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Aidstherapie als HIV-Schutz? Gib Gummi!

24.06.2008 ·  Mit der Kommission für Aidsfragen in der Schweiz hat erstmals eine renommierte Aids-Institution öffentlich die Binsenweisheit des HIV-Schutzes in Frage gestellt. Damit stürzte sie unter anderen die Deutsche Aidshilfe in Erklärungsnöte. Deren neue Aufklärungskampagne liegt auf Eis.

Von Peter-Philipp Schmitt
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Ohne ist undenkbar - und das seit mehr als einem Vierteljahrhundert. „Unentbeerlich!“ schreibt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) darum auch augenzwinkernd über eines der Motive ihrer neuen Aidskampagne. Seit Mai sind die Plakate wieder überall zu sehen. Das Poster „Unentbeerlich!“ zeigt eine Erdbeere, über die ein Kondom gezogen ist. Weitere Motive sind ein gummigeschützter Maiskolben (“Poppt sicher!“), eine Zitrone (“Sicher macht lustig!“), eine Birne (“Lecker, knackig, wild sucht ...“) und eine Feige: „Ist nicht feige!“

Die „mach's mit“-Kampagne ist ein Grundpfeiler der deutschen HIV-Prävention. Kein Wunder, dass der Präsident der Eidgenössischen Kommission für Aidsfragen, Pietro Vernazza, für Verunsicherung sorgte, als er Anfang des Jahres in der Schweizerischen Ärztezeitung einen Artikel mit der Überschrift veröffentlichte: „HIV-infizierte Menschen ohne andere STD (sexuell übertragbare Erkrankungen) sind unter wirksamer antiretroviraler Therapie sexuell nicht infektiös.“ Erstmals schien damit eine renommierte Aids-Institution öffentlich die Binsenweisheit des HIV-Schutzes in Frage zu stellen. Und sie stürzte unter anderem die Deutsche Aidshilfe (DAH) in Erklärungsnöte.

Trotz Präventionsarbeit steigen die Infektionszahlen

Schon in der Schweiz gab es nach Erscheinen des Artikels offenbar hinter den Kulissen politische Auseinandersetzungen. Groß war die Sorge, dass aus „mach's mit“ ein „mach's ohne“ mit kaum absehbaren Folgen werden könnte. Immerhin handelt es sich um einen Straftatbestand, wenn ein HIV-Positiver ungeschützt mit einem HIV-Negativen sexuell verkehrt und ihn über seine Infektion im Unklaren lässt. Dass zudem die Infektionszahlen trotz aufwendiger Präventionsarbeit in Deutschland seit Jahren steigen, sorgte zusätzlich für Unmut: von 2006 auf 2007 um mehr als 100 auf 2752 Fälle, was etwa vier Prozent entspricht; 2001 waren es 1443 Neudiagnosen gewesen. Deswegen hatte das Bundesgesundheitsministerium auch den Etat für die Aufklärungsarbeit von 2007 an um drei Millionen Euro erhöht.

In Deutschland wird seit der Veröffentlichung des Artikels um eine gemeinsame Position in der Aidsprävention gerungen. Die neue Kampagne der DAH, die rechtzeitig zum „Christopher Street Day“ aufklärende Wirkung haben sollte, wurde im März auf Eis gelegt - genauer: Sie wird noch einmal evaluiert. Hauptslogan der auf eineinhalb Jahre angelegten Kampagne ist: „Ich weiß, was ich tu“. Schwule aber wissen das wohl nicht immer, sonst würden die Infektionszahlen nicht gerade unter Homosexuellen steigen (von 2006 auf 2007 um zwölf Prozent). Nach dem Vorstoß der Schweizer Kommission wird befürchtet, dass noch mehr auf Kondome verzichten könnten, weil sie glauben, sie wüssten, was sie tun. Dabei werden so viele Kondome in Deutschland verkauft - 2007 waren es 209 Millionen - und verwendet wie nie zuvor. Ein Grund für die steigenden Infektionszahlen ist daher auch die wachsende Bereitschaft Schwuler, sich auf HIV testen zu lassen.

Das Kondom ist der „Goldstandard der Prävention“

Die Ergebnisse, die Vernazza aus mehreren Studien zieht, sind weder neu, noch richten sie sich vor allem an Homosexuelle. Im Gegenteil: Seit Jahren wird beobachtet, dass die sogenannte Viruslast im Blut und vor allem im Sperma von Aidskranken mit einer wirksamen und konsequenten Therapie unter der Nachweisgrenze liegt, dass das Übertragungsrisiko gleich null ist. In der Schweiz, in der viel mehr Heterosexuelle HIV-infiziert sind als in Deutschland (2007 waren in der Schweiz von 750 neuen Fällen 345 heterosexuell, 310 homosexuell, in Deutschland waren es von 2752 Neudiagnosen 1543 Homosexuelle und 413 Heterosexuelle), geht es bei serodifferenten Paaren daher besonders um die Erfüllung ihres Kinderwunsches.

Bei einer Studie mit 62 Paaren - der HIV-positive Mann erhielt antiretrovirale Medikamente - kam es zu keiner Infektion. Ausschließen müssen die Ärzte dabei allerdings, dass der Aidspatient unter einer weiteren sexuell übertragbaren Erkrankung leidet, zum Beispiel Syphilis oder Herpes. Sonst kann das Infektionsrisiko schnell um das Zehn- oder sogar Hundertfache steigen.

Vergleichbare Studien mit homosexuellen Paaren gibt es noch nicht. Für die Direktorin der BZgA, Elisabeth Pott, bleibt daher das Kondom der „Goldstandard der Prävention“. Sie warnt vor einer Verkürzung wie: „Wer therapiert wird, kann andere nicht mehr infizieren.“ Für ein heterosexuelles diskordantes Paar indes biete die wirksame antiretrovirale Therapie einen zusätzlichen Schutz - zum Kondom.

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Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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