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Aidsprävention Mit Feige und Kondom

18.07.2008 ·  Aids ist kaum noch ein Thema in Deutschland. Dabei steigt die Zahl der Neudiagnosen auch hierzulande seit Jahren. Die Prävention jedoch versagt offenbar - und das nicht nur bei Schwulen.

Von Peter-Philipp Schmitt
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Ein Kind wartet auf den Tod. Der süße Fratz, kaum zwei Jahre alt, sitzt auf einer Liege, auf der sonst verurteilte Schwerverbrecher festgeschnallt werden, bevor sie mittels Giftinjektion ins Jenseits befördert werden. Ratlos blickt es auf seine Betrachter - als frage es sich: Was soll ich hier? Aufklären, provozieren, Geldbeutel öffnen? Auf dem Plakat steht eine Notiz: „Verurteilen Sie Ihr Kind nicht unschuldig zum Tode“, heißt es da. „Jeden Tag infizieren sich weltweit 1700 Babys bei der Geburt mit HIV. Machen Sie während der Schwangerschaft einen HIV-Test. Denn auch eine HIV-positive Frau kann zu 98 % ein gesundes Kind zur Welt bringen.“ Im ganzen Jahr 2007 hat das Berliner Robert Koch Institut (RKI) 25 Kinder in Deutschland registriert, die sich bei ihren Müttern mit dem HI-Virus angesteckt haben. Das sind nicht viele Fälle. Doch mindestens 16 von ihnen wären vermeidbar gewesen.

Das „Todeszellen“-Plakat der „Michael Stich Stiftung“ schürt Ängste. Es wird in deutschen Städten gezeigt und verschweigt doch, wie es um die Mutter-Kind-Übertragungsraten in Deutschland bestellt ist. Die Kritiker schimpfen darüber, dass die Hamburger Werbeagentur Jung von Matt im Auftrag des ehemaligen Tennisprofis Stich HIV-Positive als Todeskandidaten abstempelt. „HIV ist kein Todesurteil!“, heißt es in einem Offenen Brief von Beate Jagla, ehemals Mitglied des Vorstands der Deutschen Aidshilfe (DAH). Aus Unschuldigen würden Schuldige gemacht. "Todeszelle und HIV-Infektion - das kann man nicht vergleichen." Aids aber ist eine tödliche Krankheit, selbst wenn in Deutschland Aidskranke immer länger und besser mit dem Virus (über-)leben können.

Was darf Aidsprävention?

Ist das Bild von einem angeblich dem Tode geweihten Kind in einer Anzeigenkampagne vertretbar, obwohl es in unseren Breiten mit einer Therapie gar nicht mehr vorzeitig sterben muss? Was darf Aidsprävention? Fakten ignorieren, Informationen verschweigen, dafür aber provozieren, um vielleicht Aufmerksamkeit für ein Thema zu erregen, das nach mehr als 25 Jahren von der deutschen Öffentlichkeit kaum noch wahrgenommen wird? Genau das darf Aidsaufklärung nicht, sagt der Geschäftsführer der DAH, Luis Carlos Escobar Pinzón. Für ihn ist die Stich-Kampagne auch keine Präventionskampagne. „Das ist Fundraising“, sagt Escobar Pinzón, „da soll die Kasse klingeln.“ Im Namen Stichs werde bewusst mit Klischees und Vorurteilen gegenüber Menschen mit HIV und Aids gearbeitet. „Ich kann dem nichts Gutes abgewinnen“, so Escobar Pinzón, denn die Aktion widerspreche dem Ansatz der DAH oder auch der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), Solidarität mit den Betroffenen zu zeigen.

Die Bremer Frauenbeauftragte, Ulrike Hauffe, hat im Juni nach massiven Protesten gegen ein anderes Stich-Plakat (eine Mutter sitzt auf einer Parkbank und schaukelt einen Kinderwagen, der in Wirklichkeit ein Kindersarg ist, daneben steht der Slogan: „Ganz die Mama - HIV-positiv“) dafür gesorgt, dass in der Hansestadt die Motive abgehängt wurden. Hauffe hat sie nicht, wie kolportiert wird, verboten. Sie rief aber die Stadtmöblierungs-Firma JCDecaux an, die in ganz Deutschland Plakate unentgeltlich aufgehängt hatte, um so die Arbeit der Stich-Stiftung zu unterstützen.

In Deutschland wurden Gelder für Aufklärungsarbeit gekürzt

JCDecaux ließ sich von Hauffe überzeugen, zumindest in Bremen: Mütter würden zu Unrecht als Täterinnen dargestellt. Auch die Frauenärzte der Stadt schlossen sich der Kritik an: Das Plakat vermittle den Eindruck, dass die Problematik (der Mutter-Kind-Übertragung) in Deutschland dramatisch sei, „was jedoch nicht der Fall ist“. Michael Stich setzt dem entgegen: „Jedes einzelne Kind ist es wert, dass diese Aufklärungskampagne betrieben wird.“

Deutschland ist scheinbar eine Insel der Glückseligen. Die deutsche Aidsprävention ist eine Erfolgsgeschichte - vor allem, wenn man die Infektionszahlen in anderen Ländern heranzieht. Und weil es überall sonst so viel schlechter bestellt ist, klopften sich die zuständigen Politiker nach vielen Jahren erfolgreicher Arbeit fast nur noch gegenseitig auf die Schultern - und kürzten die Gelder für die Aufklärungsarbeit. Warnungen wurden ignoriert. Inzwischen wächst eine Generation heran, die glaubt, Aids sei eine Krankheit in Afrika und Actimel, der probiotische Joghurtdrink aus dem Hause Danone, schütze vor dem HI-Virus.

Kondome im Alltag verankern

„Kondome schützen“, der Slogan ist alt und nach wie vor richtig. Die „mach's mit“-Kampagne der BZgA gibt es schon seit 1993. Sie ist, wie es auf der Internetseite www.machsmit.de der Bundesbehörde im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) heißt, „das sichtbarste und bekannteste Element der 1987 gestarteten Dachkampagne ,Gib Aids keine Chance'“. Ihr Ziel: Kondome gewissermaßen im Alltag zu verankern - „sowohl im privaten Leben als auch in der öffentlichen Wahrnehmung“. Und der Erfolg scheint ihr recht zu geben: Im Jahr 2007 wurden in Deutschland so viele Kondome verkauft wie nie zuvor - 209 Millionen. Mehr als zwei Drittel aller Jugendlichen benutzen inzwischen bei ihrem ersten Sexualkontakt ein Kondom.

Zugleich haben die HIV-Neudiagnosen wieder einen Höchststand erreicht, wie das RKI im Mai mitteilte. Von 2006 auf 2007 nahmen sie von 2643 um vier Prozent auf 2752 zu. Im Jahr 2001 waren es noch 1443 gewesen. Das entspricht in nur sechs Jahren einem Anstieg um mehr als achtzig Prozent. Selbst wenn ein großer Teil davon auf eine verbesserte Erfassung der Neudiagnosen zurückgeführt wird, so wäre der Anstieg doch erheblich. Während die Neudiagnosen bei Frauen 2007 gegenüber dem Vorjahr um zwölf Prozent sanken, stiegen sie bei Männern um acht Prozent. Es ist kein Geheimnis, dass eine Gruppe überproportional betroffen ist: Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), wie es politisch korrekt heißt - viele davon um die vierzig und älter.

Gute Therapiemöglichkeiten wirken sich negativ auf die Aidspräbention aus

Gesundheitspolitiker sprechen angesichts der Zahlen weiterhin von einem niedrigen Niveau. Und sie haben ja auch recht, vergleicht man die Daten mit anderen europäischen Staaten: In der Schweiz wurden 2006 dreimal so viele HIV-Neudiagnosen registriert (gemessen pro einer Million Einwohner), in Portugal sechsmal und in Estland sogar fünfzehnmal so viele. Neudiagnosen sind nicht mit Neuinfektionen gleichzusetzen: So führe die durch Kampagnen geschürte Nachfrage nach dem HIV-Test vor allem bei den besonders gefährdeten MSM dazu, dass mehr Infektionen entdeckt würden, heißt es bei der BZgA. Zugleich nimmt die Zahl anderer sexuell übertragbarer Krankheiten wie Syphilis beständig zu, und unter anderem eine Syphilis-Infektion fördert die Übertragungswahrscheinlichkeit von HIV um ein Mehrfaches. Auch steigt die Zahl der Menschen, die mit dem Virus (über-)leben, jährlich um vier Prozent. Damit nimmt die Wahrscheinlichkeit zu, beim ungeschützten Sex auf einen HIV-Positiven zu treffen. Gerade die guten Therapiemöglichkeiten wirken sich negativ auf die Aidsprävention aus: Mit der chronischen Krankheit lässt sich doch gut zurechtkommen, signalisieren Pharmafirmen in Werbeanzeigen für ihre Aidsmedikamente.

Fachleute sprechen von Kondommüdigkeit

Nicht nur die erhebliche Zunahme von Syphilis-Fällen ist ein klares Zeichen dafür, dass auf Kondome vermehrt verzichtet wird. Auch Fachleute sprechen schon lange von einer Kondommüdigkeit - vor allem unter Schwulen. Der Aids-Forscher Lutz Gürtler redet sogar von „Kondomophobie“. Nach Jahrzehnten des „safer sex“ ist ihnen nun endgültig die Lust mit Gummi vergangen. Ein Blick auf die einschlägigen Schwulenseiten im Netz genügt: „BB“ ist angesagt, es wimmelt von „Barebacking“-Angeboten, zu deutsch: „reiten ohne Sattel“. Gemeint ist: Sex ohne Kondom. Als Anfang des Jahres die Eidgenössische Kommission für Aidsfragen (EKAF) einen Artikel unter der Überschrift „HIV-infizierte Menschen ohne andere STD (sexuell übertragbare Erkrankungen) sind unter wirksamer antiretroviraler Therapie sexuell nicht infektiös“ veröffentlichte, war das wie eine Befreiung. Viele HIV-Infizierte glaubten, sie könnten nun endlich wieder ohne Kondom Sex haben. Dass die Schweizer Empfehlung ganz und gar kein wissenschaftlicher Freibrief ist und sich nach deutscher Lesart auch nur auf heterosexuelle Paare in fester Bindung bezieht, ging in der Euphorie unter.

Infektionsraten sollen „auf niedrigem Niveau“ weiter steigen

Teile der Hauptrisikogruppe, die schwulen Männer, fühlen sich von der Aidsprävention immer weniger angesprochen. Die meisten Fachleute rechnen damit, dass die Infektionsraten in den nächsten Jahren weiter, wie es heißt, „auf niedrigem Niveau“ ansteigen werden. Lutz Gürtler, bis vor kurzem Direktor des Friedrich-Loeffler-Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Universität Greifswald, macht eine einfache Rechnung auf: Rund 60.000 Menschen leben schon in Deutschland mit HIV. „Wir schätzen, dass die Behandlung eines Aidspatienten bis zu seinem Tod mindestens 600.000 Euro kostet.“ Wenn weiterhin an die 3000 Neudiagnosen pro Jahr hinzukommen - Mediziner schätzen, dass bis zu einem Drittel der HIV-Positiven bislang nicht einmal etwas von ihrer Infektion wissen -, lassen sich leicht die Konsequenzen für das deutsche Gesundheitssystem vorhersagen. Und von noch etwas weiß Gürtler zu berichten, der auch Mitglied des Arbeitskreises Blut beim BMG ist: Im vergangenen Jahr gab es eine HIV-Übertragung durch eine Blutkonserve. „Alle ein bis zwei Jahre gibt es noch immer einen solchen Fall in Deutschland.“ In den Vereinigten Staaten sind es schon etwa zwölf Fälle jährlich. Wir befinden uns also auch hier auf niedrigem Niveau. Doch handelt es sich eindeutig um ein Systemversagen.

Das Kondom bleibt „Goldstandard der Prävention“

Hat die Aidsprävention versagt? Wenn die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in ihrer aktuellen Kampagne Kondome zeigt, die Erdbeeren, Feigen oder Maiskolben wie Zipfelmützen übergezogen werden, verharmlose sie das ernste Thema, glaubt Toygar Bazarkaya, Geschäftsführer von BBDO in Düsseldorf, Deutschlands größter Werbeagentur. Die Direktorin der BZgA, Elisabeth Pott, widerspricht: Studien belegten, dass die Kampagne gut aufgenommen werde. „Wir haben sie ja vorher auch auf ihre Wirksamkeit getestet.“ Trotzdem werde man im nächsten Jahr neue Wege beschreiten: ohne Obst und Gemüse. „Aufhänger werden Orte sein, an denen Sex stattfindet.“ Am Kondom hält die BZgA dabei natürlich fest: Sie bleibe, sagt Pott, der „Goldstandard der Prävention“.

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