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Welt-Aidstag 2012 : Die wiederentdeckte Geißel

Gegen die Kriminalisierung: Tuberkulose-Patienten demonstrieren in Kiew für mehr Respekt und eine bessere Behandlung. Bild: AFP

Tuberkulose war eine vergessene Seuche. Inzwischen ist sie die häufigste Todesursache bei Aids. 2013 könnten nun erstmals neue Medikamente auf den Markt kommen.

          Es begann mit Magen-Darm-Krämpfen – tagelang. Und die Schmerzen wurden immer schlimmer. Natalie Skipper schleppte sich von einem Arzt zum anderen. Der eine tippte auf Morbus Crohn, ein anderer auf Colitis ulcerosa. Drei Monate lang ließ sie die Behandlungen über sich ergehen. Doch die Symptome der einen wie der anderen vermeintlich chronisch-entzündlichen Darmerkrankung wurden nicht besser. Zusätzlich litt die junge Amerikanerin aus der Kleinstadt Paris in Tennessee auch unter Fieber, Kopf- und Brustschmerzen. Ein Röntgenbild der Lunge deutete auf eine Lungenentzündung hin, die eigentlich leicht zu behandeln sein müsste. Aber wieder vergingen Wochen, und die Dreißigjährige wurde nicht gesund. Nach einem halben Jahr stellten ihre Ärzte schließlich die richtige Diagnose: Tuberkulose.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          „Ich konnte es einfach nicht fassen“, erzählt Natalie Skipper. Jeder Kontakt mit ihr war hochgefährlich, jedes Mal, wenn sie husten musste, verbreitete sie die Erreger in der Luft. „Ich musste eine Gesichtsmaske tragen und fühlte mich wie von der Außenwelt abgetrennt. Niemand will mehr in deiner Nähe sein. Alle starren dich an, man fühlt sich dreckig.“ Die Ärzte isolierten sie zunächst für zwei Wochen und gaben ihr die übliche Kombination der vier gängigsten Antibiotika: Isoniazid, Rifampicin, Ethambutol, Pyrazinamid. Aus den zwei Wochen Isolation wurden vier, dann stellte sich heraus, dass keines der Medikamente wirkte. Natalie hatte sich in Südafrika eine multiresistenten Tuberkulose (MDR-TB) eingefangen.

          Der lebende Beweis für Tuberkulose

          Zwei Jahre lang dauerte schließlich ihre Behandlung mit einer Vielzahl von Medikamenten, deren Nebenwirkungen ihr das Leben zur Qual machten. Drei Monate durfte sie mit keinem anderen Menschen näheren Kontakt haben. Heute ist sie dankbar, noch am Leben zu sein. „Ich hatte großes Glück. Es gab Momente, da war nicht klar, ob ich überleben würde.“ Natalie Skipper, die immer noch schwach wirkt, erzählt in einem Video für die Allianz gegen TB („TB Alliance“) auch, dass sie froh ist, für viele andere über die Krankheit sprechen zu können. „Ich bin der lebende Beweis, dass es Tuberkulose noch gibt.“ Und dass das, was Menschen in Afrika tagtäglich passieren kann, auch uns betrifft. Heute dürfe man eine Krankheit nicht ignorieren, nur weil sie vermeintlich außerhalb der eigenen Landesgrenzen wüte.

          Der Fall Natalie Skipper, der vor wenigen Tagen auch auf der internationalen Konferenz der Union gegen Tuberkulose und Lungenkrankheiten („The Union“) in Kuala Lumpur beispielhaft geschildert wurde, ist bei weitem kein Einzelfall. Bis zu zwei Milliarden Menschen leben beschwerdefrei mit dem „Mykobacterium tuberculosis“ in ihrem Körper, ohne infektiös zu sein. Tuberkulose bricht nur bei fünf bis zehn Prozent der Infizierten aus, meist wenn das Immunsystem besonders geschwächt ist. Die sogenannte Schwindsucht zählte schon seit Mitte des 20. Jahrhunderts nicht nur zu den heilbaren Krankheiten, sie war auch eine der medizinisch fast vergessenen Seuchen. Dabei grassierte sie in vielen Regionen der Welt weiter, allerdings überwiegend bei den ganz Armen irgendwo in Ländern der Dritten Welt.

          Nachdem Robert Koch vor 130 Jahren das Tuberkulose-Bakterium entdeckt und beschrieben hatte, wurde vor 90 Jahren die erste und einzige Schutzimpfung entwickelt – allgemein bekannt als Bacille Calmette-Guérin (BCG). Geimpft wird in Deutschland heute niemand mehr mit dem Impfstoff. Aufgrund seiner unzureichenden Wirksamkeit ist er schon seit 1998 nicht mehr verfügbar. Die ersten wirksamen Antibiotika gegen Tuberkulose wurden in den vierziger Jahren, die letzten in den sechziger Jahren entwickelt. Danach stellte die Pharmaindustrie ihre Forschung gegen die Infektionskrankheit, nach ihrem Entdecker auch „Morbus Koch“ genannt, ein.

          Seit den Sechzigern keine neuen Medikamente

          In den Achtzigern traten dann erstmals Fälle von MDR-TB auf – und schon bald nicht mehr nur in Entwicklungsländern. Zudem wurde Tuberkulose ein ständiger und tödlicher Begleiter einer weiteren Menschheitsgeißel: von Aids. Inzwischen zählt Tuberkulose zu den Haupttodesursachen von HIV-Infizierten. Etwa jeder sechste Aids-Kranke stirbt an der Lungeninfektion. Insgesamt gab es 2011 knapp neun Millionen neue TB-Fälle und 1,4 Millionen TB-Tote – besonders im Süden Afrikas, aber auch in anderen Regionen der Welt wie China und Osteuropa. Tuberkulose zählt zu den drei häufigsten Todesursachen von Frauen im Alter von 15 bis 49 Jahren.

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