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Veröffentlicht: 01.12.2008, 09:44 Uhr

Aids Die neue Sorglosigkeit

Immer weniger Schwule sehen Aids als Gefahr. Infizierte aber werden ausgegrenzt - obwohl sie keine Gefahr mehr sein müssen. „Die Solidarität unter Schwulen ist nicht mehr vorhanden.“ Ein Betroffener berichtet. Aufgezeichnet von Peter-Philipp Schmitt.

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© elHITphotography „Ich weiß, wie ich mich schützen kann. Ich hoffe, Du auch.”

Jedes Jahr kurz vor dem Weltaidstag am 1. Dezember geht Lothar in der Frankfurter Innenstadt von Geschäft zu Geschäft. Er versucht die Besitzer dazu zu bewegen, ein „Solidaritätsbärchen“ zugunsten der Aidshilfe auf Kommission hinterlegen zu dürfen. Der Teddy, 15 Zentimeter groß und aus umweltfreundlichem Kuschelmaterial hergestellt, ist seit den Achtzigern ein Sechs-Euro-Symbol der Menschlichkeit. Das Risiko für die Ladeninhaber ist eigentlich gering, doch nur die wenigsten wollen sich beteiligen. „Ich komme mir vor, als würde ich betteln“, sagt Lothar. „In anderen Städten werden bis zu 40.000 Teddys verkauft, hier sind es gerade mal 5000.“ Es frustriert ihn, dass so viele Geschäftsleute nicht mitmachen wollen - offenbar aus Angst vor einer Krankheit, mit der sie lieber nichts zu tun haben wollen.

Peter-Philipp Schmitt Folgen:

Lothar - „ich bin ein Vorzeigepositiver“ - hat in den neunziger Jahren Gesicht gezeigt. Er hat bei Hans Meiser und Ilona Christen freimütig seine Lebensgeschichte ausgebreitet. Doch das ist lange her. Ihm macht es zwar noch immer nichts aus, an die Öffentlichkeit zu gehen. Inzwischen aber glaubt er, sein Umfeld schützen zu müssen. Die Situation für einen Aidskranken habe sich verschlechtert. „Selbst die einstige Solidarität unter Schwulen ist nicht mehr vorhanden.“ Seinen richtigen Namen will Lothar nicht in der Zeitung lesen. Sein ehemaliger Freund, ein Friseur, so glaubt Lothar, könnte seine Kunden oder seinen Job verlieren, wenn bekannt würde, dass er mit einem HIV-Positiven im Bett war. „Ängste“, sagt Lothar, „sind irrational.“

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Wann ist der richtige Zeitpunkt, sich zu offenbaren?

Dabei passt er auf - anders als viele andere. „Nach Absprache“, das klingt nach etwas, das verhandelbar ist. Lothar aber verhandelt nicht darüber, ob er Sex mit oder ohne Kondom hat: „Ohne geht gar nicht.“ Auch er surft auf der Suche nach einem möglichen Partner durchs Internet. In seinem Profil auf Gayromeo steht aber nicht „Nach Absprache“, sondern dass er kein Problem damit hat, Sex mit einem Mann zu haben, der HIV-positiv ist. „Denn ich weiß, wie ich mich schützen kann. Ich hoffe, Du auch.“ Das klingt für manchen vermutlich uncool - und es verbaut Lothar auf der Kennenlernplattform wohl einige Kontakte. Mehr als die Hälfte der regelmäßigen Nutzer verzichtet - „sehr oft“, „oft“, „manchmal“ oder „selten“ - auf den Schutz vor HIV. Das ergab eine Gayromeo-Umfrage im Jahr 2006 unter mehr als 55.000 Mitgliedern des Chat- und Kontaktportals, das insgesamt an die 600.000 Mitglieder hat.

aids2 © elHITphotography Vergrößern „Man muss keine Angst vor mir haben”

Lothar gibt nicht sofort alles von sich preis. In seinem Profil steht zum Beispiel nicht, dass er HIV-positiv ist. Selbst bei einem ersten Treffen von Mann zu Mann spricht er nicht unbedingt über seine Infektion. Wann aber ist der richtige Zeitpunkt gekommen, sich zu offenbaren? Sein Gegenüber, sagt Lothar, könne es ja als Vertrauensbruch verstehen, wenn er erst nach ein paar Tagen, nach etlichen Treffen, womöglich nach dem ersten Sex von dem Virus erfahre. „Andererseits will ich zunächst als Mensch und nicht als Aidskranker wahrgenommen werden.“

Sie ist seit mehr als 20 Jahren tot

Mit 18 Jahren, Ende der Siebziger, war Lothar bereits in der schwulen Szene in Gießen unterwegs. Weil er aus einem katholischen Dorf in der Wetterau stammt, verheimlichte er seine Ausflüge. Der Einzelhandelskaufmann wohnte auch in den achtziger Jahren noch zu Hause und arbeitete im Betrieb der Eltern mit. Damals war er bisexuell. Er hatte mehrere Beziehungen mit Frauen, eine von ihnen infizierte ihn im Jahr 1983. Wie sie sich angesteckt hatte, weiß er, darüber sprechen will er nicht. Warum auch? Sie ist seit mehr als 20 Jahren tot. Wütend auf sie ist er nicht. Natürlich sei die Diagnose ein Schock gewesen, sagt Lothar. „Das Wie und Wo und Wann aber hat keine große Rolle für mich gespielt. Für mich war nur klar: Ich muss jetzt damit umgehen.“

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