22.11.2006 · Allein in China sind in diesem Jahr 30 Prozent mehr Menschen an Aids erkrankt als im Jahr 2005. Laut aktualisiertem Weltaidsbericht werden sich bis zum Jahresende 4,3 Millionen Menschen neu angesteckt haben, 2,9 Millionen Menschen werden an den Folgen von Aids sterben.
Die Zahl der HIV-Infizierten steigt in China dramatisch: Seit Jahresanfang wurden fast 30 Prozent mehr Fälle registriert. Besonders durch ungeschützten Sexualverkehr breite sich das Virus jetzt von Risikogruppen auf die allgemeine Bevölkerung aus, warnten Experten. Nach Angaben der „China Daily“ ist die Zahl der bekannten Infektionen von 144.089 Anfang 2006 bis Oktober auf 183.733 gestiegen.
Mindestens 650.000 Chinesen seien infiziert, schätzen Experten von UNAIDS und der chinesischen Regierung. Viele wüßten nicht einmal davon. Einer der Gründe für den starken Zuwachs könne in der verbesserten Berichterstattung zu den Infektionen liegen. Doch ließen die Experten keinen Zweifel daran, daß sich das Virus auch durch die sexuelle Liberalisierung und Ignoranz in weitere Kreise der Bevölkerung ausbreite. So steckten sich immer mehr Chinesen durch unsichere Sexualpraktiken an.
Prostituierte verzichten häufig auf Kondome
Vereinzelten Untersuchungen zufolge bestünden nur 38 Prozent der Prostituierten auf der Benutzung von Kondomen, berichtete das Blatt weiter. Die Zahl der HIV-Fälle im Gewerbe steige. Hatten sich 2002 erst 10 Prozent der berichteten Infizierten bei ungeschütztem Sexualverkehr angesteckt, seien es heute 28 Prozent. Auch teilten sich die Hälfte aller Drogenabhängigen noch immer Injektionsnadeln mit anderen Süchtigen.
„Diese beiden Ursachen sind eine große Gefahr, weil es noch keine wirksamen Maßnahmen gibt, um dieses riskante Verhalten zu verhindern“, wurde Vizedirektor Hao Yang vom Büro für die Kontrolle infektiöser Krankheiten im Ministerium zitiert. Die Infektionsrate unter homosexuellen Männern liege je nach untersuchter Region zwischen einem und vier Prozent. Infektionen mit virenverseuchten Blutspenden, die in den 90er Jahren in China außer dem Drogenmißbrauch noch eine der Hauptursachen für die Verbreitung waren, machten fünf Prozent aller HIV-Fälle aus.
Weltweit 39,5 Millionen Infizierte
Anfang dieser Woche hatte das Aidsbekämpfungsprogramm UNAIDS der Vereinten Nationen die aktualisierten Weltaidsbericht 2006 vorgestellt. Trotz einzelner Lichtblicke hat die weltweite Aidsepidemie mit 39,5 Millionen Infizierten einen neuen Höchststand erreicht. Bis zum Jahresende werden sich weltweit 4,3 Millionen Menschen neu mit dem Aidserreger HIV angesteckt haben. 2,9 Millionen Aidstote verzeichnet der Weltaidsbericht 2006, der in aktualisierter Fassung vom Aidsbekämpfungsprogramm UNAIDS der Vereinten Nationen in Genf und Berlin vorgestellt wurde. Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) betonte: „Inzwischen sind fast die Hälfte der Infizierten weltweit Frauen, vor zehn Jahren waren es nur 12 Prozent.“
Die Bundesregierung werde bei der G8- und EU-Ratspräsidentschaft das Thema Aids und die besondere Unterstützung für Frauen und Mädchen hochrangig auf die Agenda setzen, betonte die Ministerin. Rund 400 Millionen Euro will Deutschland 2007 für den Kampf gegen die Immunschwächekrankheit weltweit einsetzen.
In Deutschland stagniert die Zahl neuer Infektionen auf hohem Niveau: Im ersten Halbjahr 2006 wurden 1197 neue Fälle gemeldet. Vor allem bei Männern, die Sex mit Männern haben, hat sich die Zahl der Neuansteckungen von 2001 bis 2005 wieder mehr als verdoppelt. „Aber auch Migranten sind hier zu Lande weit schlechter über HIV und Aids informiert als Deutsche“, kritisierte Ulrich Heide, Vorstand der Deutschen Aids-Stiftung in Berlin. „Wir alle wissen nicht erst seit der Vogelgrippe, daß Infektionskrankheiten vor keiner Grenze Halt machen.“ Allein in den vergangenen 18 Monaten hätten Betroffene aus 112 Herkunftsländern, die in Deutschland leben, bei der Aidsstiftung um Hilfe gebeten.
Nach wie vor wird Afrika südlich der Sahara am stärksten von dem Immunschwächevirus heimgesucht: Dort leben fast zwei Drittel aller Infizierten (63 Prozent). Zwar sei der Anteil der Infizierten in einigen Ländern der Region zurückgegangen, diese Trends seien aber weder stark noch weit verbreitet genug, um die Epidemie wirklich zu schwächen, betonte UNAIDS. Fast drei Viertel (72 Prozent) aller Aids- Todesfälle gab es im Süden Afrikas (2,1 Millionen). Den stärksten Anstieg der HIV-Infektionen verzeichnet der Bericht in Ost- und Zentralasien sowie Osteuropa. Dort gab es 2006 etwa ein Fünftel (21 Prozent) mehr Infizierte als noch 2004.
Nur 6,8 Millionen haben Medikamente
Weltweit erhalten nach UNAIDS-Angaben nur etwa ein Viertel der 6,8 Millionen Bedürftigen Medikamente. Im Kampf gegen Aids fehle viel Geld: 2006 stünden weltweit voraussichtlich 8,9 Milliarden US-Dollar (6,9 Millionen Euro) zur Verfügung. Benötigt würden aber 14,9 Milliarden Dollar. Zahlreiche Hilfsorganisationen klagen, daß die reichen Länder hinter zugesagten Hilfszahlungen zurückbleiben. Würden die vorhandenen Behandlungs- und Vorbeugemethoden umgesetzt, ließen sich bis Ende 2020 etwa 29 Millionen neue Infektionen verhindern, berichtete UNAIDS. Allein bis 2015 würde das 24 Milliarden Dollar Behandlungskosten sparen.
In Asien, der am zweitstärksten betroffenen Region, leben 8,6 Millionen Menschen mit HIV/Aids. In Indien sind 5,7 Millionen infiziert, es ist damit vor Südafrika (5,5 Millionen) das Land mit den meisten Betroffenen. Zunehmend werden Inderinnen infiziert, weil sich ihre Männer bei Prostituierten anstecken - in Bombay sind laut UNAIDS bis zu 54 Prozent der Prostituierten HIV-positiv.
In den reichen Ländern West- und Zentraleuropas sowie den Vereinigten Staaten leben insgesamt 2,4 Millionen HIV-Infizierte, etwa 290.000 steckten sich 2006 neu an. Mitverantwortlich für die kaum sinkenden Zahlen sei auch der durch die neuen Medikamente hervorgerufene Gedanke, „daß HIV kein Todesurteil mehr sein muß“, sagte UNAIDS-Direktor Bertil Lindblad. „Vor 15 Jahren war Aids in den Großstädten sichtbar, heute ist das nicht mehr der Fall.“ Die Gefährlichkeit der Krankheit müsse wieder mehr ins Bewusstsein der Menschen rücken. „Schließlich wird die Zahl der Menschen mit HIV/AIDS auch bei uns jedes Jahr größer“, sagte Heide.