteigen, müssen junge Assistenzärzte einen Operationskatalog abarbeiten. Das kann fünf bis sechs Jahre dauern, wenn der Chefarzt will, auch länger. Noch immer sind die Hierarchien in der Ärzteschaft klar abgesteckt: Den Konferenzraum, in dem morgens die Übergabe stattfindet, nennen die Mainzer Unfallchirurgen „König Artus' Tafelrunde“. In der zweiten Stuhlreihe, außen an der langen Schrankwand, sitzen die Assistenzärzte, innen Oberärzte und der Chefarzt. An der Wand Bilder seiner Amtsvorgänger.

13.30 Uhr:

Die Patientin trägt ein schwarzes Kostüm, Lippenstift, bordeauxrotes Haar. Das linke Bein der Sechsundsiebzigjährigen schaut krumm unter dem Rocksaum hervor. Morgen bekommt sie eine Knieprothese. „Wenn Sie das hinkriegen, sind Sie ein Künstler“, strahlt die alte Dame. „Kann die Narkose wieder der Kollege mit dem grauen Bart machen?“ Heintze stutzt. „Wir wollen die Zeit besser nutzen, um Ihre Operation zu besprechen.“

Er malt ihr Kniegelenk auf ein Blatt Papier: „Das schneiden wir ab und zementieren dann die Prothese ein.“ Anna Ziegler lauscht interessiert. „Und kann ich gleich die Narkose kriegen?“ Heintze seufzt. Die Schwester betritt den Raum, ein Telefonat für die Dame. Fünf Minuten bleiben Heintze täglich für jeden Patienten. „Wenn einer zu redselig wird, beginnt bei mir schon die innere Uhr zu ticken.“

14.30 Uhr:

Chef-Sprechstunde. Während der Chefarzt in einem Behandlungsraum mit den Patienten redet, protokolliert Heintze mit, wickelt Verbände, füllt Rezepte und Taxischeine aus. Bis 16 Uhr betreuen die Mediziner knapp 20 Verletzte.

17.15 Uhr:

Spätvisite. Ein junger Patient hockt auf dem Bett. Die Beine hat er in die Decke gehüllt und dicht an die Brust gezogen. „Ich bin ein bißchen melancholisch“, flüstert er und vergräbt seine Finger in der Bettdecke. „Das ist doch ganz normal in dieser Situation“, sagt Rainer Heintze. Es bleibt ein Versuch. Die Brustwirbelsäule des Mannes ist bei einem Motorradunfall gebrochen. „Einiges nimmt einen schon mit“, sagt Heintze. „Da setzt dann auch der innere Wecker mal aus.“

18.10 Uhr:

Der Bereitschaftsdienst hat begonnen. Rainer Heintze ist noch bei der Visite, als man das Röhren der Hubschrauberrotoren hört. Kurz darauf wird er über Funk alarmiert. Ein Schwerverletzter in Lebensgefahr, meldet der Notarzt. Im Schockraum der Ambulanz ein Dutzend Anästhesisten, Chirurgen, Neurochirurgen, Pfleger und Schwestern. Mit einem Tragesack heben die Rettungssanitäter den Patienten auf eine rote Notfalliege. Der 55 Jahre alte Mann liegt da wie ein gefällter Baum.

Die linke Hand ist verbunden, sein kariertes Hemd hängt zerknittert aus den Jeans. Manchmal hebt sich sein Kopf, und er schaut verstört durch den Raum. Die Wangen sind aufgebläht, es riecht nach Alkohol. Dann sackt der Kopf wieder herab. „Machen Sie mal die Augen auf?“ Heintze leuchtet mit einer Taschenlampe in die Pupillen. Tastet Bauch, Brustkorb und Becken ab, winkelt die Beine an. Der Patient ist mit dem Auto von der Straße abgekommen. Aber schwere Verletzungen hat er nicht erlitten. Nach einer Computertomographie kommt der Betrunkene zum Ausnüchtern in den Aufwachraum.

19.50 Uhr:

Heintze läßt sich im Schwesternzimmer auf den Bürostuhl fallen. Ein Funksignal. „Entweder es ist was Nettes, dann ist es meine Frau, oder 'ne Neuaufnahme.“ Seine Frau ist auch Ärztin. Manchmal sehen sie sich eine Woche nicht. Aber für viel sei er nach einer Nachtschicht ohnehin nicht zu gebrauchen. Meist habe er schlechte Laune und döse vor dem Fernseher. „Man entwickelt sich zum asozialen Wesen, kommt nach Hause und wünscht sich, daß keiner nervt.“

23.32 Uhr:

Vier Notaufnahmen liegen hinter ihm. Ein Bett, am Kopfende ein Nachttisch mit Leselampe und Telefon, schräg gegenüber ein Fernseher. An der Wand hängt ein Notrufgerät: Früher war der Raum ein Patientenzimmer, heute liegen die Ärzte hier. Drei bis vier Stunden Schlaf, das wäre gut, meint Heintze. Seine Augen sind träge. „Manchmal leidet ein Patient, und es ist dir gleichgültig, weil du so erschöpft bist. Und im nächsten Moment bist du entsetzt über dich selbst.“

Quelle: F.A.Z., 03.01.2006, Nr. 2 / Seite 8
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