27.06.2004 · Bei jungen Schwulen steigt die Zahl der HIV-Infektionen deutlich an. Und die Aids-Hilfen haben kein Konzept dagegen, denn das „Schreckgespenst“ Aids ist zum Mythos geworden.
Von Peter-Philipp SchmittLetzthin war mal wieder von „positivem Denken“ die Rede. Mit Aids hatte das nichts zu tun, gesprochen wurde über ein ganz anderes Thema. Trotzdem traf es Tim wie ein Schlag in die Magengrube - das Wort, das seit Januar eine schreckliche Bedeutung im Leben des Frankfurter Studenten hat.
Der Test sei längst überfällig gewesen. „Ich bin nur hingegangen, weil ich mir eine Syphilis eingefangen hatte“, erzählt der Siebenundzwanzigjährige. Auch eine Hepatitis A hatte Tim (Namen von der Redaktion geändert) schon mal, zu einer Zeit, als er noch, wie er sagt, „hundertprozentig safen Sex“ hatte. Das änderte sich, nicht bei jedem Mal, aber immer mal wieder.
Keine Ahnung mehr
„Ich war blauäugig und glaubte den Geschichten, die erzählt werden. Zum Beispiel, daß sich der aktive Part beim Analverkehr nicht so leicht ansteckt.“ Tim weiß viel über HIV und Aids. Richtig informiert hat er sich aber erst nach seinem positiven Testergebnis. „Ich kannte die Regeln. Doch ich habe ja auch Freunde, die schon bald zwanzig Jahre mit Aids leben.“ Genau deswegen habe er sich nicht mehr so große Gedanken über safer Sex gemacht: „Mit dem Bewußtsein, eine Infektion mit dem HI-Virus hätte innerhalb von zwei Jahren meinen sicheren Tod bedeuten können, hätte ich natürlich nie auf ein Kondom verzichtet.“
Über seine Erkrankung sprach er zuerst mit einem seiner besten Freunde, der die Gruppe „20+pos.“ in Frankfurt mitbegründet hat. So stieß er auch auf die Aids-Hilfe, die die Selbsthilfegruppe unterstützt. Viel am Hut hatte er bis dahin nicht mit den „Bewegungsschwestern“, wie er die aus der Schwulenbewegung der späten Siebziger und frühen Achtziger stammenden, noch immer überwiegend männlichen Mitarbeiter der Aids-Hilfe nennt. „Die sind ja aus einer ganz anderen Zeit und haben nur wenig Ahnung von dem, was heute so abgeht.“
Besitzstandswahrung
Die Aids-Hilfen sind in die Jahre gekommen. Frankfurt bildet da keine Ausnahme: Einst als schwule Selbsthilfegruppe gegründet, feiert die größte deutsche Aids-Hilfe im nächsten Jahr ihr Zwanzigjähriges. Die vergangenen Jahre waren hart: Öffentliche Gelder wurden gestrichen, Stellen ebenso. Was davon übrigblieb, wurde solidarisch aufgeteilt. Die meisten der hundert Hauptamtlichen arbeiten trotzdem nicht weniger, und sie werden natürlich auch 2004 wieder auf ihr Weihnachtsgeld verzichten.
Nur zu verständlich, daß sich alle an das klammern, was ihnen geblieben ist. Das nennt man Besitzstandswahrung. Doch während in den Vorständen und den Geschäftsführungen der Aids-Hilfen überwiegend Männer sitzen, die mittlerweile zwischen vierzig und fünfzig Jahre alt sind, steigt die Zahl der Neuinfektionen vor allem in einer Altersgruppe: bei den Zwanzig- bis Fünfundzwanzigjährigen.
Sinkender Absatz von Kondomen
Das Berliner Robert-Koch-Institut sieht Hinweise darauf, daß die HIV-Epidemie auch in Deutschland eine neue Dynamik erhalten könnte. Zwar liegt die Zahl der jährlichen Neuinfektionen seit einigen Jahren bei etwa 2000. Unter jungen Schwulen nimmt sie aber vor allem in Großstädten zu. In München hat sich zum Beispiel die Zahl der positiven Aids-Tests in kurzer Zeit mehr als verdoppelt, wie das Gesundheitsreferat der Stadt meldet: von 17 auf 38.
Untersuchungen ergaben, daß sich das Risikoverhalten von Männern, die Sex mit Männern haben, verändert hat. Und nicht nur in Deutschland, sondern in allen größeren Städten Westeuropas und Nordamerikas. Indizien dafür sind die epidemische Ausbreitung der Syphilis und die Zunahme anderer sexuell übertragbarer Infektionen wie etwa der Gonorrhöe. Zugleich sinkt der Absatz von Kondomen in Deutschland: Im Jahr 2000 wurden noch 207 Millionen verkauft, 2003 waren es 189Millionen.
Das Risiko als Kick
Stefan ist 27Jahre alt. Seit zwei Jahren ist er positiv - genauer: seit zwei Jahren weiß er, daß er mit HIV infiziert ist. Fünf Jahre lang war er davor nicht bei einem Aids-Test, weil es ihn, wie er sagt, nicht interessiert hat. Erst als er ins Krankenhaus kam und ihm sowieso Blut abgenommen werden mußte, stimmte er einem Test zu. „Ich bedauere fast nichts. Wer sich in meinen Kreisen bewegt, muß mit dem Risiko leben.“ Mit seinen Kreisen meint Stefan schnellen und anonymen Sex. „Von den meisten Typen kenne ich nicht einmal den Namen.“ Stefan hat Erfahrungen mit Drogen. Und im Rausch, so sagt er, „siegt fast immer der Schwanz“.
Er erzählt von „Bare-backing-Partys“, die es seit Mitte der Neunziger gibt. „Bare back“ heißt soviel wie „nackter Hintern“ und meint nichts anderes als ungeschützten Sex zwischen Männern, die bereits mit einem HI-Virus infiziert sind (was keineswegs ungefährlich ist, denn so kann es zu einer Mehrfachinfektion, einer sogenannten Superinfektion, kommen, mit einem Virusstamm, der möglicherweise schon Resistenzen gegen Aids-Medikamente aufgebaut hat). Mittlerweile gehen auch Nichtinfizierte auf „Bare-backing-Partys“ - nach dem Motto: Lebe wild und gefährlich, man ist ja nur einmal jung. Dabei schützen sie sich nur mit so abstrusen Überlegungen wie: Wenn's mich erwischt, schluck' ich halt ein paar Pillen. Und: In zehn Jahren gibt's doch sowieso ein Heilmittel.
Der „Mythos-Virus“
Genau das suggerieren die großen Pharmaunternehmen, die mit gutaussehenden, vor Gesundheit strotzenden Models für ihre Aids-Medikamente werben. Die Nebenwirkungen, die ihre Pillen haben und die zum Teil verheerend sein können, werden verschwiegen. Seit Jahren klagen Fachleute über diese Art der Verharmlosung. Genauso wie über die mangelhafte Aufklärung, die merkwürdige Blüten treibt.
Manuel ist 24 und stammt aus Peru. Als Au-pair kam er vor drei Jahren nach Hamburg. Dort lernte er seinen deutschen Freund kennen, der von Anfang an beim Sex auf Kondome verzichtete. „Er erzählte mir, daß es das Virus gar nicht gebe“. Eine gern kolportierte Geschichte (www.aids-kritik.de), die von einem „Mythos-Virus“ handelt. Demnach existiert das HI-Virus nicht und kann somit auch nicht die Ursache von Aids sein.
Das Schreckgespenst Aids
Für Aids-Aufklärung ist in Deutschland die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zuständig. Doch lange ist es her, daß Hella von Sinnen zur besten Sendezeit „Tina, wat kosten die Kondome?“ rief. „Selbst die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender zeigen unsere Spots nicht mehr“, sagt Marita Völker-Albert von der BZgA. Mitte der achtziger Jahre, als das Schreckgespenst Aids noch durch alle Haushalte geisterte, gab die BZgA 50 Millionen Mark für Aids-Kampagnen aus. Seit 1998 sind es noch 18 Millionen (neun Millionen Euro). Kein Wunder, daß nur noch 30 Prozent der Deutschen Aids als besonders gefährliche Krankheit einstufen. „Die Nach-80-Geborenen haben doch höchstens noch die Ausläufer der Aids-Aufklärung mitbekommen“, sagt auch Tim.
Schwule Präventionsarbeit wird längst nicht mehr von allen Aids-Hilfen geleistet. Die Berliner haben sie komplett aufgegeben. Sie überlassen es unter anderen den „Schwestern der Perpetuellen Indulgenz“, in die schwule Subkultur zu gehen und über HIV und Aids aufzuklären. In fast allen großen Städten gibt es ähnliche Projekte: Junge, oft schrill verkleidete Schwule verteilen Safer-Sex-Utensilien dort, wo sie gebraucht werden - und das meist im Auftrag der jeweiligen Aids-Hilfe. Doch selbst die vermeintlichen Kenner der Szene erreichen dabei nicht immer die gewünschte Zielgruppe.
Neuinfektion im Drogenrausch
Der Geschäftsführer der Aids-Hilfe Bremen, Thomas Frenkl, beobachtet schon seit einigen Jahren, daß sich junge Schwule in der schwulen Szene nicht mehr heimisch fühlen. „Die schwule Community nutzen sie oft nur noch für schnellen Sex, während wir Älteren sie aufgebaut haben oder zumindest in ihr groß geworden sind, um auch füreinander dazusein und Freundschaften zu pflegen“. Die heutige Generation sei darauf nicht mehr angewiesen. „Junge Homosexuelle haben keine ausschließlich schwule Identität mehr“, ist sich der 43 Jahre alte Frenkl sicher.
Nach seiner Erfahrung finden besonders viele Neuinfektionen im Drogenrausch statt, etwa bei Techno-Veranstaltungen. „Da brechen dann alle Dämme“. Den Aids-Hilfen falle es daher schwer, die Jugend zu erreichen. Diese sei äußerst konsumorientiert und zahle lieber 15 oder 20 Euro für eine geile Party, als selbst eine zu organisieren. Darum gingen auch fast alle ehrenamtlichen Projekte vor die Hunde. „Andererseits stoßen sie bei den Aids-Hilfen auf feste Strukturen, in die sie nicht reinkommen, weil alle Stellen besetzt sind“.
Allerdings nicht mehr in Bremen: Der Senat hat die Fördermittel (160.000 Euro) kurzerhand gestrichen, mit der Begründung, das Gesundheitsamt könne sich ebensogut um die etwa 2.000 HIV-Infizierten kümmern. Seither versucht sich die Aids-Hilfe mit ehrenamtlichen Helfern und Spenden über Wasser zu halten. Frenkl, der zugibt, daß den Aids-Hilfen nicht nur Geld, sondern häufig auch ein Konzept fehlt, hofft mittelfristig auf Geld von der EU.
Vor verschlossener Tür
Bis dahin wandert die „klassische Klientel“ nach Hamburg ab. In der größeren Hansestadt aber klagen Aids-Kranke ganz besonders über die Aids-Hilfe, die viele, schon wegen ihres Namens, als erste Anlaufstelle empfinden. Obwohl die Mittel knapp sind, hat sich der Verein einen Umzug geleistet: in das schönste Haus am Platze, wie Jochen sagt. Mitten im Schwulenviertel der Stadt, in St.Georg, residiere die Aids-Hilfe nun an der Langen Reihe. „Die machen es sich da so richtig schön, und wir bleiben auf der Straße“, sagt der 28 Jahre alte Verkäufer.
Tatsächlich ist die Tür der Aids-Hilfe tagsüber geschlossen. Eine Katastrophe, wie Jochen findet. „Keiner stellt sich doch auf die schwule Hauptstraße Hamburgs, um erst mal zu klingeln und zu warten. Da weiß ja jeder gleich, was mit einem los ist“. Jörg Korell, Leiter des Beratungszentrums der Aids-Hilfe, findet die Entscheidung, nach St. Georg zu gehen, richtig. „Nun sind wir genau dort, wo wir gebraucht werden“. St. Georg sei ja auch der Treffpunkt für Drogenabhängige. Zudem sei die Miete nicht gestiegen. „Der Umzug war im Grunde wie ein Sechser im Lotto“.
Hilfe zur Selbsthilfe
Vorher sei man am Rande von St. Pauli gewesen, an einem Ort, wo sich gerade abends viele nicht hingetraut hätten. Es stimme zwar, daß die Tür tagsüber geschlossen sei, aber nicht ohne Grund: Im Erdgeschoß sei das Beratungszentrum untergebracht, das von Ehrenamtlern betrieben werde. Da könne man nicht einfach so reinmarschieren. „Wer zu uns kommt und Beratung sucht, hat ein Anrecht auf seine Privatsphäre“. Zwischen 16.30 und 19.30 Uhr stehe die Tür zudem offen.
Tim weiß, wie schwer es jungen Schwulen fällt, sich als „positiv“ zu outen. „Sie haben ja schon Angst, überhaupt zum Test zu gehen“´. Und weil auch da die Unterstützung der Aids-Hilfen fehle, „wollen wir von ,20+' junge Schwule zum Aids-Test führe“. Tim und seine Freunde bieten Hilfe zur Selbsthilfe, wie es schon eine frühere Generation tat - vor etwa 20 Jahren. Für Hannelore Knittel, Geschäftsführerin des Bundesverbands der Deutschen Aids-Hilfen, sind solche Aktionen vor allem ermutigend. „Darauf haben wir Älteren lange gewartet. Ich hoffe aber, daß sie doch noch irgendwann zu uns finden und dann so richtig auf den Putz hauen“.
Peter-Philipp Schmitt Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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